Ficken, Fressen, Fernsehen

| Foto: Mario De Mattia - CIS Online Magazine / pixelio.de

Kommentar zur Schließung des Schauspielhauses in Wuppertal

Jörg Degenkolb-Degerli ist für ein Discountercenter im Schauspielhaus. Jetzt!

Schon zur Eröffnung des Wuppertaler Schauspielhauses im Oktober 1966 forderte Heinrich Böll in seiner heute legendären Rede die „Freiheit der Kunst“ ein. Knapp 47 Jahre sollten vergehen, bis dieser Forderung endlich Folge geleistet wurde; immerhin ein halbes Jahrhundert, in dem man die Kunst eingepfercht hatte zwischen Mauern, um sie von den Menschen fernzuhalten. Und nun, nach der kürzlich vollzogenen Schließung dieses kulturpolitischen Missverständnisses, ist sie also endlich frei, die Kunst. Kann sich in der Stadt entfalten, kann hin zum Bürger, den es lange schmerzte, die Kunst eingesperrt zu sehen – und der deshalb, so gut es eben ging, einen Theaterbesuch vermied.

Kunst lässt sich nicht einschließen! Und der Mensch ist kein Narr!

Und deshalb ist diese endlich geglückte Befreiung der Kunst ein Meilenstein in Wuppertals Historie. Und deshalb wurde auch völlig richtig ein denkwürdiger Tag für die Schließung gewählt: Der Todestag von Pina Bausch. Das ist ja auch so’n Fall.

Und nun lasst uns endlich den jahrzehntelangen Kampf der Menschen belohnen und ihnen eine Pilgerstätte errichten. Wenn wir die geplante Erweiterung der City-Arkaden vorantreiben und auch durchsetzen, dass dann direkt bis zur Kluse durcherweitert wird, dann kann, dann soll, dann muss in das Schauspielhaus das lang ersehnte Discountercenter. Wir kriegen wieder richtig viele Menschen zu dem vernachlässigten Platz, wenn wir endlich alle unter einem Dach haben: Ghetto, WALDI, BLÖDL, alle. Man weiß doch heute längst, dass die Dezentralisierung der Discounter ein großer Fehler war. Es treibt die Menschen auseinander und schadet der Gemeinschaft. Und mal ehrlich: Ein Discountercenter neben einem Multiplex-Kino ist doch wohl ein Geniestreich.

Weitsicht beweist da derzeit der Generalmusikdirektor Kamioka. Er will nun auch das Opernensemble eindampfen, weil er weiß, dass man dann noch mehr Kassenkräfte und Regalauffüller am Start hat. Und ungebundene, umherreisende Gastsolisten sind ja wohl der Inbegriff der befreiten Kunst. Dann muss auch Heinrich Böll sich endlich nicht mehr im Grabe umdrehen.

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfeld