Duisburg-Rheinhausen, Berlin-Hellersdorf: Willkommen in Deutschland!

Notizen aus der Parallelgesellschaft. Von Marc Burger

Nie wieder“?

Gestern Solingen und Rostock, heute Duisburg und Berlin? Nein, so weit es noch nicht! Viel fehlt aber auch nicht. Die Stimmung ist nationalistisch aufgeheizt wie bei den fremdenfeindlichen Hetzjagden vor 20 Jahren, die sich niemals wiederholen sollten. Sind wir Deutschen aber seit damals nicht viel lockerer geworden im Umgang mit Ausländern und stecken nicht mehr alle in einen Topf? Haha, witziger Autoaufkleber: „Wir sind alle Ausländer. Fast überall.“ Und wenn wir unterscheiden, dann zwischen „Ausländern, die Deutschland nützen, und denen, die uns nur ausnützen“! Aber sogar unter letzteren gibt es solche und solche. Selbst Türken in der tiefsten deutschen Bronx halten die Roma auf dem „Arbeiterstrich“ für „Kanaken“. Solch feinfühlige Sortierungen kennt auch der ARD-Reporter in den Plattenbauten von Hellersdorf (inoffizieller DDR-Jargon: „Arbeiterschließfächer“): Diese Dumpfbacken mit dem Hitlergruß können nicht mal syrische „Bürgerkriegsopfer“ von „Armutsflüchtlingen“ unterscheiden, die uns unser Hartz IV wegfressen! Wenigstens erstere haben eure Molotowcocktails nicht verdient. Ach ja, Rassisten sind wir natürlich keine: Nicht alle Roma sind Verbrecher. Aber die Ausnahme bestätigt die Regel. Und meine kasachische Putzfrau ist echt in Ordnung.

Der Stein des Anstoßes

 

Eine überfüllte Mietskaserne in Duisburg und eine Asylantenunterkunft in Berlin sorgen für Ärger. Gegenstand des Ärgers sind, wie üblich in solchen Fällen, nicht die Häuser, in denen man die Leute verstaut, sondern ihre ausländischen Bewohner. Deutsche Anlieger sehen sich von zugereisten Rumänen oder Arabern bedroht und belästigt, die Initiative „In den Peschen 3-5“ eröffnet ein Facebook-Forum, das – oh Wunder! – ausgiebig für rassistische Gewaltfantasien genutzt wird, und sammelt Unterschriften gegen das „Problemhaus“, NPD- und „Pro-Deutschland“-Kader schreien „Deutschland den Deutschen“, alle wollen das Übel an der Rübe packen: Diese Nachbarn sind „integrationsunfähig“, voll die „Parallelgesellschaft“ und so. Dasselbe ohne Fremdwörter: „Niederbrennen sollte man das Dreckpack!“ Natürlich bloß, wenn mal wieder die Polizei nicht kommt. Lynchjustiz erfolgt nur in absoluter Notwehr!

Deutsch für Ausländer (1): „Problemhaus“

Seine Bewohner kommen in Rudeln ungebeten über die Grenze (siehe -> Problembär), nisten an den schönsten Plätzen der Welt (-> Duisburg-Rheinhausen, Berlin-Hellersdorf), haben ständig Hunger, aber nie Geld. Zivilisatorische Errungenschaften (->EC-Karte) lehnen sie aus religiösen Gründen ab. Sie lassen sich von hiesigen (->) Miethaien in versiffte Gehege sperren, putzen nicht, kuscheln am liebsten zu vierzigst auf einer Matratze und verpennen den Sonnenschein, als müssten sie nicht auf Arbeit. Sie verstehen uns nicht und erst recht keinen Spaß. Kumpelhafte Anmache auf der Straße („Abbrennen sollte man die Bude! Wir müssen die Ratten loswerden!“) nehmen sie persönlich und kapieren nur (->) Bahnhof statt (->) Abfahrt! Da rufen „Bürger für Bürger“ ihnen zu: Du hast keine Chance, aber nutze sie! Das machen wir selber ja auch so.

„Der Staat tut mal wieder nichts“? Von wegen.

Denn in jeder Zeitung steht, dass Deutschland an der Herstellung des Problems, dessen ‚Lösung’ das Volk herbeisehnt, selber beteiligt ist. Nicht zufällig sind die aktuellen ‚Wirtschaftsflüchtlinge’ entweder erwerbslose Lohnabhängige aus kapitalistisch ruinierten osteuropäischen Beitrittsstaaten, die jetzt überall wohnen, aber nicht überall arbeiten dürfen, oder aus den erfolgreich niederkonkurrierten, finanzkrisengeschädigten Partnerländern Griechenland, Spanien, Italien mit ihrer riesigen Jugendarbeitslosigkeit. Für Politiker des reichsten Landes Europas ist klar: Diese Migrantinnen haben sie nicht bestellt, also haben die hier auch nichts verloren. Sie direkt wieder rauszuschmeißen – selbstverständlich der erste Gedanke –, ist aber keine Option. Man will ja den freien Zugriff auf den europäischen Arbeitsmarkt, aber keine unkontrollierte Zuwanderung, vor allem nicht aus den untersten Schichten und diskriminierten Minderheiten. Also muss man sich fürs erste mit Alternativmaßnahmen begnügen, die die Menschen belehren, dass Deutschland kein Paradies, sondern ein für sie unbewohnbarer Ort ist. Und da sind dem Einfallsreichtum der Behörden keine Grenzen gesetzt.

Exkurs: „Nazis raus! Ja, aber wo hin?“

„Das Känguru zeigt mir den schwarzen ‚Nazis raus’-Schriftzug an der Wand. Mit Rot steht daneben: ‚Deine Einstellung ist grundsätzlich löblich und deine Absicht zumindest verständlich. Aber da du forderst: ‚Raus!’, stelle dir doch bitte auch die Frage, wo raus und wo hin? Raus aus Deutschland, schön und gut. Aber wohin? Denn wer will die schon haben? Keiner! Es hat dem Ausland verständlicherweise keineswegs gut gefallen, als die Nazis das letzte Mal in großer Zahl aus Deutschland marschierten. Schließlich musst du noch bedenken, dass die Nazis dann plötzlich selber Ausländer wären, und wenn du die immer noch hassen würdest, wärst du selber Nazi und müsstest selber raus – und woraus und wohin?! Du hättest also genauso gut schreiben können: ‚Selber!’ – auf diesem Kindergartenniveau bewegt sich leider deine Argumentation.“ (Das Känguru-Manifest, „Die Korrekturen“. Von Marc Uwe Kling)

Deutsch für Ausländer (2): Wir konjugieren!

FALSCH: „Ich habe ein Problem!“
RICHTIG: „Ich bin das Problem!“

Zahlen und Fakten - Bulgaren & Rumänen in Deutschland

In den Mitgliedstaaten des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) ist die Freizügigkeit der Arbeitnehmer ein Grundrecht; Staatsangehörige eines EWR-Landes können somit in einem anderen EWR-Land zu denselben Bedingungen wie die Bürger des jeweiligen Staates arbeiten. Während eines Übergangszeitraums von bis zu sieben Jahren nach dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens am 1.1. 2007 und Kroatiens am 1.7. 2013 können bestimmte Bedingungen angewendet werden, die die Freizügigkeit der Arbeitnehmer einschränken.“ (EU-Kommission).

Das heißt: In Deutschland dürfen sie zurzeit nur wohnen, arbeiten aber nur in „Mangelberufen“ und als Saisonkräfte – ab Anfang 2014 gilt das Grundrecht komplett. Laut „Mediendienst Integration“ kamen 147.091 Rumänen und Bulgaren 2011 neu nach Deutschland, 88.741 verließen es wieder. Saldo: 58.350 Zuzüge, Saisonarbeiter eingeschlossen. In der Stadt Duisburg leben derzeit 6.176 Menschen aus Bulgarien und Rumänien, viele von ihnen sind Roma.

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