Bärendelle: Es fängt gerade erst an

Sauber gemacht und sinnvoll genutzt | Foto: Jérome Gerull

Es ist eine laue Sommernacht Ende Juli, als sich eine Gruppe von knapp 50 Leuten um kurz nach Mitternacht im Essener Stadtteil Frohnhausen zu einem Chor zusammenschließt und gemeinsam den Ton-Steine-Scherben-Klassiker „Rauch Haus Song“ anstimmt. Empfänger des Soli-Lieds sind die Hausbesetzer der ehemaligen Schule Bärendelle.

Diese hatten zwei Tage zuvor den Gebäudekomplex für sich eingenommen. Ziel der Aktivisten: die ungenutzten Räumlichkeiten in ein selbstverwaltetes Zentrum umzuwidmen. Ihr Vorwurf an die städtischen Besitzer: „Das Gebäude steht seit mehreren Jahren leer und wird, wie viele Leerstände im Ruhrgebiet, dem kontrollierten Verfall überlassen. Die Stadt Essen hat keine Möglichkeiten, mit dem Gebäude umzugehen: Weder kann sie es bespielen noch abreißen, weder renovieren noch verkaufen.“ Was die Stadt Essen allerdings sehr wohl kann, ist das Gebäude räumen zu lassen. Wenige Stunden nach der nächtlichen Gesangseinlage macht eine Polizei-Hundertschaft dem dreitägigen Spuk unter anderem mit Hilfe eines Räumpanzers (!) ein Ende. Die Personalien von 37 Besetzern werden aufgenommen und anschließend Strafanzeige gegen sie wegen Hausfriedensbruch gestellt. Doch die Geschichte ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende erzählt. Geht es nach der anschließend ins Leben gerufenen Bürgerinitiative Bärendelle, fängt sie gerade erst an.

Eine Hundertschaft mit Räumpanzer stürmt das Gebäude

Bereits während der Besetzung solidarisierten sich zahlreiche Anwohner mit den Hausbesetzern. Im Gegensatz zu manchen Vertretern der Essener Politik sahen die Nachbarn in den Aktivisten kein krawallfixierten Chaoten, sondern begrüßten es vielmehr, dass endlich jemand öffentlichkeitswirksam auf den schleichenden Verfall des denkmalgeschützten Gebäudes aufmerksam macht. In einem offenen Brief räumen die Anwohner unter anderem mit dem voreilig in die Welt gesetzten Vorwurf auf: „Die Besetzerinnen und Besetzer haben letzten Endes mehr gemacht als die Stadt: Sie haben das Gebäude innen sauber gemacht und es sinnvoll genutzt. Die Stadt behauptet hingegen, die BesetzerInnen hätten vieles kaputt gemacht, Scheiben eingeschmissen etc. (…) Wir fordern von den politischen Verantwortlichen der Stadt Essen eine öffentliche Richtigstellung dazu.“

Der Protest kommt aus der Mitte

Während der Besetzung mauerten die städtischen Mandatsträger, um bloß nicht in einen Dialog mit den Aktivisten zutreten. Die Begründung, es sei schließlich außer einer anonymen Mailadresse kein Ansprechpartner bekannt, trifft einerseits zu, anderseits hätte es mit etwas Engagement und Willen zum Gespräch sicherlich auch Möglichkeiten der Vermittlung gegeben. Spätestens in Bezug auf die Bürgerinitiative Bärendelle ist die Stadt nun gefordert, gemeinsam nach Lösungen für das leerstehende Gebäude zu suchen. Denn die Mitglieder der Bürgerinitiative sind namentlich mit Anschrift und Telefonnummer bekannt. Gelegenheit zum informellen Dialog bietet das für den 7. September geplante Nachbarschaftsfest mit Bläserchor und Kinderprogramm. Zehn Tage später geht es dann auf einer Bürgerversammlung in der Apostelkirche ans Eingemachte.

Die Anwohner-Initiative hat folgende fünf Forderungen formuliert:

  1. die sofortige Nutzung der intakten Räume für Kunst und Kultur,
  2. ein unabhängiges Gutachten zum Sanierungsbedarf des Gebäudes,
  3. die sofortige Rücknahme der Strafanzeigen gegen die HausbesetzerInnen und keine weitere Strafverfolgung,
  4. Offenlegung der Pläne der Stadt Essen zur Nutzung des Gebäudes,
  5. Mitsprache und Beteiligung der Bürgerinitiative Bärendelle bei der Nutzungsplanung.

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