„Dafür schlägt mein Herz“: Kulturförderung per Mausklick?

| Foto: srqpix

Ein Jahr nach Ende des „Atriumtalks“ stehen die Bochumer Stadtwerke erneut in der Kritik. Diesmal jedoch nicht wegen teurer Imagepflege mit Promi-Gesichtern, sondern wegen eines durchaus unverdächtigen Anliegens – der Förderung von „Zukunfts- und Bürgerprojekten“ auf den Feldern Sport, Bildung, Soziales, Kultur. 450.000 € werden 2013 bereitgestellt, wobei niemand die Summe oder den Zweck der Sponsoren-Gelder kritisiert: Für Irritationen sorgt das Verfahren, die Sieger zu ermitteln. „Wofür schlägt dein Herz? Entscheide per Klick, welche Herzensprojekte gefördert werden!“ Auf diese Art der Entscheidungsfindung reagiert die freie Kulturszene Bochums mit einem Offenen Brief an Bernd Wilmert (Stadtwerke), Volker Goldmann (Sparkasse) und Michael Townsend (Kulturdezernat). coolibri bat die Beteiligten um eine Stellungnahme und notiert Fakten und Argumente Pro & Contra Online-Voting.

Kultur-Sponsoring in Bochum

Die „Stadtwerke Gruppe Bochum“ ist ein kommunales Unternehmen. Dessen Eigentümer sind zu 5% die Stadt Bochum, zu 95% die „Energie- und Wasserversorgung Mittleres Ruhrgebiet (ewmr)“, die wiederum zu 57 % im Besitz der Stadt ist. Einen gewissen Teil der Einnahmen investiert man seit Jahren in finanzielle Beihilfen für Sport- und Kulturprojekte, wobei die Absicht „werblichen Auftretens“ nicht verhohlen wird. Diese Veranstaltung wird Ihnen präsentiert von, powered by, also ermöglicht durch … XY – eben jene moderne Kombination aus Mäzenatentum und Marketing, mit dem nicht nur Biermarken und Energiedrinks, sondern auch Institute in kommunaler Verantwortung ihre Kundschaft heutzutage ansprechen. Die Verdienste der Stadtwerke sowie Sparkasse um die Unterstützung kultureller Einrichtungen & Events, sogar abseits von Mainstream oder Elitekunst, sind unumstritten: Michael Townsend weist im coolibri-Telefoninterview darauf hin, „dass die in Qualität und Quantität einzigartige freie Bochumer Szene ohne diese Sponsorengelder brach läge – gerade in den vergangenen Jahren städtischer Nothaushalte“; und der Kulturdezernent geht davon aus, dass die Verfasser des Briefs dies selber zu schätzen wissen.

Das Voting

Neu ist die Rolle halbstaatlicher Unternehmen in der lokalen Kulturpolitik also nicht; neu ist allein die Methode, nach der sie das Geld diesmal vergeben. Über das Motiv der Aktion lässt sich nur spekulieren: Vielleicht wollen die Stadtwerke ihren von der „Honorar-Affäre“ beschädigten Ruf durch ganz viel Basisdemokratie reparieren, vielleicht das Volk auf der Straße bzw. am PC durch ein modernes Casting zu mehr Engagement bewegen, jedenfalls suchen sie die direkte Beteiligung des Bürgers – entweder als Kandidat und/oder als Wähler.

Bei der Aktion können Sie sich gleich auf zwei Arten beteiligen, denn: Auf dieser Seite bewerben sich Bochumer Vereine, Institutionen, Organisationen um Sponsoring-Gelder für ihre Projekte. Und hier stimmen Bochumerinnen und Bochumer über eingereichte Bürgerprojekte ab.“

So animiert die Webseite stadtwerke-bochum-buergerprojekte.de ihre User zum Online-Voting, 5 Herze darf jeder Teilnehmer vergeben, 10 Herze Menschen mit einer Stadtwerke-Kundennummer – was laut Pressesprecher Kai Krischnak keineswegs undemokratisch ist, sondern „angesichts der besonderen Bindung der Kunden zu ihrem Versorgungsunternehmen eine Selbstverständlichkeit“. Und es ist nicht wenig Geld, über dessen Verwendung der Bürger in diesem Fall befinden darf:

350.000 € fließen in Bürgerprojekte mit einer Fördersumme von 2.500 und 24.999 €. Weiterhin geben die Stadtwerke für 2014 bis 2016 eine Gesamtsumme von 1 Million € pro Jahr. Sie wird jährlich in zwei Sponsoring-Zyklen für Bürger- und Zukunftsprojekte vergeben. Also haben Sie zweimal im Jahr die Möglichkeit, sich um eine Förderung zu bewerben oder abzustimmen!“

Die Debatte

Gegen die Pläne regt sich aus dem Bereich Kultur öffentlicher Einspruch:

Jeder in Bochum, der anspruchsvolle Kunst präsentieren will, kann sich unmöglich auf diese Form einer zukünftigen Förderpolitik einlassen. Wir professionellen Kulturakteure fragen uns zunehmend besorgt und etwas ratlos: werden Kunstprojekte zukünftig nur noch Sponsorengelder erhalten, wenn sie Vote-kompatibel sind?“

Diese Bedenken haben die Autor*innen des „Offenen Briefes“ in einem Gespräch am 13. August mit dem Chef der Stadtwerke vorgetragen, geändert hat sich am laufenden Verfahren seither nichts. So sehen die 19 Unterzeichner – u.a. Deutsches Forum für Figurentheater FIDENA Festival, Bahnhof Langendreer, prinz regent theater, Kunsthallen Rottstr. 5, die teils mit eigenen Projekten dabei sind – ihren Eindruck bestätigt, auf eine Konkurrenz festgenagelt zu werden, bei der es auf die Mobilisierung von „Fans“ ankommt, die vor allem eins sein müssen: „internet-affin“. Gewürdigt werde damit weniger die künstlerische Qualität als die Fähigkeit zur PR-Arbeit, so eine der Unterzeichnerinnen im coolibri-Gespräch; finanzielle Planungssicherheit gehe auf diesem Wege außerdem völlig verloren. Natürlich sei es das Recht jedes privaten Sponsors, die Gewinner per Volksabstimmung auswählen zu lassen, von einer Tochterfirma der Stadt erwarten Vertreter der Kunstszene jedoch „mehr soziale Verantwortlichkeit“ und fordern das Einschalten einer Fachjury. Offenbar keine leichte Doppelrolle, Teilnehmer und Kritiker eines ungeliebten Wettbewerbs zu sein; umso mehr gilt es, die Solidarität der Künstler herzustellen, die einerseits partnerschaftlich kooperieren und sich andererseits um die unerlässlichen Fleischtöpfe schlagen müssen.

Wie geht’s weiter?

Alle Akteure betonen den Willen zur Zusammenarbeit und kommen dennoch zu keinem Ergebnis. Kommunikationsproblem oder Interessengegensatz? Schwer zu sagen. Stadtkulturchef Townsend „kann die Auseinandersetzung zwischen Sponsoren und Künstlern nicht kommentieren, allenfalls hinterher gucken, wo man helfen kann“: So bleibt zu hoffen, dass der konsumentensouveräne Bürger an der Maustaste am Ende nicht der eigentliche Verlierer ist.

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