Generation Selfie - Ein Kommentar

| Foto: Chris Enns

Selbstüberschätzung ist seit jeher das Privileg der Jugend. Auch die Generation Y, die Kerstin Bund in ihrem Zeit-Artikel entwirft, ist da, so gern sie es hätte, nichts Besonderes. Außergewöhnlich ist nur der von ihr beschriebene, übertriebene Wahn zur Selbstverwirklichung und Selbstfindung. Diesen nun als Revolution der Arbeitswelt zu stilisieren, löst bei mir Brechreiz aus.

Flexiblere Arbeitszeiten, mehr Zeit für die Familie und ein Ende der selbstverständlichen Überstundenkultur. All das sind Ziele, die wünschenswert sind und jeder gerne unterschreiben möchte. Schöne Vorstellung auch, dass, aufgrund von Fachkräftemangel, bald sogar die Arbeit von Altenpflegern und Krankenhauspersonal zu einer Google-Wunderwelt wird, in der Freizeit, Kreativität und Arbeit vollends verschmelzen (Was im Übrigen auch nur Propaganda ist). Doof nur, dass die Omi in Zimmer 4 immer zur gleichen Zeit ihre Diabetes-Spritze braucht und, dass der Kreativität im Bettpfannenentleeren irgendwie Grenzen gesetzt sind.

Auf Seite 3 des überall kursierenden Zeit-Artikels gibt es die Autorin endlich selbst zu: „Natürlich: Die Generation Y, das sind nicht alle nach 1980 Geborenen. Es sind vor allem jene meiner Altersgenossen, die behütet und relativ begütert aufgewachsen sind, die über einen gefragten Hochschulabschluss oder eine gute Berufsausbildung verfügen. Das trifft auf etwa ein Viertel der heute 20- bis Anfang 30-Jährigen zu.“

Eben, es ist leicht, von 20 – 30 Vollzeit nach dem Sinn des Lebens zu suchen, wenn einem die Eltern die Miete zahlen. Das können sie übrigens, weil sie sich damals für den Dienstwagen und die Gehaltserhöhung entschieden haben. Genauso leicht ist es, in dem Zusammenhang, dem Chef entgegenzutreten und Privilegien einzufordern. Der Friseur, der einem für 5 Euro die Stunde die Haare schneiden soll oder die ungelernte Reinigungskraft, die an der Uni ständig die liegengebliebenen Kaffeebecher wegräumen darf, haben diese vorteilhafte Ausgangssituation nicht. Von der armen Sau, die die Appleprodukte derer zusammenzimmert, die sich dann mit dem Macbook auf dem Schoß im Biocafé selbst verwirklichen, ganz zu schweigen.

Das wahre Gesicht der Selbstverwirklichung steckt schon im Wort selbst. Es geht um die Person selbst. Wenn diese sich darin verwirklicht sieht, schön. Aber so zu tun, als würde dieser Egotrip die Welt verbessern, ist lächerlich.

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