Freie Kunstszene Bochum: Kulturförderung ja, Online-Abstimmung nein!

Screenshot der Aktionsseite | Bild: Stadtwerke Bochum

Namhafte Vertreter des Bochumer Kunst- und Kulturlebens haben sich zu einem bemerkenswerten Schritt entschlossen: Ihr bereits am 12. Juli versendetes Schreiben an Stadtwerke-Chef Wilmert geben die Unterzeichner gut zwei Monate später zur Debatte an die Öffentlichkeit frei. Anlass des Offenen Briefs ist die Sponsoring-Aktion „Wofür schlägt dein Herz?“ der Stadtwerke Bochum Gruppe, die für das 2. Halbjahr 2013 insgesamt 450.000 € an Fördergeldern für „Zukunfts- und Bürgerprojekte“ auf den 4 Feldern Sport, Bildung, Soziales, Kultur zur Verfügung stellt.

Zumindest für letzteren Bereich wird der Sinn des Verfahrens einer Internet-Abstimmung stark angezweifelt: „Wir professionellen Kulturakteure fragen uns zunehmend besorgt und etwas ratlos: werden Kunstprojekte zukünftig nur noch Sponsorengelder erhalten, wenn sie Vote-kompatibel sind?“ Grund für den Gang an die Öffentlichkeit ist nun die Unzufriedenheit der Verfasser, dass ihr Appell weitgehend folgenlos verhallt: „Wir fordern Sie dringend auf, das Abstimmungsverfahren so lange ruhen zu lassen!“ Mehr als ein Gespräch mit Herrn Wilmert sei aber bisher nicht passiert, vom Kulturdezernenten Townsend gebe es keine Reaktion, der Countdown läuft ungerührt runter: „Ihre Stimme zählt! Die Abstimmung läuft noch… 12 Tage, 21 Stunden, 03 Minuten, 52 Sekunden“!

In der Tat wirft sowohl das Projekt der Stadtwerke als auch die Kritik eine Menge spannender Fragen auf:

- Ist das Online-Voting ein sinnvoller Ansatz zur Förderung des städtischen Kulturlebens oder verkommt die propagierte „Bürgerbeteiligung“ zum Marketing-Gag? Warum haben Menschen mit einer Stadtwerke-Kundennummer die doppelte Zahl an Stimmen? Ist die geforderte Mobilisierung möglichst vieler Internetanhänger ein Beitrag zu mehr „Transparenz und Demokratie“? Oder nötigt das Buhlen um Wahlstimmen partnerschaftlich kooperierende Kulturakteure in eine Konkurrenz um Sponsorengelder und Mainstream-Affinität?

- Warum sollten „professionelle Kulturakteure“ nicht ihrerseits an der möglichst breiten Beteiligung des Publikums interessiert sein? Und was hält dieses Publikum von dem Einwand des Offenen Briefs: „Kunst ist nicht unbedingt massentauglich, oft sperrig, komplex, bedient ganz sicher keinen Mainstream“? Wenden sich die Bochumer Kunstschaffenden also zu Recht gegen eine RTLisierung des öffentlichen Lebens?

Offener Brief

Sehr geehrter Herr Wilmert,

sowohl die Sparkasse Bochum als auch die Stadtwerke Bochum fördern in diesem Jahr Projekte im Online-Auswahlverfahren. Die Sparkasse vergibt aus Anlass ihres Jubiläums 175 mal 1.750 EUR, eine sympathische Geste, die sich besonders an kleine Initiativen und Vereine, an Schulklassen und Amateure wendet. Diese erhalten nicht nur die Chance auf Unterstützung ihrer Aktivitäten, sondern zugleich eine Plattform um auf sich und ihr Projekt aufmerksam zu machen. Wer könnte etwas dagegen haben. Die Säulen des Bochumer Kulturlebens stehen der Teilnahme an dieser Aktion allerdings ambivalent gegenüber. Die ganz Etablierten haben erst gar nicht teilgenommen, dürften auf 1750 Euro vermutlich auch nicht angewiesen sein. Bei uns und anderen unserer Größenordnung stellt sich die Frage: Welche Konsequenzen hat die Teilnahme angesichts der realistisch geringen Chance, die sich aus den Besonderheiten unserer Strukturen ergeben?

Die Sparkasse hat nun erste Erfahrungen mit dem Verfahren gemacht: selbst bei strengeren Maßnahmen bleibt eine offene Tür für Manipulation, durch die besonders die jüngere Klientel vergnüglich spaziert und die Abstimmungszahlen für ihre Projekte in schwindelnde Höhen schraubt. Hinsichtlich der Öffentlichkeitsarbeit ist das Ganze natürlich dennoch ein großer Erfolg. Und die Schulklassen und Vereine hatten sicher fröhlichen Ehrgeiz dabei. 

Komplizierter wird das Ganze, wenn das Voting-Verfahren, wie jetzt bei den Stadtwerken offenbar geplant, die fachliche Entscheidung selbst bei höheren Fördersummen dauerhaft ersetzen soll. Jeder in Bochum, der anspruchsvolle Kunst präsentieren will, kann sich unmöglich auf diese Form einer zukünftigen Förderpolitik einlassen. Kunstprojekte sind eben nicht vergleichbar mit den Aktivitäten etwa eines Sportvereins. Kunst ist nicht unbedingt massentauglich, sie ist oft sperrig, komplex, bedient ganz sicher keinen Mainstream. Mancher Nachwuchskünstler ist als Vorreiter mit seinen Konzepten zunächst ein Geheimtipp bevor der Durchbruch gelingt. Wir professionellen Akteure des Bochumer Kulturlebens fragen uns zunehmend besorgt und etwas ratlos: werden Kunstprojekte zukünftig nur noch Sponsorengelder erhalten, wenn sie Vote-kompatibel sind?

Viele unserer Angebote weisen Alleinstellungsmerkmale auf, sind aufgrund jahrelanger Qualität integraler Bestandteil der Kulturlandschaft in Bochum mit Ausstrahlungskraft weit darüber hinaus. Ihre Förderung sollte den Willen der Stadt und ihrer angegliederten Institutionen zum Ausdruck bringen, diese Projekte in Bochum realisieren und erleben zu wollen.

Vielleicht wäre für die Förderung von Kunst und Kultur die Zwischenschaltung oder zusätzliche Beratung durch eine Fachjury empfehlenswert? Wir möchten zu diesem Thema ein gemeinsames Gespräch zwischen den Kultur-Akteuren, der Sparkasse, den Stadtwerken und dem Kulturdezernat oder Kulturbüro anregen. Wir fordern Sie dringend auf, das Abstimmungsverfahren so lange ruhen zu lassen.

In der Hoffnung auf Ihr Interesse an einem gemeinsamen Austausch ,

mit freundlichen Grüßen im Namen aller Unterzeichner,

blicke filmfestival des ruhrgebiets
Deutsches Forum für Figurentheater, Festival FIDENA
Bahnhof Langendreer
HalloDu-Theater
Kulturhaus und Theaterhaus Thealozzi
Kunstwerkstatt am Hellweg, Wattenscheider Hellweg 9
MACONDO Literaturmagazin
prinz regent theater
ZEITMAULtheater
Freies Kunst Territorium (FKT)
Kunsthallen Rottstr. 5
Frank Goosen
Provinz Editionen, Projekte
Theater Wilde Hummel
Giampiero Piria (Schauspieler, Regisseur)
Dr. Hans-Peter Prüfer
Bochumer Kulturrat e.V.
Figurentheater-Kolleg
Jochen Malmsheimer

„Dafür schlägt mein Herz“: Kulturförderung per Mausklick?

Ein Jahr nach Ende des „Atriumtalks“ stehen die Bochumer Stadtwerke erneut in der Kritik. Diesmal jedoch nicht wegen teurer Imagepflege mit Promi-Gesichtern, sondern wegen eines durchaus unverdächtigen Anliegens – der Förderung von „Zukunfts- und Bürgerprojekten“ auf den Feldern Sport, Bildung, Soziales, Kultur. 450.000 € werden 2013 bereitgestellt, wobei niemand die Summe oder den Zweck der [mehr...]


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Kommentare

  1. von BÄH - Bochum ändern mit Herz 19.09.13 (18:23 Uhr)

    Hier kann man über das Thema abstimmen:
    Sollen die Bürger über die Verwendung der Sponsoringgelder von Sparkasse und Stadtwerken abstimmen?
    http://bo-stimmt-ab.de/2013/09/16/sollen-buerger-ueber-verwendung-sponsoringgelder-von-sparkasse-und-stadtwerke-abstimmen/

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