WDR 5 Stadtgespräch: Der wehrlose Leser

"Die Zeitung wurde handstreichartig kaputtgemacht“ | Foto: WDR

Diskussionsrunde im Dortmunder HCC

Coca-Cola in einer Pepsi-Dose? Undenkbar, und doch wird es gemacht. Mit Lokalzeitungen. Eine Diskussionsrunde in Dortmund über die düstere Zukunft des Lokaljournalismus.

„Man wird für blöd verkauft, ohne dass man sich wehren kann“: So deutlich beschrieb Inés Maria Jiménez, ehemalige Leser-Beirätin bei der Lokalzeitung Westfälische Rundschau (WR), am Dienstagabend (5.3.) die aktuellen Entwicklungen bei dem Blatt. Wer die Rundschau nämlich wegen des Lokalteils liest, der liest zurzeit die Konkurrenz, also die Lokalteile von Ruhr Nachrichten, Hellweger Anzeiger oder Westfalenpost. Oft, ohne es zu wissen. Das ist in etwa so, als würde Coca-Cola auf einmal Pepsi in Cola-Flaschen verkaufen. Und es keinem sagen.

Auf Einladung des WDR diskutierten am Dienstagabend Experten und Beteiligte die große gesellschaftliche Umbruchstelle, die aktuell immer deutlicher zutage tritt: Wie wird der Journalismus von morgen aussehen? Und wie wird er bezahlt werden? Und: Darf man das, dem Leser einfach die Konkurrenz unterschieben, ohne es ihm konkret zu sagen?


Hier gehts zum Mitschnitt des WDR 5 Stadtgesprächs zum Thema "Zeitungssterben"


300 Leute gehen, die Zeitungen schweigen.

Aber der Reihe nach. Anfang Februar hat der WAZ-Konzern, zu dem die WR gehört, sämtliche 120 Redakteure sowie kaufmännische Mitarbeiter plus rund 180 freie Journalisten der WR freigestellt, die meisten haben inzwischen ihre Kündigung erhalten. Der Rundschau-Leser selbst erfuhr davon fast nichts. Früher galt die Rundschau, die im Großraum Dortmund, im Kreis Unna und im Sauerland erscheint, als Malocher-Blatt, und die Konkurrenz war was für die feinen Leute. Bleibt man in dem zugespitzten Bild, kriegt jetzt der Arbeiter also die gleiche Zeitung wie sein Chef. Offizielle begründete die WAZ den Schritt mit finanziellen Verlusten im Anzeigenbereich.

Eine der meistkritisierten Figuren in diesem großbürgerlichen Drama Balzac'scher Art ist Christian Nienhaus, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe und Vorsitzender des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen. Er hatte die undankbare Aufgabe, die WAZ-Linie öffentlich zu verteidigen. Denn der WDR hatte für Dienstagabend in das Harenberg City Center in Dortmund eingeladen, zu einer Podiumsdiskussion unter dem Titel „Meine Zeitung muss bleiben – Wie werden wir uns künftig lokal informieren?“. Auf dem Podium diskutierten Nienhaus, die ehemalige WR-Leserbeirätin Jiménez, der Medienwissenschaftler Professor Ulrich Pätzold (TU Dortmund, Institut für Journalistik) sowie Guntram Schneider, NRW-Landesminister für Arbeit und Soziales (SPD).

„Wann fangen die Verlage endlich wieder an, Zeitung zu machen?“

Bis das Publikum zum ersten Mal applaudierte, dauerte es nicht mal fünf Minuten. „Wann fangen die Verlage endlich wieder an, Zeitung zu machen?“, fragte eine Besucherin, und eine andere ergänzte: „Das sind Leute, die von Zeitung keine Ahnung haben, aber die dicke Knete machen.“ Das könnte eine Anspielung gewesen sein auf die Eigentümerverhältnisse im WAZ-Konzern. Vor gut einem Jahr hatte Petra Grotkamp, eine Tochter des WAZ-Mitgründers Jakob Funke, die Mehrheit an der WAZ-Gruppe übernommen und den drei Erben des anderen WAZ-Gründers, Erich Brost, ihren 50-Prozent-Anteil abgekauft. Für geschätzte 500 Millionen Euro, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete.

Und vom ersten Applaus dauerte es auch nicht mehr lange bis zu den ersten Buh-Rufen. „Ja, mir gefällt die WR auch noch“, hatte Christian Nienhaus gesagt und damit den Unmut auf sich gerufen. „Ich weiß nicht, ob Sie sie noch lesen“, entgegnete er daraufhin, innerlich und äußerlich einen geknickten Eindruck erweckend. Es dürfte für ihn kein Zuckerschlecken gewesen sein, vor den versammelten Lesern und Ex-Redakteuren den Rauswurf verteidigen zu müssen, noch dazu vor vier WDR-Kameras. Nienhaus nutzte aber die Gunst der Stunde und die eingeschalteten Kameras, um seine Themen zu platzieren. Sei es, um die die Kritik am öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu erneuern, der unter anderem mit Internet-Angeboten und Leistungen wie der Tagesschau-App den Verlegern ins Geschäft pfusche; oder um für das Leistungsschutzrecht zu werben, mit dem die Verleger vor Internet-Riesen wie Google geschützt werden müssten, da diese ihnen Anzeigenerlöse streitig machten, etwa mit „Google News“.

War die WR ein ungeliebtes Stiefkind?

Wieder und wieder begründete Nienhaus den Rauswurf der Redakteure und der kaufmännischen Mitarbeiter mit finanziellen Verlusten. Die WR hat nach Verlagsangaben bei einer Auflage von rund 115 000 Stück in den vergangenen fünf Jahren etwa 50 Millionen Euro Verlust gemacht. Die anderen drei WAZ-Zeitungen in NRW, die WAZ, die Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung (NRZ) sowie die Westfalenpost (WP) schreiben demnach schwarze Zahlen. So recht glauben mochte Nienhaus das am Dienstagabend allerdings niemand, denn der Verlag hat nie die betreffenden Zahlen offen gelegt. Der Tendenzschutz bewahrt ihn vor der Pflicht, sie offen legen zu müssen. Durch dieses Gesetz sollen Presse-Verleger einen besonderen Schutz erhalten – Auswirkungen der Nazi-Zeit. Beobachtern drängte sich der Verdacht auf, die WR sei quasi ungeliebtes Stiefkind der WAZ und müsse nun für Einnahmenverluste stramm stehen. „War es eine Entscheidung der Geschäftsführer?“, fragte Professor Ulrich Pätzold, „oder mussten sich die Geschäftsführer nach der Familie richten?“

„Die WR war eine ausgezeichnete Lokalzeitung“, sagte NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider, „sie hat Preise eingeheimst, das hatte die Konkurrenz nicht geschafft. Die Zeitung wurde handstreichartig kaputtgemacht“, spielte Schneider auf die WAZ-Taktik an, der Belegschaft erst knapp zwei Wochen vor der Freistellung die Entscheidung mitzuteilen. „Natürlich müssen Verleger auch auf's Geld achten“, so Schneider weiter, „aber mir ist unbekannt, dass der WAZ-Verlag pleite ist.“ Mit der Übernahme der Lokalteile aus der Konkurrenz „gaukelt man dem Leser vor, es sei eine eigenständige Zeitung“. „Das ist keine Zeitung mehr“, sagte Pätzold, „sowas gibt es nirgendwo in Deutschland. Wenn das so weitergeht, ist das Zeitungssterben programmiert.“

Mogelpackung: Die Leser wurden nicht informiert

„Wir Leser wurden nicht informiert“, beschwerte sich einer der Gäste in Dortmund, „ich erwarte das aber, wenn die Redaktion ausgetauscht wird.“ Eine andere: „Es war auch kein Hinweis auf die Veranstaltung heute Abend vom WDR drin. Jeder kleine Verein wird erwähnt, aber so was hier nicht.“ Und: „Gottseidank gibt es den WDR“, sagte Pätzold, „wer kann das hier in Dortmund noch, sich kritisch damit auseinandersetzen? Die Ruhr Nachrichten? Was würden denn ihre Zeitungen machen, wenn so etwas jemand in der Politik machen würde?“ Nienhaus entgegnete, man habe sich zurückhalten wollen. Der WDR berichte ja schließlich auch nicht kritisch über seine eigene Tagesschau-App.

„Warum soll ich eigentlich eine Zeitung abonnieren?“, fragte einer der anwesenden Gäste. „Ich kriege doch alles im Internet umsonst.“ Das war ein Hinweis auf das Internetportal des WAZ-Konzerns, derwesten.de, auf dem tatsächlich der überwiegende Teil der Lokalnachrichten veröffentlicht wird. Wer einen Werbeblocker auf seinem Computer installiert hat, muss sich dann noch nicht mal Werbung ansehen, wenn er über seine Stadt informiert sein will. Und bei aller Trauer über die geschlossenen WR-Redaktionen – das war sie, die aktuelle Bruchstelle der Gesellschaft, in der Lokalnachrichten zwar gelesen, aber nicht immer bezahlt werden. „Ich gebe gerne zu, wir haben was falsch gemacht“, sagte Nienhaus, „indem wir unsere Inhalte kostenlos veröffentlicht haben.“ Doch nun ist der Teufel aus der Schachtel raus, und kaum ein Verlag traut sich, eine wirksame Bezahlschranke („Paywall“) einzurichten. Ob diese Schranke in Zukunft kommt, ob sie angenommen wird oder ob der Leser dann schlicht auf die Lokalnachrichten pfeift, ist noch unklar. „Wie die Zukunft aussehen wird, kann keiner sagen“, so der Medienforscher Pätzold, „aber eine Zukunft in dieser Gesellschaft ist nur möglich, wenn Verleger mit Journalisten zusammenarbeiten."

 

Kommentare

  1. von Karl-Heinz Wegener 14.03.13 (2:15 Uhr)

    Mir hat besonders gut die Wortmeldung dieses Herrn Ingo Meyer von der Demokratischen Unabhängigen Wählervereinigung gefallen, und dass er die Grotkamp endlich einmal direkt erwähnte. Respekt, das ist wahrer Mut!! Solche aufrechten und ehrlichen Politiker, welche die Hintergrund-Mächtigen offen beim Namen nennen, brauchen wir, Merkels und Steinbrücks haben wir dagegen schon viel zu viele! Ich finde, wir müssen das Zeitungssterben stoppen, es darf nicht nur nach dem schnöden Profit gehen!

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