Großer Garten: Modellprojekt will Brachflächen zurückgewinnen

André Matena und Hubertus Ahlers bereiten den Boden für ein neues Wachstum. | Foto: Dominique Schroller

Im eher grauen Norden der grünen Hauptstadt liegt der größte Garten Nordrhein-Westfalens. Auf drei Hektar erprobt das Team der Bonnekamp-Stiftung in Essen naturnahe Landwirtschaft.

Die Kirschbäume haben ihre rosa Knospen geöffnet und im Kräuterbeet sprießt bereits das Grün. „In zwei Wochen blüht hier alles“, sagt Hubertus Ahlers und lässt seinen Blick über die Oase im sonst eher grauen Norden der grünen Hauptstadt schweifen. Der Gründer der Bonnekamp-Stiftung hat die drei Hektar Land vor sechs Jahren aus privaten Mitteln erworben, um dort gemeinsam mit Gleichgesinnten ein Stück Zukunft wachsen zu lassen.

„Wir möchten hier ein Modellprojekt zur Brachflächen-Rückgewinnung schaffen. Es gibt im Ruhrgebiet ein riesiges Freiflächen-Potenzial, doch es passiert zu wenig“, betont der engagierte Essener. Er möchte sich selbst die Hände schmutzig machen, um Lebensmittel sauber zu produzieren und Nachhaltigkeit nicht zu predigen, sondern zu praktizieren. „Die Zeit ist reif dafür. Wir müssen die Ressourcenverschwendung stoppen und langfristig auf Nahversorgung umsteigen. Hier möchten wir zeigen, dass das geht“, betont Hubertus Ahlers.

Hubertus Ahlers möchte ein Stück Landwirtschaft in die Stadt holen. | Foto: Dominique Schroller

Inszenierte Wildnis

Sein Konzept geht über städtisches Gärtnern weit hinaus. „Die Urban-Gardening-Bewegung hat zwar den Boden bereitet, doch wir möchten ein Stück Landwirtschaft zurück in die Stadt holen.“ An den Intensivbereich mit Obst- und Gemüseanbau schließen sich wenig kultivierte Flächen an, auf denen Brombeeren und Heckenrosen wuchern, seltene Tiere und Pflanzen eine Heimat finden. Diese inszenierte Wildnis dient dem Erhalt der Artenvielfalt. „Für uns ist es faszinierend zu beobachten, wie es sich von Jahr zu Jahr verändert“, sagt André Matena. Der promovierte Biochemiker und Dozent plant, ein Heilpflanzenbeet anzulegen und in Seminaren zu zeigen, wie sich daraus verschiedene Tinkturen für die eigene Hausapotheke herstellen lassen. „Es muss nicht immer die Tablette sein. Gegen kleinere Wehwehchen wie Kopf- oder Magenschmerzen helfen Wirkstoffe der Natur.“

Über die Uni bietet er zudem Praktika für Lehramtsstudenten an. Sie sollen auf dem Gelände lernen, einen Schulgarten anzulegen und bekommen ganz nebenbei Wissenswertes über Bodenkunde, Nützlingsansiedlung und Kompostwirtschaft vermittelt. „Im Herbst soll es ein Verwertungspraktikum geben, in dem wir Bier brauen, Seife, Salben und Waschpulver herstellen“, berichtet André Matena. Er wünscht sich, dass die Studenten später mit ihren Schülern wiederkommen und ihnen eine neue Nähe zur Natur beibringen. Seinen eigenen Sohn nimmt der Essener regelmäßig mit und lässt ihn mit der Schaufel in der Hand in der Erde wühlen. „Er soll damit aufwachsen.“ Über die Bewegung Transition Town hat André Matena den Weg auf die Bonnekamphöhe gefunden und ist geblieben, weil er Worten Taten folgen lassen wollte.

Im Projekt arbeiten alle ehrenamtlich. | Foto: Dominique Schroller

Fünf Ehrenamtler

„Machen ist wie wollen, nur krasser“, kommentiert Jonny Schutty das, was das Kernteam von derzeit fünf Ehrenamtlern in Essens Oase gedeihen lässt. Er möchte sich als Stadt-Landwirt selbstständig machen. „Die Leute sollen mir ihren Garten für den Gemüseanbau zur Verfügung stellen und im Gegenzug eine Kiste mit frischen Lebensmitteln bekommen.“ Derzeit sucht er Interessierte, die mitmachen.

Auch auf der Bonnekamphöhe ist jeder willkommen, der nicht davor zurückschreckt, die Ärmel aufzukrempeln und den Spaten in die Hand zu nehmen. „Das ist hier keine Spielwiese. Die Genehmigungen sind an einen landwirtschaftlichen Betrieb gekoppelt und wir wollen hier Erträge erzielen“, betont Hubertus Ahlers. Da die Stiftung selbst kein Vermögen, sondern nur das Land verwaltet, ist jeder Arbeitseinsatz eine freiwillige Leistung. „Erst wenn wir etwas erwirtschaften, können wir die Leute bezahlen.“ Hubertus Ahlers wünscht sich, dass das Projekt Blüten treibt und hofft auf Nachahmer.
Dominique Schroller