thyssenkrupp-Demo: 2.000 Arbeitsplätze in Gefahr

7000 Metaller haben am Bochumer Colosseum demonstriert. | Foto: Julia Hubernagel

Der Industrieriese thyssenkrupp soll mit Tata Steel fusionieren. 2.000 Stellen werden voraussichtlich  bei thyssenkrupp durch den Zusammenschluss wegfallen, vor allem Bochum scheint darunter leiden zu müssen. Gegen den Mega-Deal protestierten jetzt Tausende Gewerkschaftler, Arbeiter und Betroffene. Doch an einen Sieg der Arbeiter scheint niemand mehr zu glauben – außer Andrea Nahles vielleicht.

Über den Platz am Westpark, vor dem Colosseum, gellen schrille Pfiffe und Tröten. 7.000 friedlich Protestierende haben sich nach ihrem Marsch durch die Stadt auf dem symbolträchtigen Platz in Bochum-Stahlhausen versammelt, um den Vorständen ihren Unmut zu demonstrieren. Das geplante  Joint Venture mit Tata Steel würde hohe Synergien erzielen, heißt es von Seiten des thyssenkrupp-Konzerns. Mehr noch, „die geplanten Maßnahmen hätten wir auch im Alleingang umsetzen müssen“, sagt Dr. Heinrich Hiesinger, Vorstandsvorsitzender der thyssenkrupp AG, „im Gegenteil: Durch das Gemeinschaftsunternehmen fallen die Belastungen für jeden der beiden Partner geringer aus, als sie für beide allein ausgefallen wären.“

Die Metaller kämpfen für ihre Zukunft. |Foto: Julia Hubernagel

Niemand glaubt Thyssen-Chef

Glauben tut dem Chef des Essener Konzerns auf dem Platz niemand. „Das sagen die doch nur“, meinen Arbeiter des Duisburger thyssenkrupp-Werks, die ihre Namen nicht nennen möchten, „die Entlassungen werden in Kauf genommen, damit Einsparungen gemacht werden können. Und als erstes trifft es Bochum.“ Warum? „Wegen der ungünstigen Lage“, erklärt die Abteilung Autoblech. „Jede Tonne, die wir in Duisburg produzieren, muss hierhin gekarrt werden. In Duisburg werden wir mit Binnenschiffen über den Rhein beliefert.“ Ihre eigenen Arbeitsplätze sehen die seit fast dreißig Jahren Angestellten nicht in Gefahr, „wir sind hier für die nächste Generation. Aber es geht ja eh alles den Bach runter.“

Glaubt man den Vertretern von thyssenkrupp, steht es schlecht um die Stahlindustrie. „Die Nachfrage nach Stahl entwickelt sich in Europa wenig dynamisch“, so Pressesprecherin Nicola Röttger, alle Hersteller stünden daher unter Druck, ihre Anlagen auszulasten, auch thyssenkrupp. Falsch, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall NRW, „es gibt keine Stahlstandorte, denen es besser geht als denen in Deutschland.“ Deutliche Worte findet auch Andrea Nahles. Die Bundesministerin für Arbeit schimpft und brüllt. „Wenn die glauben, die kommen damit einfach durch, sagen wir nein“, ruft die 47-jährige SPD-Politikerin den Arbeitern zu. „Ihr seid nicht Schuld an der ganzen Kacke!“ Der schwarz-gelben Landesregierung weist sie sehr wohl Schuld zu und fordert sie auf, klar Stellung zu beziehen: „Verstecken Sie sich nicht hinter Herrn Hiesinger, Herr Laschet.“ Immerhin ist Wahlkampf.

| Foto: Julia Hubernagel

"Wir können doch eh nichts machen."

Weit weniger geladen ist die Stimmung in der Menge. Zwar wehen über den Platz viele Fahnen, doch meist von solidarischen IG-Metallern, Fabrikwerken anderer Unternehmen oder Parteien des roten Spektrums. „Wir können doch eh nichts machen“, sagt auch Roman Augustyniok, „bei Opel wurde genauso demonstriert.“ Und bei Nokia. Resigniert meint der bei thyssenkrupp Bochum Beschäftigte: „Hauptsache man ist gesund, oder?“ Zu oft wurde deutlich, dass weder Demonstrationen noch Betriebsräte etwas an den Entscheidungen „der da oben“ ändern könnten, so die allgemeine Grundstimmung der Protestierenden. „Was bei Tata besser funktioniert, wird bei thyssenkrupp dann einfach zugemacht“, ist sich Michael Herrmann von der IGM Salzgitter sicher.

Wenig Hoffnung macht sich auch die thyssenkrupp-Jugend. Pascal Grohmann ist Auszubildender im ersten Lehrjahr bei thyssenkrupp Gelsenkirchen. „Ich hab Glück gehabt, dass ich noch angenommen wurde, denn es werden ja jetzt auch weniger eingestellt“, sagt der angehende Elektriker. „Allerdings werden jetzt vielleicht weniger Azubis übernommen und man muss sich nach der Ausbildung eine neue Stelle suchen.“

Zurück ins Werk

Nach eineinhalb Stunden endet die Kundgebung, bei welcher viele Vertreter aus Politik und Gewerkschaft zu Wort gekommen sind. Auf der Bühne schallt laut der Ruf nach Kommunikation zwischen Betriebsrat und Vorstand, vor der Bühne glauben die Wenigsten an Besserung. Ein Gespräch auf Augenhöhe sei doch sowieso nie möglich, heißt es dort. Und so ziehen die thyssenkrupp-Angestellten direkt nach den Abschiedsworten auf der Bühne zu den Parkplätzen. Busse bringen die Arbeiter wieder zurück in ihre Werke. Schließlich muss im Ruhrgebiet heute noch Stahl gekocht werden. Mal sehen, wie lange noch. Julia Hubernagel

Andrea Nahles zeigte sich solidarisch. | Foto: Julia Hubernagel