Initiative "Leben lärmt": Stadt gemeinsam gestalten

Überblick behalten: David J. Becher | Foto: Roland Geiger

Wir erinnern uns: Im Spätsommer 2012 wurde nach Anwohnerprotesten im Luisenviertel eine große Demo unter dem Motto „Leben lärmt / Für ein lebendiges Wuppertal“ auf die Beine gestellt. Maßgeblich beteiligt: die beiden freien Kulturschaffenden David J. Becher und Tomasz Lachmann. Dass sie es dabei nicht belassen wollen, haben sie kürzlich in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Peter Jung formuliert. Jörg Degenkolb hat mit ihnen darüber gesprochen.

„Die Stadtverwaltung Halle an der Saale wagt in diesem Jahr ein bundesweit einmaliges Experiment: Ausgewählte Flächen (öffentliche Grill- und Lagerfeuerstellen) werden – probeweise für ein Jahr – für spontane Freiluft-Partys freigegeben. Lediglich die Anzeige über ein E-Formular, 24 Std. vor Beginn der Veranstaltung (bis spätestens Freitag 13 Uhr), ist notwendig und es darf keine kommerzielle Absicht hinter dem Tanzvergnügen stecken. Aufbauend auf die Diskussion möchten wir nun eruieren, ob sich die Stadt Wuppertal nicht in der Lage sieht ein ähnliches Modell wie in Halle an der Saale probeweise einzuführen. Wäre es nicht möglich Grünflächen wie zum Beispiel die Hardt, die Barmer Anlagen, den Deweerth’schen Garten oder vielleicht sogar den Scharpenacken für derartige Veranstaltungen freizugeben?“

Das ist im Wesentlichen die Klammer, die den Brief an OB Jung umfasst; gewünscht, gewollt, gefordert ist ein Mehr an Freiraum, ein deutliches Weniger an Bürokratie. David J. Becher und Tomasz Lachmann sehen dies als weiteren Teil der Initiative „Leben lärmt“, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, „eine lebendigere Stadt zu generieren“. Ein allemal interessanter Ansatz vor dem Hintergrund, dass die Wuppertaler Bevölkerung aktuell schon nicht gerade die jüngste ist. Wie will man also verhindern, dass die Jugend abwandert? „Also, Barmen Live, das Luisenfest und andere Standards reichen da nicht mehr. Nur das Konventionelle ist zu wenig“, ist David J. Becher sicher. Klar ist aber auch, dass es nicht schlicht um ein Mehr an Partys geht, sondern um eine neue Haltung gegenüber einem Zusammenleben. „Stadt gemeinsam gestalten. Auch auf der Straße“, wie die Akteure es beschreiben. „Die Demo war ein Auslöser, ein Anfang – aber das Ganze ist ein Metathema“, so Tomasz Lachmann.

„Es gibt ganz offensichtlich ein Verantwortungsübernahmeproblem.“

Demo: Leben lärmt! Foto: Roland Geiger

Aber: Was zeigt sich (einmal mehr)? Die Zuständigen versuchen, das Thema durchzureichen. „Peter Jung sieht die Zuständigkeit beim Wuppertaler Marketing“, wundert sich David J.Becher. Zu Recht. Und die Kulturabteilung? Zwar pflege man ein gutes Verhältnis zum Kulturbüro, aber das ist hier höchstens zweitrangig zuständig. „Vielleicht bestünde ja ihrerseits Interesse, ein Treffen mit dem Ressort ‚Grünflächen und Forsten’ und dem Ordnungsamt in die Wege zu leiten, um sich dem Thema im Rahmen einer Arbeitsgruppe oder ähnlichem zu nähern“, findet der Leser noch im Brief an OB Jung. Aber Fehlanzeige. David J. Becher: „Es gibt ganz offensichtlich ein Verantwortungsübernahmeproblem.“ Mehr noch, meint Tomasz Lachmann: „Das ist die übliche Politik der Gefälligkeit. Nicht besonders risikofreudig.“ Und spannend wäre es ja endlich wirklich mal, wenn man den Wuppertalern in dieser Hinsicht einfach mal was abverlangen würde, um dann zu schauen, was passiert – ob überhaupt was passiert.

„Wir haben keinerlei Absicht, völlig rücksichtslos Anwohnern und Anliegern auf der Nase herumzutanzen. Alles was wir möchten ist die Möglichkeit in einem beschaulichen Rahmen und unter freiem Himmel bei Musik den anstehenden Sommer gebührend zelebrieren, und zwar ohne den Aufwand, den eine ordentliche Anmeldung beim Ordnungsamt bedeuten und die für die oben angesprochenen Flächen sowieso keine Genehmigung bekommen würde, auf uns nehmen zu müssen.“ Diese und weitere sachliche Erläuterungen – auch zum Thema Müllentsorgung etc. – sind in dem Brief formuliert. „Und jetzt wollen wir mal ein ehrliches politisches Statement!“

Die Initiative „Leben lärmt“ hat also eine neue Runde eingeläutet. Bleibt abzuwarten, inwieweit sich die Zuständigen damit befassen. Die zwei Kulturschaffenden sind jedenfalls der Meinung: „Das aus einer solchen Maßnahme entstehende Signal an die Jugend- und Nachtkultur hätte auf jeden Fall den Titel ‚Pionierarbeit’ verdient.“