„Flingern-Nord ist zum Kotzen langweilig“

| Fotos: Raoul Festante

Das Düsseldorfer heaven 7 ist alles andere als ein stinknormaler Friseursalon. Während anderswo Lounge-Musik die Gehörgänge verklebt, läuft in dem kleinen Flingeraner Frisierstübchen mit angeschlossenem Café schon mal das musikalische Werk von David Lynch. Auch in Sachen ausgestellte Kunst ist alles anders als bei anderen Haarschneidern. Keine Aquarelle. Nirgends. Dekorativ versteht man hier als Schimpfwort. Stattdessen gibt heaven-7-Chefin Erika Ruhl bevorzugt Freigeistern und Querdenkern Raum für ihre Werke. „Beware of Yuppie Monsters“ ist derzeit auf der Schaufensterscheibe zu lesen. Unter dem Motto zeigt man noch bis zum 10. August die Arbeiten von Raoul Festante. Shirts und Taschen seines T-Shirt-Labels „L’Idealista“, Drucke auf Karton und ein paar Mixed-Media-Leinwände. coolibri hat den 38-Jährigen, kein Spanier, sondern „Kartoffel mit Spaghetti-Anteilen“, zum Gespräch getroffen.

Wie kam es zu der Ausstellung bei heaven 7?

Die gute Seele von Flingern-Nord, Mutter aller aufstrebenden Künstler und völlig unterschätze Könnerin (gemeint ist Erika Ruhl, Die Red.), hat mich, als sie spitz bekommen hat, dass ich Shirts drucken will, kontinuierlich und mit einer fast unmenschlichen Ausdauer bearbeitet, mit den Dingern nach draußen zu gehen. Die Ausstellung war auch ihre Idee.

Wie viele Ausstellungsstücke sind zu sehen?

Im Prinzip alle Motive meines Shirt-Labels L’Idealista, dazu ein paar unveröffentlichte Ideen. So 17 Stück, alles gedruckt auf Karton. Plus ein paar Mixed-Media-Leinwände.

Wie ist die Resonanz?

Bisher sehr gut. Viele Leute sprechen mich an, wenn ich im Café sitze, wir kommen ins Gespräch über die Motive.

Seit wann gibt es das T-Shirt-Label?

Das Shirt-Label gibt es offiziell seit September 2012. Ab da bin ich damit auch an die Öffentlichkeit gegangen mit Online-Shop und Facebook-Seite.

Und warum hast Du Dich für den Namen L’Idealista entschieden?

Ich hatte lange überlegt, wie ich das Baby nennen sollte. Irgendeinen Namen muss es ja haben und da ich schon den Grundgedanken verfolgt habe, dass dahinter auch etwas stehen soll und es nicht nur darum geht, dass die Shirts nett aussehen, entschied ich mich für L'Idealista. Hatte aber auch etwas damit zu tun, das das Wort „Idealist“ schon vergeben bzw. zu häufig in Gebrauch war, daher dann die italienische Variante.

Bist Du denn selber einer, also ein Idealist?

Nicht immer, manchmal sogar sehr Anti. Aber im Kern geht’s für mich eher darum, dass ich das als Ideal verfolge, ein Idealist und Utopist zu sein, das Prinzip verfolge, den Dingen auf den Grund zu gehen und sich nicht durch Oberflächlichkeiten und negative Einflüsse vereinnahmen zu lassen. Ich wäre gerne noch mehr Optimist, aber das Schöne ist ja, dass man sich dem Ideal sein ganzes Leben annähern kann und es niemals aus den Augen verlieren muss. Ein Idealist darf darüber hinaus auch mal kreativ pöbeln und die Dinge beim Namen nennen.

Wie viele Motive hast Du derzeit im Programm?

Zurzeit habe ich 20 Produkte im Programm, wobei ich einzelne Motive auch auf verschiedenen Stoffen anbiete. Ich bin aber ständig dabei, neue Ideen zu sammeln und mein Notizblock damit zu füllen, gerade jetzt in der Anfangsphase probiere ich auch viel aus und stelle neue Ideen erstmal auf der Facebook-Seite ein, um zu sehen, wie die Reaktionen sind.

Wodurch lässt Du Dich inspirieren?

Definitiv durch meine Umwelt, aber auch durch alltägliche Dinge oder tagespolitische Geschichten, die mich bewegen. Das Yuppie-Motiv war eines der ersten, die ich umgesetzt habe. Ich bin vor zwei Jahren aus einem sehr schönen, bunten, quasi Kreuzberg-in-Miniatur-Viertel in Hannover nach Flingern-Nord zu meiner Freundin gezogen. Das war schon eine Veränderung, da ich vorher sehr tief verwurzelt war in Hannover-Linden. Flingern-Nord ist total anders, viel gesetzter, es gibt wenig lebendige, gemeinsame Stadtteilkultur, habe ich das Gefühl. Gerade in meiner Ecke viele Werber, Anwälte, Lehrer, Mammis und Pappis, dazwischen ein paar Alkis und Obdachlose, die sich aber an eine unsichtbare Grenze halten und sich nur selten in das Gehege der Anderen verirren. Alles so nebeneinander und auch auf dem Weg, immer schicker und exklusiver zu werden. Also zum Kotzen langweilig. Letztendlich lasse ich mich viel dadurch inspirieren, was mir vor die Füße fällt, was ich in den Nachrichten lese oder was mich generell beschäftigt. Dieser ganze unheimliche Krimi namens Finanzkrise, steigende Mieten, Gewalt gegen türkische Demonstranten, Verarmung und Borniertheit von einer Klasse, die sich als Leithammel aufspielen wollen. Das sind Dinge, die mich wütend machen. Verkackte Schönheitsideale im Fernsehen, die Dummheit und Kritiklosigkeit oder, noch schlimmer, die antrainierte Angepasstheit von jungen Menschen an das Leistungsprinzip. Es ist alles zum Kotzen, alles läuft falsch, Maya hat uns voll im Griff und das muss sich ändern, denn so kommen wir alle unter die Räder. Diesen Winter waren es unter anderem auch die vielen Echtpelzkragen, die mich echt fassungslos gemacht haben. So viel Stumpfsinn, Zynismus, Gier und Arroganz. Zero Mitgefühl. Keine Ahnung, ob ein Shirtlabel da überhaupt irgendetwas gegen ausrichten kann, aber zumindest wollte ich mich mit diesen Themen kreativ beschäftigen und das Ventil nutzen. Letztendlich geht es für mich dabei aber vor allem um Kommunikation.
Das für mich zurzeit beste Motiv stammt übrigens von meiner Freundin, „more stagedives, less catwalks“. Eine super Aussage.

Foto: Raoul Festante

Und wo wird produziert?

Ich drucke alles zuhause auf einem Siebdrucktisch, den ich mir bestellt hatte. Das war ein Starterset, aber mittlerweile habe ich noch ein paar mehr Gerätschaften zuhause, sodass ich alles von der Belichtung bis zum Druck machen kann.

Welche Shirts verwendest Du?

Ich verwende zurzeit ausschließlich Shirts, die mit dem Fair Wear Foundation-Siegel zertifiziert, gleichzeitig aber noch einigermaßen günstig im Einkauf sind. Das war wichtig für mich, da ich auf lange Sicht auf jeden Fall die Sache möglichst clean angehen wollte, was natürlich nicht immer einfach ist. Gerade, wenn man am Anfang viele Shirts verdruckt…

Die Motive erinnern an Plattencover aus dem Hardcore/Punk-Bereich – sind das Deine Wurzeln?

Definitiv. Ich bin mit Hardcore und Punk Ende der Achtziger groß geworden. Die Musik und die ganze Ästhetik haben mich seitdem sehr beeinflusst. Anfang der Neunziger war ich selber in einigen Bands aktiv und fing dann auch an, mich selber an eigene Motive für Plattencover, Poster und Shirts zu wagen. Man musste sich den ganzen Scheiß ja auch selber beibringen, was mir aber immer Spaß gemacht hat. Aus dieser Idee ist eigentlich auch das Shirt-Label entstanden. Was mich immer stark geprägt hat, waren die klaren Aussagen bei Punk und Hardcore. „I don't drink, I don't smoke, I don't fuck, at least i can fucking think!“ Das hat gesessen und mich für fast 15 Jahre zum Straight Edger gemacht. Ian McKaye, der Urheber dieses Satzes, hat mal gesagt, dass Hardcore der schnellste Weg von A nach B sei, also ohne Umschweife direkt zum Punkt zu kommen. Kein prätentiöses, aufgesetztes Gehabe, sondern klar sein und eine Haltung einnehmen anstatt seine Gleichgültigkeit auch noch als Krone zu tragen. Das hat mich immer sehr beeindruckt und ist letztendlich auch der Drive für das Shirtlabel.

Welche Bands hörst Du gerne?

Momentan höre ich sehr krachiges Zeug wie Converge, Cro-Mags oder gerade aktuell All Pigs Must Die, daneben aber auch viel melodischen Punkrock wie Pennywise oder Down By Law oder sehr ruhige, meditative Musik von Krishna Das. Beim Siebdrucken selbst entdecke ich gerade die Vorzüge von Jazz.

Machst Du selber auch noch Musik?

Eigentlich schon, aber seit meinem Umzug von Hannover nach Düsseldorf vor zwei Jahren proben wir so gut wie gar nicht mehr und treffen uns nur noch für Konzerte, was echt doof ist. Ich würde auch gerne Leute hier in Düsseldorf kennenlernen zum Musikmachen aber das stellt sich gerade schwierig dar. Mal sehen. Was war ich noch gleich? Idealist, ach ja. Also positiv denken.

Für die Tierschutzorganisation hast du ein Shirt mit dem Konterfei von Leo Tolstoi entworfen.

Ja, darauf ist das Tolstoi-Zitat „Solange es Schlachthöfe gibt, wird es auch Schlachtfelder geben“ zu lesen. Leider hat sich das Shirt aber nicht besonders gut verkauft. Mal sehen, ob es jetzt besser läuft. Ein starkes Zitat, finde ich. Tolstoi war ein anarchistischer Christ, ein ermutigender Geist.

Du selber bist dann vermutlich mindestens Vegetarier, oder?

Ich bin Vegetarier auf dem Weg zum Veganer. Aber easy.


Weitere Infos

Der Laden ist dienstags und mittwochs von 10.00 bis 19.00 Uhr, donnerstags und freitags von 10.00 bis 20.00 Uhr, sowie am Samstag von 10.00 bis 15.00 Uhr geöffnet.

Die Shirts und Taschen werden auch noch nach dem 10.08. bei heaven 7 zu erwerben sein. Sie kosten zwischen 6,90 und 22 Euro.