Neue Heimat Ruhrgebiet? Flüchtlinge im Gespräch

Der Pott als neue Heimat? | Foto: reingestalter über flickr via cc

Im Bochumer Stadtteil Wiemelhausen leben derzeit mehr als  270 Menschen aus rund 40 Nationen gemeinsam in Bungalows oder Hauswohngemeinschaften. Statt für unsere Umfrage wie üblich auf die Straße zu gehen, besuchten Dinah Bronner und Lukas Vering das Flüchtlingswohnheim an der Wohlfahrtstraße und sprachen mit Bewohnern über die Gründe ihrer Flucht und ihre Hoffnungen für die Zukunft.

Fadi Abbas (20)

Meine Familie kommt aus Homs in Syrien. Ich habe Deutschland vor sechs Monaten mit meinem Bruder erreicht. Unter anderem sind wir über die Türkei geflüchtet. Der Rest unserer Familie lebt verteilt, wir haben uns auf der Flucht über verschiedene Länder verloren. Dass wir aus unserem Land vertrieben werden, liegt eigentlich schon über mehrere Generationen in der Familiengeschichte. Meine Großeltern mussten als Palästinenser 1948 ihre Stadt Haifa in Israel verlassen und haben versucht in Syrien Fuß zu fassen. Und jetzt sind es wir, die vor dem Assad-Regime aus unserem Land Syrien flüchten müssen. Wenn es keinen Krieg in Syrien gäbe, würde ich sofort wieder in meine Heimat zurückkehren und gemeinsam mit meiner Familie dort leben. Das schlimmste ist eigentlich, dass ich meinen kleinen Bruder Fuad und meine Schwester Rouba nicht bei mir habe. Fuad ist erst 15 und irgendwo in Zypern und Rouba ist 19 und alleine in der Türkei. Am liebsten würde ich Hilfsorganisationen und Politiker dazu aufrufen, ihnen zu helfen und sie zu mir zu bringen, aber dazu habe ich nicht die Mittel. Ansonsten bin ich glücklich, hier im Ruhrgebiet eine Bleibe zu haben. Das Beste wäre, wenn ich eines Tages mein Marketing-Studium, welches ich in Syrien begonnen hatte, hier wieder aufnehmen dürfte.

Ameti (30)

Ich bin schon seit vielen Jahren auf der Flucht aus meiner Heimat Kosovo. Ich habe meine komplette Familie an den Krieg in meiner Heimat verloren und bin damals zuerst nach Mazedonien geflüchtet. Das Land ist aber sehr arm und so gibt es keine Unterstützung für hilfsbedürftige Menschen und Kriegsflüchtlinge wie mich. Jahrelang habe ich versucht mich dort trotzdem über Wasser zu halten und von Essensresten von der Müllkippe gelebt. In Bochum bin ich jetzt seit drei Wochen und komme das erste Mal ein wenig zur Ruhe. Meine Heimat fehlt mir gar nicht mehr, was soll ich dort auch? Die Familie ist tot und es gibt keine Perspektiven. Nach all dem möchte ich nie wieder in den Kosovo zurück.

Zakaria (38)

Vor mehr als zehn Jahren habe ich meine Heimat Marokko verlassen, wo ich lange Zeit als unabhängiger Journalist für eine Tageszeitung gearbeitet habe. Mein fachliches Spezialgebiet war der Islamismus. Unter anderem hatte ich mit einem befreundeten Karikaturisten ein eigenes journalistisches Projekt auf die Beine gestellt, aber nach einem politisch einschneidenden Vorfall in Casablanca, wollte mich der Staat für seine eigenen Zwecke instrumentalisieren. Daraufhin hatte ich enorme rechtliche Probleme und stand zuletzt sogar unter Beobachtung des staatlichen Nachrichtendienstes, weshalb ich in meiner Heimat als freier Mensch und Journalist nicht länger bleiben konnte. So verließ ich 2004 Marokko und versuchte in verschiedenen europäischen Ländern Fuß zu fassen. Ich vermisse zwar sehr viele Dinge an meiner Heimat (allen voran das Klima und die Lebensweise) aber ich bin hier in Deutschland ein freier Mann und es geht mir verhältnismäßig gut. Die Art der Unterbringung ist hier im Vergleich zu anderen europäischen Ländern menschlicher. Beispielsweise habe ich zuvor einige Zeit in einem Flüchtlingsposten in der Schweiz verbracht, wo wir mit 50 Menschen in einem einzigen Raum untergebracht waren. Das war untragbar. Für die Zukunft wünsche ich mir wieder als Journalist arbeiten zu können, zum Beispiel für ‚Reporter ohne Grenzen‘. Noch habe ich nicht genug Geld für einen organisierten Sprachunterricht, aber im März möchte ich versuchen mich an der Universität für einen Deutsch-Kurs anzumelden.

Ismaylov (23)

Geboren bin ich in einer größeren Familie in Aserbaidschan. Hier in Bochum bin ich aber alleine. Im Jahr 2012 musste ich das Land aus politischen Gründen verlassen und bin zunächst nach Österreich geflohen. Dort habe ich auf Montage und in einem Imbiss gearbeitet. Ich hatte dann versucht noch einmal in meine Heimat zu meiner Familie zurückzukehren, musste aber das Land bald wieder verlassen und bin so nach Deutschland gekommen. Am liebsten möchte ich sofort die Sprache lernen, aber der Sprachkurs ist relativ teuer und außerdem muss ich erst einmal eine Arbeit finden, damit ich auf jeden Fall bleiben darf. Außerdem möchte ich Geld für den Sprachkurs sparen.

A Eka Jijelava (37)

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Ich komme aus Georgien und bin mit meinem Mann und unserem Sohn seit zwei Jahren in Bochum. Meine Familie ist noch teilweise in Georgien, aber meine Eltern sind vor zwei Monaten dort verstorben. Deswegen ist die Heimat gerade kein Thema mehr für uns. Unser Sohn geht hier jetzt in die zweite Klasse und wir hoffen, dass wir es schaffen, eine eigene Wohnung zu finden. Das wird sicherlich sehr schwer und man weiß nie, ob es klappt, aber wir versuchen es weiter. Vor allem, um unserem Sohn eine bessere Perspektive zu ermöglichen.

Mehr Infos

Städtische Angestellte, kirchliche Netzwerke und zahlreiche ehrenamtliche Helfer, unter anderem vom Fußballverein DJK Ehrenfeld, unterstützen die Bewohner des Bochumer Flüchtlingsheims. Das „Netzwerk Wohlfahrtstraße“ bemüht sich darum, durch regelmäßige kulturelle Events und verschiedene sportliche und gemeinschaftliche Aktionen mehr Aufmerksamkeit für das Schicksal der Flüchtlinge zu erreichen und ihnen das Leben in der Fremde zu erleichtern. Zentrale Botschaft des Netzwerks: „Wir möchten gute Nachbarn sein.“ Kontakt: facebook.com/netzwerkwohlfahrtstrasse

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