Der Preis der Kunst

Rundlauf Bochum | Fotos: Michael Blatt

Party auf der Kegelbahn, Konzert auf dem Bürgerplatz, Theater im Hochbunker, Ausstellung in leerstehenden Wohnungen. Sechs Tage lang bespielte das Format „Rundlauf“ Anfang Mai außergewöhnliche Orte in Bochum, ohne dafür bis auf zwei Ausnahmen auch nur einen Cent Eintritt zu verlangen.

Publikum und Presse dankten es mit kollektiver Begeisterung, unter die sich allerdings auch kritische Stimmen mischten. „Eigentlich ist es das falsche Signal, dass man für 11 000 Euro ein Festival dieser Bandbreite haben kann“, merkte etwa Galerist Stephan Strsembski besorgt an. Unbestritten ist, der Rundlauf steht stellvertretend für viele andere Kulturangebote. Stets geprägt vom schwierigen Spagat, Veranstaltungen realisieren zu wollen und dem Preis, der dafür zu zahlen ist. Nicht von den Zuschauern, sondern von den Künstlern.

Thorsten Schnorrbusch

Die gehen mitunter ihre ganz eigenen Wege, um Passion und Profit unter einen Hut zu bringen. „Ich versuche mehr Freizeit zu haben als Geld“, erzählt Thorsten Schnorrbusch. Der Bochumer entdeckte vor sieben Jahren sein Faible für die Fotografie und hat sich im Laufe der Jahre auf surreale Motive spezialisiert, die er vor allem in maroden Gebäuden findet. Da in Deutschland die meisten potenziellen Orte aber durch Graffiti und Vandalismus unbrauchbar sind, reist Schnorrbusch regelmäßig nach Belgien und Luxemburg. Dieser zeit- und kostenintensive Aufwand lässt sich durch den Verkauf von eigenen Bildern kaum gegenfinanzieren. Stattdessen arbeitet der gelernte Einzelhandelskaufmann drei Tage in der Woche in der Logistikabteilung eines Baumarkts. „Teilzeit war schon immer mein Ding“, betont der 38-Jährige, geprägt vom Leben seines Vaters. „Er hat sich als Baggerfahrer auf dem Schrottplatz kaputt gearbeitet. Sechs Jahren nach der Rente war er tot.“

Gabriele Koch

Gabriele Koch fand während ihrer Ausbildung zur Bewegungstherapeutin zunächst unbewusst Gefallen am Tanz. „Das ist mir eher passiert“, erinnert sich die Wuppertalerin. Mittlerweile unterrichtet die Performance-Künstlerin Nachwuchstänzer und lässt sich für verschiedene Produktionen auf Honorarbasis engagieren. „Das ist das, was man braucht, um die eigenen Sachen machen zu können.“ In der Entwicklung und Aufführung eigener Ideen blüht Koch so richtig auf. „Man lernt selbst unglaublich viel dabei, und es wird nie langweilig.“ Extra für den Bochumer Rundlauf hat die 42-Jährige das Stück „Bürgerplatz“ konzipiert. „Es ist mir sehr wichtig, mit dem Ort zu arbeiten und zu gucken, was da möglich ist.“ Aber nur dank der Mithilfe von befreundeten Tänzern und ehemaligen Schülern konnte „Bürgerplatz“ realisiert werden. Das Budget für eine kostenaufwendige Inszenierung stand ihr nicht nur Verfügung. So bleibt Gabriele Koch letztlich nur ein Kompromiss zwischen künstlerischer Entfaltung und einem geregelten Einkommen: „Ich bin froh, dass ich über die Runden komme.“

Rapper Schlakks

Rapper Schlakks ließ in Bochum eine Wollmütze durch das Publikum gehen. Nicht für sich, sondern für die befreundete Jazz-Band, mit der er im Rahmen des Rundlaufs beim Soul-Picnic auf der Schmechtingwiese auftritt. Seine Mitstreiter sind extra aus Enschede angereist und sollen zumindest ihr Spritgeld erstattet bekommen. An diesem Tag geht die Rechnung auf, am Ende ist sogar noch eine Runde Pizza für alle drin. Je nach Anfrage entscheidet Schlakks, ob und wie viel Gage er aufruft. Allerdings stets nach der Devise: „Miese machen geht nicht mehr.“ Verdientes Geld, u. a. durch die Leitung einer Hip-Hop AG an einer Hauptschule, ist für den 25-Jährigen auch die Legitimation, mehr Arbeit in die Musik zu stecken. Die betreibt der Dortmunder noch als Nebenjob zu seinem Literatur- und Kulturwirtschaftstudium. Und danach? „Hauptberuflich Fuß zu fassen würde sehr schwierig werden“, denn, und an dieser Stelle zitiert Schlakks den Autoren und Musiker Murat Kayi, „das Brot des Künstlers ist nicht der Applaus, sondern das Brot.“

 

Förderungswürdig: Freie Szene Wuppertal

In diesem Jahr sind es 21 Projekte, die mit Mitteln aus dem Wuppertaler Kulturfonds gefördert werden. Über 30 000 Euro fließen damit in die Freie Szene, die über das Jahr verteilt ihre Projekte durchführt. Sollten irgendwann einmal archäologische Arbeiten am Döppersberg nötig sein, die Forscher würden auf interessante Graffiti-Werke vom Beginn des dritten Jahrtausends stoßen. Der Bahnhofstunnel – [mehr...]


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