Heimat ist hier: Briten in Deutschland über den Brexit

Susan McDermott arbeitet als Therapeutin für Pferde. | Foto: Dominique Schroller

Der Brexit hat viele Briten, die schon seit Jahren zwischen Rhein und Ruhr zu Hause sind, unerwartet getroffen. Warum sie sich als Europäer fühlen und die Entwicklung auf der Insel sie traurig macht, haben sie Dominique Schroller erzählt.

Robert Troilett (47)

Robert Troilett leitet die St. George’s school. | Foto: SGS Duisburg-Düsseldorf

Robert Troilett (47) aus Essen leitet die englisch-internationale St. George’s Schule in Duisburg. Er lebt seit 15 Jahren in Deutschland und genießt es zunehmend, in England ein schönes Reiseziel zu haben. „Meine Familie sind Deutsche. Ich fühle mich selbst mehr als Europäer, denn als Brite oder Deutscher, aber hier ist meine Heimat“, sagt Troilett. Inzwischen habe er viele Seiten des Lebens hier zu schätzen gelernt – mit Ausnahme der Schlager-Musik. Die würde er am liebsten auf die Insel verbannen. „Das ist für mich immer noch der Horror“, sagt er lachend. Doch für die Freiheit innerhalb der Europäischen Union lohne es sich, gemeinsam zu kämpfen. Die Entscheidung der Briten zum Ausstieg habe ihn hart getroffen. „Als ich morgens im Radio davon erfahren habe, war ich schockiert, weil ich damit nicht gerechnet habe. Auch viele Eltern unserer Schüler waren verunsichert und haben mich gefragt, was nun passiert“, berichtet Robert Troilett. Er rechnet damit, dass zunächst nichts geschieht und befürchtet auch keine persönlichen Nachteile. „Ich gehe davon aus, dass die Europäer dort und wir hier bleiben können. Vielleicht brauchen wir irgendwann wieder eine Genehmigung, doch das ist auch kein Drama.“ Langfristig könnte er sich vorstellen, dass noch mehr Unternehmen und junge Berufstätige aus dem Vereinigten Königreich nach NRW kommen, um die wirtschaftlichen Vorteile der EU zu nutzen. „Ob auch Großbritannien vom Brexit profitiert, muss sich erst noch zeigen.“

Robert Tonks (62)

Robert Tonks lebt europäische Integration. | Foto: Iris Tonks

Robert Tonks (62) aus Duisburg lebt nach eigenen Worten seit mehr als 40 Jahren europäische Integration. Der Brexit ist für ihn eine einzige Enttäuschung. „Wer nie in einem anderen EU- Land gelebt hat, kann das kaum nachvollziehen. Doch ich bin hier bei Freunden zu Hause und mit einem Mal wurde mir rüde der Teppich unter den Füßen weggezogen. Das macht mich wütend“, betont der Duisburger. Er weiß nicht, was der Austritt der Briten aus der Gemeinschaft tatsächlich bedeutet. „Warum sollen wir einer Premierministerin trauen, die sich noch nicht bewährt hat?“ Als Vorsitzender der deutsch-britischen Gesellschaft und als Privatmann lehnt er das Ergebnis des Referendums ab. „Das Ergebnis ist für mich nicht legitim, weil ich nicht gefragt wurde“, betont Robert Tonks. Da er das Königreich vor mehr als 15 Jahren verlassen hat, durfte er nicht abstimmen. Von seinem Wahlrecht macht er dagegen in Deutschland Gebrauch. „Weil ich mitentscheiden wollte, habe ich seit 2009 auch einen deutschen Pass. Denn ich zahle hier meine Steuern und bin von der Politik unmittelbar betroffen.“ Um seine eigene Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis muss er sich nicht sorgen, dennoch hofft er auf konkrete Zusagen für die drei Millionen EU-Bürger auf der Insel und die vielen Briten, die auf dem europäischen Festland leben. „Alles andere ist eine große Ungerechtigkeit und verunsichert die Menschen.“ Es dürfe keinen Rosenkrieg geben, in dem beide Seiten viel zu verlieren hätten. „Das Ergebnis des Brexit muss allen Chancen einräumen und die Bevölkerung sollte auch darüber abstimmen dürfen.“

Susan McDermott (58)

Susan McDermott arbeitet als Therapeutin für Pferde. | Foto: Dominique Schroller

Susan McDermott (58) aus Kamp-Lintfort schätzt die Vielfalt und Toleranz in Nordrhein-Westfalen. „Hier habe ich schnell Freunde gefunden und bin gut aufgenommen worden“, erinnert sich die gebürtige Britin. Sie hat als Jugendliche einen Job im Ausland gesucht und das erste Angebot kam aus Deutschland. „Inzwischen habe ich den größten Teil meines Lebens hier verbracht und fühle mich hier mehr zu Hause als irgendwo sonst.“ Dennoch hat sie ihren britischen Pass behalten. „Bisher gab es noch keinen Grund, das zu ändern“, sagt Susan McDermott. Nach dem Brexit-Votum hat sie viele Anrufe von Freunden bekommen, die ihr zu einer Einbürgerung geraten haben. „Einer hat sogar angeboten, mich zu heiraten, ein anderer wollte mich adoptieren“, berichtet sie lachend. Bis sich konkrete Vereinbarungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien abzeichnen, wartet sie gelassen ab. „Noch habe ich einen europäischen Pass für zehn Jahre. Langfristig könnte es passieren, dass ich wieder eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung beantragen muss. Das wäre aber auch nicht das Ende der Welt“, betont die 58-Jährige. Sie ist seit knapp 20 Jahren als Reha-Trainerin für Pferde tätig und kann sich nicht vorstellen, dass ihr Alltag durch den Brexit schwieriger wird. „Ich denke, es wird ähnlich funktionieren, wie mit der Schweiz.“ Doch unabhängig von allen politischen Entscheidungen ist sie fest entschlossen zu bleiben. „Ich möchte hier in Frieden weiter leben.“