Betuwe-Linie: Anwohner kämpfen für Schallschutz

Manfred Flore an der Betuwe-Linie in Oberhausen-Sterkrade. | Foto: Dominique Schroller

Der Ausbau der Betuwe-Linie zur wichtigsten Güterzugstrecke Europas ist schon lange beschlossene Sache. Für die Anwohner bedeutet das noch mehr Lärm und weniger Schlaf. Sie kämpfen für Schallschutz und Sicherheit.

Waggon für Waggon rattert der Güterzug vorbei. Der Lärm verschlingt jeden anderen Laut. Tief durchatmen, als die Bahn in der Ferne verschwindet. Manfred Flore zuckt die Schultern. Für ihn ist diese Art von Durchzug Alltag. Er wohnt seit knapp 30 Jahren in Oberhausen-Sterkrade direkt hinter der Betuwe-Linie. Damals sei die Trasse noch verträumt und nicht absehbar gewesen, dass sie sich mal zu einer der meistbefahrenen in Europa entwickelt. „Im Winter ist es noch einigermaßen zu ertragen, doch im Sommer ist im Garten das eigene Wort nicht zu verstehen.“

"Keine Atempause"

Künftig könnte die Schallwelle noch deutlich anschwellen, denn die Bahn baut die Strecke zur wichtigsten Verbindung zwischen Rotterdam und Genua aus. Wenn das Mammutprojekt abgeschlossen ist, sollen in fünf Minuten jeweils rund 20 Züge pro Richtung mit einem Tempo von 160 Stundenkilometern unterwegs sein. „Dann gibt es keine Atempause mehr“, sagt Manfred Flore. Er setzt sich als Sprecher der Bürgerinitiative „Betuwe – so nicht!“ für entscheidende Veränderungen in der Planung ein. „Wir sind nicht gegen den Ausbau an sich. Es ist sinnvoll, den Transport vor allem von Gefahrgut von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Doch die Sicherheit der Bürger muss gewährleistet sein.“ Vor 15 Jahren sei rund 500 Meter entfernt ein Kesselwagen mit Säure havariert. Damals habe die Feuerwehr große Schwierigkeiten bei der Bergung gehabt. Mit hohen Lärmschutzwänden und nur vereinzelten schmalen Zugängen könnten solche Unfälle bald in eine Katastrophe münden. Die kommunalen Einsatzkräfte kritisieren zudem eine mangelhafte Löschwasserversorgung und fordern eine Möglichkeit zur lokalen Stromabschaltung und ein Informationssystem über das Gefahrgut.

Verbindliche Zusagen gibt es bisher nicht. „Die Bahn möchte nach dem Sicherheitskonzept der ICE-Strecke Nürnberg-München bauen, doch das ist nicht vergleichbar“, sagt Gert Bork. Er ist Sprecher der Bürgerinitiative in Wesel sowie des Gesamtverbandes und engagiert sich ebenfalls seit 25 Jahren für Sicherheit und Schallschutz zugunsten der 25 000 Anwohner, die direkt vom Ausbau betroffen sind. „Wir haben noch immer nichts Schriftliches und so lange haben wir auch nichts erreicht.“ Das sieht Christian Hendel von der Initiative in Voerde ähnlich. „Während in Baden-Württemberg alle Bürgermeister, Bezirksregierung und Landesregierung an einem Strang ziehen und zwei Milliarden Euro mehr für Lärmschutz bekommen, kommen die Bürgermeister unserer Forderung nach gemeinsamem Handeln nicht nach. Der Innenminister leugnet seine Zuständigkeit (Katastrophenschutz am Gleis sei Sache der Anliegerkommunen) und dem Verkehrsminister fällt außer Beschimpfungen (wir seien arbeitsplatzvernichtende Vorgartenzwerge) nichts ein“, wettert er.

100 Güterzüge pro Nacht

Auf höchster Ebene schiebe einer dem anderen die Verantwortung zu. „Die Bahn betont gerne, sie würde unsere Forderungen erfüllen, doch das Eisenbahnbundesamt stelle als Auftraggeber nicht genügend Geld zur Verfügung. Niemand fühlt sich zuständig“, sagt Gerd Bork. Sein Haus steht nur 20 Meter von der Trasse entfernt und schon jetzt lassen ihn einige der 100 Güterzüge nachts nicht zur Ruhe kommen. „Seit zwei Jahren leide ich unter massiven Schlafstörungen, meine Frau hat Herzprobleme.“ Doch obwohl es inzwischen Untersuchungen zu den Auswirkungen auf die Gesundheit gebe, lasse sich ein direkter Zusammenhang kaum nachweisen.

Bei ihrer Lärmschutz-Planung beruft sich die Bahn auf ihren Schienenbonus, der ihr im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln 50 Prozent mehr Lärm zugesteht. „Diese Begünstigung ist zwar seit Januar 2015 abgeschafft, doch alle Planfeststellungsverfahren, die zuvor schon auf die Schiene gesetzt wurden, können sich noch darauf berufen.“ Die Bürger müssen daher weiter darum kämpfen, dass Bahn und Politik die richtigen Weichen für den Ausbau der Betuwe-Linie stellen. Dominique Schroller