Schienenersatzverkehr Wuppertal: Eine Pendler-Chronik

Die SEV-Haltestelle am Düsseldorfer Hbf | Foto: Lina Niermann

Seit einiger Zeit ist Wuppertal von der Außenwelt abgeschnitten, zumindest was den Bahnverkehr anbelangt. Lina Niermann hat das Experiment Schienersatzverkehr gewagt und ist zwei Wochen lang zwischen Wuppertal und Düsseldorf hin und her gependelt. Außerdem befragte Leah Plasil Pendler nach ihren bisherigen Erfahrungen mit der Streckensperrung. Was läuft gut bei der Deutschen Bahn und was könnte verbessert werden?

Das Experiment beginnt am ersten Ferientag um 7.35 Uhr an einer Bushaltestelle der Linie 601 in Wuppertal-Katernberg. Der gestern gefasste Plan lautet: vollständige Umgehung des SEV durch eine ausgeklügelte Streckenwahl. Mit der 601 bis Wieden Schleife, dann in den Niederflurbus 745 Richtung Mettmann Rudolf-Diesel-Straße und schließlich von Mettmann Stadtwald S mit der S 28 zum Düsseldorfer Hauptbahnhof. Die erste Erleichterung macht sich breit, als der Bus pünktlich am Horizont erscheint.  Auch alle weiteren Anschlüsse kommen planmäßig. Die S 28 erreicht um 8.44 Uhr den Düsseldorfer Hauptbahnhof. Der Rückweg verläuft ebenso reibungslos wie der Hinweg. Also wenn dass das gefürchtete Pendler-Chaos ist, ist es wirklich gut zu ertragen.

Romina Becker und Jil Krämer am Infostand. | Foto: Lina Niermann

Verbesserte Informationspolitik
Die Deutsche Bahn hat aus der ersten Sperrung in den Osterferien gelernt. Da hatten Pendler über die fehlende Beschilderung und mangelnde Ansprechpartner geklagt. Nun hängen im Düsseldorfer Bahnhof und auch an den Wuppertaler Stationen riesige Plakate mit Wegweisern, auf denen Max Maulwurf in orangener Bauarbeiterweste prangt. Außerdem leiten magentafarbene Fußabdrücke alle Orientierungslosen zu den Abfahrtspunkten. Am Düsseldorfer Hbf stehen alle paar Meter junge Frauen und Männer in roter Kluft und gleichfarbigem Basecap. Unter ihnen sind auch Romina Becker und Jil Krämer, die sich mit diesem Ferienjob ihr Taschengeld aufbessern. „Wir arbeiten hier im Schichtbetrieb von jeweils vier Stunden“, erzählt Romina. Sie geben Auskunft, verteilen Fahrpläne und im Abfahrtsbereich der Busse sogar Studentenfutter. Die Situation am Wuppertaler Hauptbahnhof ist dagegen weniger kundenfreundlich. Hier hängen nur einzelne Schilder und das versprochene Servicepersonal ist nirgends zu sehen. Viele Pendler blicken sich ratlos und suchend um. Die Haltestelle des SEV liegt nämlich stolze 400 Meter entfernt, bergauf an der Stadthalle – für Reisende mit Gepäck kein Zuckerschlecken – und erst dort stehen die ersehnten Servicekräfte bereit.

Solidarität
Die Streckensperrung reißt alle aus ihrer gewohnten Routine. In Ausnahmesituationen wie dieser entsteht oft eine besondere Solidarität zwischen den Betroffenen. Alle sitzen in einem Boot und müssen irgendwie mit den neuen Gegebenheiten zurechtkommen. Viele Menschen sind dann hilfsbereiter als im Alltag. In den ersten beiden Ferienwochen sind einige solcher Szenen zu beobachten: An der Station Mettmann Stadtwald S steht ein Geschäftsmann mit einem Aktenkoffer. Er ist offensichtlich in Eile und beginnt kurzerhand Autos mit Wuppertaler Kennzeichen anzuhalten: „Entschuldigen Sie die dreiste Frage, Sie kommen aus Wuppertal, fahren Sie zufällig in Richtung Dornap?“ Beim dritten Auto hat er Glück. Der Familienvater im VW baut kurzerhand den Maxi Cosi vom Beifahrersitz und lässt den Herrn im Anzug mit den Worten „Gar kein Problem“ einsteigen. Ein weiteres Beispiel ist der junge Mann in der vollen S 28, der sofort aufsteht, um seinen Platz einer Frau mit Obstkuchen in der Hand zu überlassen, damit sich der Erdbeerboden nicht im Abteil verteilt. Oder die Busfahrerin des Schienenersatzverkehrs, die zwar eigentlich keine Haltestellen unterwegs anfahren darf, aber netterweise „wegen des sommerlichen Wetters“ eine Ausnahme macht, damit alle Fahrgäste schnell nach Hause kommen.

Idyllische Pendlerwege
Beim Pendeln mit dem Bus zeigt sich die Umgebung noch einmal von einer ganz anderen Seite.  Der Niederflurbus 745 etwa fährt durch entlegene Landstriche zwischen Wuppertal und Mettmann. Leuchtende Kornfelder und satte Wiesen säumen den Weg. Die Haltestellen tragen hier Namen wie Glockenhäuschen, Hahnenfurt und Am Schwarzen Pferd. Landschaftlich interessant ist auch die Strecke mit dem SEV nach Wuppertal-Oberbarmen. Sobald der SEV von der A46 abfährt und schließlich auf die Obere Lichtenplatzer Straße einbiegt,  gibt der Weg ab der Gartensiedlung den Blick frei über das gesamte Wuppertal. Die sonnige Panorama-Aussicht aus dem Fenster und das sanfte Schuckeln des Busses sorgen für Entspannung. Achtsamkeitstraining mitten im Pendleralltag.

Beschilderung am Düsseldorfer Hbf. | Foto: Lina Niermann

Baustelle auf der A46
In den vierzehn Tagen läuft natürlich nicht alles nach Plan. Obwohl der SEV am Düsseldorfer Hbf meist pünktlich losfährt, steht er auf der A46 in Richtung Wuppertal häufiger im Stau. Grund dafür ist zum einen der reguläre Pendlerverkehr und zum anderen die Baustelle auf Höhe Haan-Ost. Zudem sind die Busse teilweise überfüllt und einzelne Personen müssen während der 45-minütigen Busfahrt stehen. Dies trägt zur Verzögerung bei, denn auf der Autobahn darf ein solcher Bus nur 60 Stundenkilometer fahren, statt den sonst erlaubten 80 km/h. Die Verspätungen liegen durchschnittlich bei zehn bis zwanzig Minuten.  Die Anschlüsse in der Wuppertaler City sind dann oft schon weg. Eine gute halbe Stunde dauert der Weg im Schnitt zwischen den beiden Städten länger. Eine große Portion Gelassenheit hilft dann weiter, was zugegebenermaßen an Tagen mit strahlendem Sonnenschein leichter fällt als bei Starkregen. Noch bis zum Ende der Sommerferien müssen sich Pendler gedulden. Das neue elektronische Stellwerk soll am 30. August in Betrieb gehen. Dann ist hoffentlich wieder alles beim Alten, wobei, schön wäre es ja, wenn ein bisschen von der Mitmenschlichkeit in den normalen Alltag herüberschwappt. Lina Niermann

Pendler-Befragung:

Schienenersatzverkehr Wuppertal

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