Der Mensch ist ein Gesellschaftstier!

Zum Wohle: coolibri-Autorin Regina Vollmers (links) mit Begleiterin und Boxpapst Weiser | Fotos: Christof Wolff

Wir sind Boxpapst

Nach langem Hin und Her ist es ab dem 1. Mai so weit: Das Nichtraucherschutz-Gesetz tritt in Kraft und verbannt Raucher aller Bundesländer einheitlich zum Qualmen vor die Tür. Schluss mit Raucherclubs und (B)Rauchtum also – auch für Gaststätten. Während die DEHOGA ein finsteres Gesicht aufsetzt, bangt auch das Rheinland um seine Eckkneipen. Grund genug für coolibri, mal einen Blick hinter die Butzenglasscheiben der einschlägigen Düsseldorfer Feuchtbiotope zu werfen.

Wir starten „Beim Box-Papst“ auf der Vulkanstraße. Dunkel ist es im Inneren, die meisten Lampen sind zu Gunsten der Fußballübertragung ausgeschaltet. Das Länderspiel läuft mit modernster Technik, auf Leinwand. So ziemlich jede sportliche Großveranstaltung wird hier gezeigt. Nur wenige Gäste sind zugegen, alle schauen konzentriert zu, wie Schweini sich eine gelbe Karte einfängt. Wirtin Beate bringt uns die Getränke. Cola light ist nicht im Angebot. „Nur Cola“, sagt sie und schickt uns für weitere Fragen Box-Papst Wilfried Weiser persönlich an den Tisch. Dessen Konterfei ist auf zahllosen Fotos in der ganzen Kneipe zu sehen. Zusammen mit Ebby Thust, Don King, den Klitschkos, Regina Halmich, Stefan Raab oder Graciano Rocchigiani. Weiser erklärt uns, was er vom Rauchverbot hält: „Wenn die Leute jetzt immer rausgehen müssen zum Rauchen, dann reißt das doch die ganze Gemütlichkeit auseinander!“ Und manch einen Gast sieht er lieber nicht auf der Straße. „Da sind ja schließlich auch Kinder.“ Blöd findet er zudem, dass der Rauch in Zukunft in seine Wohnung ziehen wird – Nichtraucher Weiser lebt nämlich über seiner Gaststätte. Und schon sind wir drin in Wilfried Weisers Lebensgeschichte, die ihn rubbel-die-katz zum Helden des Abends macht. Der Kneipier erzählt von dem Boxclub im Hinterhof, und wie es war, im Rotlichtmilieu hinterm Bahnhof aufzuwachsen. Nach Abpfiff des Länderspiels legt er eine Dokumentation über ihn ein: „Rotlicht, Ring und rechter Haken“. Dazu gibt es Pils, Schnäpschen und 103er, dreckige Witze, Freddy Quinn mit Karaoke-Einlagen, Geschichten über Oberbilk und das Pornogeschäft. Wenn ihn das Rauchverbot nerven sollte, so Weisers Masterplan, wird er einfach die Rollläden runterlassen und das Ganze „Privatparty“ nennen. „Ist ja mein Haus!“ Voller Geschichten und Alkohol endet der erste Abend also furios. Allein die Klamotten müssen in Balkon-Quarantäne. Alternativlos.

Kann man nichts sagen

Zweite Station ist das Kepler-Eck. Dort ist alles anders und doch irgendwie ähnlich. Auch hier ist es völlig verqualmt, das Publikum ist fast ausschließlich männlich und es läuft Sport, zu sehen ist eine Art Billard. Die Dekoration ist österlich, Plastikeier hängen an den Lampen, Osterhasen unterschiedlichster Natur stehen auf Spiel- und Zigarettenautomaten, Fensterbänken und auf dem Regal über der Theke. Dazu erklingt „Love Hurts“. Liebe mag ja vielleicht schmerzen, die Preise hier tun es nicht. Einen kleinen Gin Tonic gibt es schon für 2,80 Euro. Das Angebot des Tages ist in Kreide auf Schiefer annonciert: „Smirnoff, 2 cl, 90 Cent“. Kann man nichts sagen! Die Wirtin hinter der den Laden dominierenden Theke bringt uns Salzstangen für die Elektrolyte und den beiden Schachspielern nebenan ein neues Bier. Ab und zu entern Gäste den Laden, die in den benachbarten Knülle, Konvex oder Pitcher keinen Platz mehr bekommen haben. Man sitzt wahlweise an der Theke oder an hohen Bistrotischen mit Eckbänken. Schnell wird man von anderen Gästen in mehr oder weniger normale Gespräche verwickelt. Dem Rauchverbot sieht man hier skeptisch entgegen: „Wir rechnen mit krassen Einbußen in den ersten Monaten“, schwarzmalt die Kellnerin. „Zu Hause können die Leute trinken und rauchen, und es ist auch noch billiger.“ Sie rechnet daher mit dem Schlimmsten und hat den Wunsch, sich selbstständig zu machen, erst einmal aufgegeben.

Ein Schnäpschen auf die Gesundheit

Im „En de Kull“, etwas weiter die Oberbilker Allee rauf, sieht die Chefin das Problem nicht. „Der Mensch ist ein Gesellschaftstier. Die Leute wollen ausgehen, und wenn die Anwohner sauer sind, weil es dann draußen lauter wird: Pech gehabt! Die sollen sich beim Gesetzgeber beschweren.“ Tatsächlich treffen sich in der Traditionskneipe Freunde und Bekannte. Man klönt, kegelt, vereinsmeiert und trinkt ein Schnäpschen auf die Gesundheit. Das kann man zu Hause alles nicht so unkompliziert. Kellner Daniel stellt uns bunte Ostereier und Salz auf den Tisch, macht rheinische Kellnerwitze und legt Andrea Berg auf. Relativ hell ist es, die Wände sind holzvertäfelt, die Tische groß und rund. Auf der Kegelbahn im hinteren Teil des Lokals findet eine Privatparty statt. Es ist weniger skurril hier, eher heimelig. Daher wird, bevor es weitergeht mit Tour und Samtkragen, auch erst einmal eine Runde gemeiert. Die große Glocke für eine Lokalrunde hat aber leider niemand geläutet.

Integration im Kleinen

In der „Sonnenschänke bei Sylvia“ müssen wir an die Tür klopfen – der Öffnungsmechanismus überfordert uns. Das könnte durchaus an den Tourgetränken liegen. Links darten Männer, rechts sitzen Männer an der Theke, dahinter die einzige Frau: Sylvia. Während man an der Dartscheibe noch Sprüche über unseren holprigen Eintritt reißt, gibt sich die Chefin herzlicher: „Was darf’s denn sein?“ Während sie zapft, lassen wir den Blick schweifen. Es ist wieder etwas gedämmter hier drin, dunkle Tische, Stühle und Bänke auf der einen, die Theke auf der anderen Seite. Hinter dem Tresen steht keine besonders große Auswahl an Getränken. Aber die Schnapsgläser kommen aus dem Gefrierfach. Perfekt. Die Kneipe ist relativ klein, die Gäste kennen sich untereinander, wir werden mir nichts dir nichts angesprochen. Obwohl wir fremd sind, werden wir wieder einmal anstandslos aufgenommen. Wahrscheinlich ist es genau das, was den Charme der Eckkneipen ausmacht: Egal welche Kleidung man trägt, welchen Beruf man hat (oder eben nicht), was man bestellt oder wie lange man bleibt, für einen kurzen Moment ist der schönste Platz tatsächlich immer an der Theke.

Eckkneipen, und auch die, die nicht an Ecken liegen wie das Bogen- oder Höheneck, das Netz, Bilker Eck oder das Zum blauen Bock gehören zu Düsseldorf einfach dazu. Es bleibt zu hoffen, dass die Anwohner beide Augen und die Fenster zur Wohnung zudrücken, um uns noch häufiger die Gelegenheit zu geben, hinter Butzenscheiben und bei Herrengedecken ein Stück Stadtgeschichte zu lernen. Eckkneipenbesitzer, -kellner und -besucher haben nämlich die besten Geschichten drauf. Die besten Witze sowieso.

  • Beim Box-Papst, Vulkanstr. 27
  • Kepler-Eck, Keplerstr. 18
  • En de Kull, Oberbilker Allee 32
  • Sonnenschänke bei Sylvia, Sonnenstr. 36

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