Veggieworld: Mein Bauch gehört mir

Gemüse ist mein Fleisch | Foto: Lisa Sänger

Als Renate Künast vor kurzem einen Veggie-Day in Kantinen forderte, erntete sie einen Shitstorm. Ähnlich emotional dürfte über gesunde Ernährung auf der „VeggieWorld“ diskutiert werden, der Messe für nachhaltiges Genießen, die Ende Oktober zum zweiten Mal in Düsseldorf gastiert. Über Essen und Ethik haben sich auch schon andere Gedanken gemacht – und daraus die Konsequenzen gezogen.

Die Vegetarierin

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass Vera Kürten, Romanistik-Studentin aus Düsseldorf, dem Fleischkonsum abgeschworen hat. Das fiel ihr nicht besonders schwer. „Ich habe schon immer wenig Fleisch gegessen“, sagt die 23-Jährige, „aber irgendwann wollte ich nicht mehr.“ Zu groß die Umweltbelastung durch die Fleischproduktion, eklig und abstoßend die Massentierhaltung. Nicht viel besser steht es um Fisch, der Zuchtanlagen entstammt, die heute euphemistisch Aquakultur genannt werden. Fische sind somit ebenfalls vom Speiseplan gestrichen. Vera wohnt in einer WG mit zwei Nicht-Veggies, „das klappt aber ganz gut“. Ihre Gemüsequiche ist eines von vielen Argumenten dafür, dass man auch ohne Fleisch abwechslungsreich kochen kann. Ansonsten liegt es ihr fern, andere zu missionieren. „Das muss jeder für sich selbst entscheiden.“ Wichtiger ist ihr das Bewusstsein um die Problematik, die bekanntlich beim Einkaufen anfängt. Also Bio- statt Supermarkt, weniger konsumieren, dafür bessere Qualität. Dass die breite Masse umdenkt, bleibt wohl eine Illusion, aber „wenigstens etwas“ könne auch der Einzelne tun. Man muss ja nicht gleich einen 360°-Schwenk vollziehen: „Mir ist schon klar, dass ein völlig widerspruchsfreies Leben schwer zu führen ist.“

Die Veganerin

Im Spätsommer 2010 erschien ein Buch, das das Leben nicht weniger Menschen verändern sollte. So auch das von Alessandra Schnabel. „Tiere essen“ von Jonathan S. Foer war „der letzte Kick, meine Ernährung radikal umzustellen“. Zuvor hatte die heute 46-Jährige bereits zwölf Jahre vegetarisch gelebt. „Heute frage ich mich, warum ich nicht früher Veganerin geworden bin“, sagt Alessandra. Vegane Ernährung sei das Beste für sie und ihre Gesundheit, davon ist sie überzeugt. Wissenschaftliche Belege liefert die „China Study“: Nach dieser Langzeitstudie gilt es als erwiesen, dass der Verzehr von tierischen Produkten degenerative Krankheiten verursacht bzw. begünstigt. Veganismus mag beim Essen anfangen, hört dort aber noch lange nicht auf. Wer über Klimaschutz, Welthunger, Tierleid und Nachhaltigkeit nachdenkt, kommt schnell an den Punkt, wo keine Kompromisse mehr möglich sind. Kleidung, Schuhe, Kosmetika, selbst Putzmittel (Tierversuche) stehen auf dem Prüfstand. „Nicht alles ist von heute auf morgen umsetzbar, aber irgendwann ist es selbstverständlich, konsequent vegan zu leben.“ Mann und Tochter waren anfangs nicht sonderlich begeistert, heute sind die Fronten geklärt. Zuhause wird nur vegan gekocht, frisch und ohne Fertigprodukte. „Das ist eine leckere, vielseitige Küche“, erklärt die ausgebildete vegane Köchin und Ernährungsberaterin. Auswärts essen ist schon schwieriger – im Restaurant muss man es sich mitunter gefallen lassen, „dass das Personal die Nase rümpft und erstmal unter den Tisch guckt, welche Schuhe man trägt“. Damit hat es bald ein Ende: In naher Zukunft wird Alessandra mit zwei Partnern Düsseldorfs erstes veganes und bio-zertifiziertes Bistro eröffnen.

Die Paleo-Anhängerin

Abgenommen hat sie, aber das war gar nicht das Ziel, als die Düsseldorfer Schriftstellerin und Moderatorin Pamela Granderath ihre Ernährung umstellte. Den Ausschlag gab ein Doku-Film über die Missetaten der Lebensmittelindustrie – mit keinen guten Ergebnissen für die Gesundheit der Konsumenten und den Planeten. Weichmacher und Chemikalien in Verpackungen, Tiere, die an Plastiktüten verenden, nicht deklarierte Zutaten wie Schweinegelatine in Orangensaft, medikamentenverseuchtes Fleisch etc. etc. Als dann noch jemand den Hinweis auf die Paleo-Diät gab, war der Schritt zurück in die Steinzeit beschlossene Sache. Die Paleo- oder Steinzeit-Ernährung orientiert sich an Nahrungsmitteln, die mutmaßlich schon in der Altersteinzeit verfügbar waren: Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte, Gemüse, Obst und Nüsse, Eier, Kräuter, Pilze. Was die Jäger und Sammler nicht kannten, waren Getreide und Milchprodukte, denn Ackerbau und Viehzucht kamen erst vor ca. 10 000 Jahren auf. Nicht genug Zeit für unseren Körper, so die Theorie, sich daran anzupassen. Seit drei Monaten sind industriell verarbeitete Lebensmittel, Nudeln, Brot, Käse und Joghurt Vergangenheit in Pamelas Nahrungskette, „nur auf die Milch im Kaffee kann ich nicht verzichten“. Seitdem geht es ihr körperlich richtig gut: „Ich ernähre mich bewusster und esse überlegter, fühle mich fitter und bin nicht mehr so komamäßig satt.“ Eine mehr, die der Nahrungsmittel-Lobby verlorengegangen ist: „Unterstützt Foodwatch“, sagt Pamela.

Die Rohköstlerin

Mit Anfang zwanzig ging es Bharati Glanert aus Bad Dürrheim gesundheitlich sehr schlecht. Als nach endloser Odyssee kein Schulmediziner helfen konnte, startete sie einen Selbstheilungsversuch: Ernährung mit Rohkost. Es dauerte einige Monate, dann war Bharati „ein anderer Mensch“ – gesund und fit. Was eigentlich als mehrwöchige Kur gedacht war, praktiziert sie bis heute: Seit 15 Jahren ist Bharati vegane Rohköstlerin. Ihre Erfahrung und ihr Wissen gibt die ärztlich geprüfte Ernährungsberaterin in Seminaren weiter. „Viele Krankheiten und Allergien haben ihre Ursache im Verzehr von gekochten und verarbeiteten Nahrungsmitteln.“ Der Vorteil von Rohkost ist, dass sie nicht oder kaum hitzebehandelt wird, erlaubt sind maximal 40 °C. Alles darüber hinaus zerstört die Vitalstoffe, die Nahrung ist quasi tot. „Wir sind genetisch verwandt mit den Affen, die vertragen auch keine gekochten Nahrungsmittel.“ Eine rohköstliche Ernährung mache deutlich leistungsfähiger: „Ich brauche weniger Schlaf und habe kein Mittagstief. Es ist lebendige Nahrung, die uns lebendiger macht.“ Also Obst und Gemüse, essbares Blattgrün, Wildkräuter, Avocados, Oliven, Öl, Nüsse, Samen und Pilze. Verzichten müsse sie auf nichts, und „superpraktikabel“ im Alltag sei die Sache zudem – wer nicht kocht, spart viel Zeit. Rohkost muss übrigens nicht zwangsläufig vegan sein, noch nicht einmal vegetarisch. Trotzdem gelten Rohköstler vielen Menschen als exotische Spinner. Dass neben gesundheitlichen auch ethische Gründe für diese Ernährungsform sprechen, wird gerne übersehen. „Ich will niemanden bekehren“, sagt Bharati. „Aber ich würde mich freuen, wenn die Leute offener wären und nicht direkt zumachten.“

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