Ehrensache Ehrenamt

| Fotos: Christof Wolff

Das Gutmenschentum wird ja gerne belächelt. Dass Menschen, die sich sozial engagieren aber unerlässlich für viele Tagesabläufe sind, bleibt dabei unbemerkt. Rund 23 Millionen ehrenamtliche Helfer bringen sich laut Aktion Mensch in der Bundesrepublik ein. Möglichkeiten bieten sich genug: Ob in Kindergärten, Altenheimen oder im Tierheim tatkräftige Unterstützung ist gern gesehen. Geld spielt dabei im Übrigen keine Rolle. Viel mehr geht es darum, die eigene Hemmschwelle zu überwinden. Zeit für andere zu investieren. Und mehr als Dankbarkeit mit nach Hause zu nehmen. Christa Kleefeld, Dorian Steinhoff, Brigitte Albrecht und Christine Das Gupta reihen sich ein in die Gruppe der freiwillig Beschäftigten. Nadine Beneke hat mit den Ehrenamtlern gesprochen.

Kein Abstellgleis

„Jeder Penner, der irgendwas braucht, riecht die Christa“, beschreibt Christa Kleefeld, wie sie von Bedürftigen wahrgenommen wird. Sozial war die quirlige 69-Jährige nämlich schon immer. Ursprünglich wollte sie Krankenschwester werden, verschlagen hat es sie schlussendlich in die Speditionsabteilung der Gerresheimer Glashütte. Nun, da sie im Ruhestand ist, arbeitet sie ehrenamtlich als Hospizhelferin. Sowohl im Alten- und Pflegeheim Gerricus-Stift in Düsseldorf-Gerresheim als auch zu Hause steht sie todkranken Menschen und ihren Familien zur Seite. Hilft beim Essen, Trinken und ist als gute Seele vor Ort. Eine Hemmschwelle gab es für sie nie. Sie absolvierte eine neunmonatige Ausbildung, in der sie lernte, Menschen zum Essen zu animieren, zu füttern und richtig hinzulegen. Die Theorie war für Christa Kleefeld allerdings nur ein Anhaltspunkt. Bei ihren Besuchen ist sie nicht nur eine Hilfe beim Tagesablauf, sondern vor allen Dingen auch eine wichtige Ansprechpartnerin. Wo Verwandte und Freunde mit ihren eigenen Gefühlen hadern, springt Kleefeld beherzt ein: „So einem Fremden wie mir kann man sagen, dass es einem beschissen geht. Das finde ich in Ordnung. Auch das Wort beschissen finde ich dann in Ordnung.“ Missen möchte sie die Aufgabe längst nicht mehr. Ein kurzer Blick, ein paar Schlucke Tee oder zaghafte Bissen vom Essen sind ein Erfolg. Im Moment kümmert sich Christa Kleefeld mit viel positiver Energie um zwei Frauen. Ihren Dienst tritt sie ein- bis zweimal in der Woche an. Je nachdem, wie akut sie gebraucht wird. Traurig ist sie manchmal schon, aber wichtig ist ihr vor allen Dingen eins: „Den Leuten zu zeigen, dass sie nicht auf irgendeinem Abstellgleis stehen.“

Keine kriminelle Vergangenheit

Mit viel positiver Energie erfüllt auch Dorian Steinhoff sein Ehrenamt. Der 28-jährige Autor ist Leselernhelfer bei Mentor e. V. Als er im Oktober vergangenen Jahres aus Trier nach Düsseldorf zog und vom Leseprojekt hörte, zögerte er nicht lange. Bereits in seiner alten Heimat fuhr er seit 2008 zu Hauptschulen, um mit Kindern lesen zu üben. Eine besondere Ausbildung brauchte er dementsprechend nicht. „Eine Voraussetzung gab es jedoch: ein polizeiliches Führungszeugnis“, lacht Steinhoff. Ganz ohne kriminelle Vorbelastung trifft er sich nun einmal in der Woche zur „Literaturbegeisterungsstunde“ mit Adrian, einem 14-jährigen Schüler. Der ist erst vor zwei Jahren mit seinen Eltern aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Der Junge spricht zwar verständlich, jedoch noch etwas stockend deutsch und braucht Hilfe beim lauten Lesen. In einem Büro der St. Benedikt-Hauptschule sitzen Dorian Steinhoff und Adrian wöchentlich zusammen und lesen sich gegenseitig vor. Dies ist aber nur ein Teil der Mentorenaufgabe. „Mir ist wichtig, dass wir uns nicht nur vorlesen, sondern eine Bindung da ist. Und jemand, dem Adrian vertraut und mit dem er sprechen kann“, so der Autor. Manchmal reden die beiden dann über Themen wie Homophobie oder Zusammenstöße im Klassenverband. Im Moment lesen sie „Das unsichtbare Buch“ von Santiago García Clairac. Selbiges hat Steinhoff ausgesucht, weil es so gut passt: Der junge Protagonist kann Bücher zunächst nicht ausstehen, lernt dann aber ein Mädchen kennen, das die Literatur liebt.

Keine Angst vor starken Hunde

Foto: Christof Wolff

Ob Brigitte Albrecht Literatur ebenfalls liebt, ist der Redaktion nicht bekannt. Hunde liebt sie dafür umso mehr. Deshalb geht die Mettmannerin regelmäßig Gassi – und das nicht nur mit ihrem eigenen Vierbeiner. Als vor zehn Jahren ein Aufschrei in Sachen Listenhunde, besser bekannt als „Kampfhunde“, durchs Land ging, reagierte Albrecht schnell. Sie wollte sich um die Tiere kümmern: „Da wurde ich wütend. Die Hunde haben sich schließlich nie etwas zu Schulden kommen lassen. Nur die Halter haben die Auflagen nicht erfüllt.“ Entschlossen absolvierte sie einen dreimonatigen Kurs zu den „Grundlagen der Hundeerziehung“, legte ein polizeiliches Führungszeugnis und einen Sachkundenachweis für Listenhunde vor. Seitdem streift sie mit Staffordshire-Terriern, Pitbulls und Rottweilern – nie jedoch ohne Maulkorb und Leine - durch die Felder. Nach einem Umzug nach Düsseldorf wollte sie ihre Leidenschaft nicht aufgeben und meldete sich beim Rather Tierheim. Gassigeher und Katzenstreichler sind auch hier gern gesehene Gäste. Wer jedoch meint, das Ausführen sei auf die leichte Schulter zu nehmen, irrt: „Man muss sich darüber im Klaren sein, dass die Hunde auf einen warten.“ Brigitte Albrecht kommt vier Mal in der Woche zum Tierheim und nimmt entweder Lana oder Nala, beides Staffordshire-Damen, mit zur einstündigen Runde durch den Aaper Wald. Ihr Geheimtipp zur Annäherung an die Tiere: „Ich mache extra für die Hunde Frikadellen.“ Beim ersten Aufeinandertreffen ist trotzdem immer ein Pfleger dabei. Sobald das Vertrauen gefasst ist, laufen die Rentnerin und ihre Hunde auch gerne Slalom und betreiben anderen Denksport. Albrechts Endresultat eines jeden Hundetages: „Ich habe ein Glücksgefühl, wenn ich nach Hause komme.“

Keine Berührungsängste

Dieses Glücksgefühl kennt Christine Das Gupta gut. Seit 18 Jahren arbeitet sie in der Altstadt-Armenküche am Düsseldorfer Burgplatz. Für 50 Cent können Bedürftige und Obdachlose hier eine Mahlzeit bekommen, „immer mit Fleisch und immer mit Dessert“. Die Nachfrage ist groß: Bis zu 140 Essen am Tag bereitet das fünfköpfige Team aus Haupt- und Ehrenamtlern zu. Los geht es für die Dienstagsgruppe immer mit einem gemeinsamen Frühstück inklusive „einem kleinen Schnäckchen“. Danach binden sich die Frauen die Schürze um, schälen Kartoffeln, stellen Blumen und Wasserkrüge auf die langen Tische und begrüßen um halb eins die ersten Gäste. Die Schlange im Innenhof verkürzt sich Stück für Stück: In kleinen Gruppen können die Hungrigen Platz nehmen und so viel essen wie sie mögen. Für den Nachschlag ist Christine Das Gupta zuständig. Sie fühlt sich wohl, wenn sie ihre Dienstagsfamilie sieht. Dazu gehören Gäste wie Mitarbeiter. Hemmungen gab es für Das Gupta nie, dennoch war sie zu Beginn erschrocken über die Armut: „Ich habe gedacht, das gibt es nicht hier in Deutschland, vor allen Dingen nicht in Düsseldorf.“ Umso wichtiger war es ihr, weiterzumachen. Ohne Rücksicht auf vermeintliche Freundinnen. Als es hieß „Mit dir kann man nirgends mehr hingehen, dich grüßen alle Penner“ zog die 70-Jährige kurzerhand ihre Konsequenzen und kappte so manche Verbindung. Christine Das Gupta geht in ihrer Arbeit auf, freut sich, wenn sich die Männer und Frauen mittags „von der Platte“ erholen und genießt die Späßchen zwischendurch. Das Markenzeichen der Düsseldorferin: bunte Schürzen. Da hagelt es schon einmal Komplimente. Und die Lieblingsgäste fragen: „Hast Du heute wieder eine Hingucker-Schürze an?“