Ausbildung zum Pferdewirt: Flüchtling sattelt um

Lutz Gripshöver ist sehr zufrieden mit Ibrahim Allo. | Foto: Dominique Schroller

Als Flüchtling kam Ibrahim Allo vor zwei Jahren nach Deutschland. Inzwischen macht er bei Lutz Gripshöver in Werne eine Ausbildung zum Pferdewirt. Ein wichtiges Etappenziel auf einer langen Reise.

Ganz selbstverständlich bewegt sich Ibrahim Allo auf der Weide zwischen den Stuten und Fohlen. Eines kommt neugierig näher und lässt sich die samtweiche Nase streicheln. „25 haben wir diesmal“, berichtet der junge Mann hörbar stolz. Seit einem Dreivierteljahr ist er für die insgesamt 180 Tiere auf der Anlage von Lutz Gripshöver mitverantwortlich. Der gebürtige Syrer absolviert in Werne eine Ausbildung zum Pferdewirt. Für ihn ein wichtiges Etappenziel auf einer langen Reise.

„Das ist genau das, was ich immer gesucht habe. Hier lerne ich ganz viel über die Aufzucht und Ausbildung der jungen Pferde, sammle Turniererfahrung und habe mich im Sattel schon enorm verbessert“, berichtet der 28-Jährige und die dunklen Augen leuchten. Er ist bereits in seiner Heimat geritten und wollte auch beruflich unbedingt etwas mit Pferden machen. „Doch bei uns gab es eine solche Ausbildung nicht.“ Stattdessen studierte er auf Wunsch seiner Eltern englische Literaturwissenschaft und machte 2012 seinen Abschluss. Danach sollte er wie alle Männer zum Militär. „Da hätte ich nur die Wahl gehabt, andere zu töten oder selbst getötet zu werden. Das wollte ich nicht.“ Seine Flucht vor dem Regime und seinem Krieg führte ihn zunächst nach Jordanien und schließlich in die Türkei, wo seine Familie derzeit lebt. „Von dort aus konnte ich nicht zurück. Ich wollte ein anderes Leben und musste meinen Weg finden“, betont Ibrahim Allo. Über das Mittelmeer gelangte er nach Griechenland und von dort über Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich schließlich nach Bayern.

Ganz selbstverständlich geht Ibrahim Allo mit den Tieren um. |Foto: Dominique Schroller

Sprache als Schlüssel

„Ich hatte viel Glück“, sagt er nachdenklich. In Landshut absolviert er einen Integrations- und Sprachkurs. „Das war nur am Anfang kompliziert – vielleicht weil ich schon Englisch konnte“, sagt er in fließendem Deutsch. Die Menschen zu verstehen, war für ihn der Schlüssel, um in der neuen Heimat anzukommen. „Von Anfang an habe ich versucht, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Das hat mir geholfen, denn die Deutschen schätzen es, wenn jemand motiviert ist und geben ihm eine Chance.“ Mit dieser Einstellung hat er auch seinen neuen Chef überzeugt.

„Die Bewerbung war schon sehr ordentlich und als er sich hier vorgestellt hat, waren wir alle von seinen Sprachkenntnissen überrascht. Das macht es natürlich im Alltag viel leichter, ihm etwas zu erklären“, sagt Lutz Gripshöver. Der mehrfache Nationenpreisreiter ist mit seinem Auszubildenden äußerst zufrieden. „Seine Stärken liegen im Springreiten und das kommt uns hier entgegen. Er ist außerdem sehr interessiert und wir verstehen uns menschlich sehr gut.“ Herzlich aufgenommen fühlt sich auch Ibrahim Allo. „Es ist wie eine zweite Familie. Wir essen jeden Tag zusammen und sie achten sogar darauf, dass ich kein Schweinefleisch esse. Das weiß ich sehr zu schätzen“, betont der 28-Jährige. Er fühlt sich sichtlich wohl und ein Stück weit angekommen. An die typisch deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit und Disziplin hat er sich längst gewöhnt. „Das kenne ich von zu Hause. Mein Vater war beim Militär.“ Es sei jedoch nicht immer leicht, das Denken der Menschen zu verstehen.

Amtsschimmel war kaum zu zügeln

Die größten Startschwierigkeiten bereiteten dem gebürtigen Syrer allerdings der Amtsschimmel. Er ließ sich anfangs kaum zügeln. „In den ersten Monaten musste ich unglaublich viel Papierkram erledigen und es hat so lange gedauert. Da habe ich viel Geduld gebraucht.“ Gleichzeitig bewundert er, dass alles geregelt und organisiert ist. „Das Beste an Deutschland ist aber, dass hier alle Menschen gleichberechtigt sind. Jeder hat ganz viele Möglichkeiten, sein Leben zu gestalten. Das gibt es in meiner Heimat nicht“, betont Ibrahim Allo. Obwohl er seine Familie und seine Freunde vermisst, wünscht er sich, bleiben zu dürfen. Für die Zukunft hat er bereits ganz konkrete Ziele. „Erst einmal möchte ich meine Ausbildung abschließen. Dann hoffe ich, einen guten Job zu finden und mich weiter zu verbessern. Vielleicht mache ich anschließend auch noch meine Meisterprüfung.“ Sportlich möchte er es auch gerne ganz nach oben schaffen und irgendwann bei Turnieren in der schweren Klasse starten. „Von Lutz Gripshöver kann ich viel lernen.“

Vorerst kann Ibrahim Allo allerdings keine großen Sprünge machen, denn er hat sich bei einem Sturz vom Pferd den rechten Arm gebrochen. Trotzdem begleitet er das Team zu Turnieren und tut, was er kann. „So etwas passiert in diesem Beruf eben, das ist ganz normal“, sagt er gelassen. Trotzdem kann er es kaum erwarten, bald wieder im Sattel zu sitzen. „Im Moment kann ich leider nur zuschauen“, sagt der 28-Jährige bedauernd. „Doch auch dabei kannst Du viel lernen“, ergänzt Lutz Gripshöver und klopft ihm aufmunternd auf die Schulter. Dominique Schroller

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