Urbane Künste Ruhr: Salonfähige Netzwerke

Salongesellschaft | Foto: Urbane Künste Ruhr / Manfred Vollmer

Raus aus den Häusern

„Die Besten gehen fort“, nimmt Thomas Laue, Chefdramaturg am Bochumer Schauspielhaus, im Laufe des 2. Gelsenkirchener Salon der Urbanen Künste Ruhr beiläufig einen allzu bekannten Satz in den Mund. Dass dieser allerdings so pauschal gar nicht stimmt, belegt die Veranstaltung in Person ihrer Protagonisten gleich selbst. Das Diskussionsforum im von der Oberhausener Gruppe kitev aufgehübschten Bahnhofscenter-Leerstand hat knapp 150 Interessierte angelockt.

„Netzwerke“ lautet das Oberthema des Abends, der neben kurzen Vorträgen eingeladener Gastredner durch zahlreiche Publikumseinlassungen ergänzt wird. Das Ping-Pong-Spiel geht auf, wenngleich es dem Salon mitunter ein Stückweit an gewünschter Schärfe und kontroverser Debatten mangelt. Laue als charmant launiger Moderator, der zwischendurch auch einmal einen beherzten Schluck aus der Bierflasche nimmt, gibt sich zwar redlich Mühe die ein oder andere Spitze zu setzen, doch das Thema an sich ist zunächst ein abstraktes.

Als erster Gastredner des Abends schlägt Holger Bergmann eine Schneise durch den Theoriedschungel. Der Mitbegründer und Künstlerische Leiter des Mülheimer Ringlokschuppen ist sicherlich ein Paradebeispiel dafür, dass die Besten eben nicht zwangsläufig fortgehen. „Wir haben nichts so sehr, wie große Häuser. Aber wir müssen sehen, dass wir jenseits dieser Orte fragen: Wie entwickelt sich außerhalb die Gesellschaft weiter? Was hat das, was in den Häusern passiert, noch mit ihrem Leben zu tun?“, hält Bergmann ein Plädoyer für das Verlassen von „gekehrten“ Häusern und Interventionen im öffentlichen Raum.  Dabei sei es unerlässlich in Netzwerken zu agieren. Eine Ansicht, die so auch Rainer Hofmann, Künstlerischer Leiter des Spring Performing Arts Festival in Utrecht, befürwortet, jedoch anfügt, dass derlei Netzwerke „nicht politisch gewollt und von Städten und Gemeinden initiiert“ sein sollten. Hofmann setzt sich vielmehr für eine internationale Ausrichtung auf kultureller Ebene ein und vertritt damit einen inhaltlich deckungsgleichen Standpunkt  wie Katja Aßmann.

Die Künstlerische Leiterin der Urbanen Künste Ruhr verwehrt sich vehement gegen eine regionale Wagenburgmentalität und legt z. B. bei der Besetzung der hauseigenen Mobilen Labore, die derzeit das Ruhrgebiet auf künstlerische Weise erforschen, in erster Linie Wert auf Kompetenz und eben nicht auf Herkunft. So oder so, irgendwann muss geliefert werden, wie Volker Bandelow, Leiter des Gelsenkirchener Kulturreferats anmahnt: „Was ist das Ziel, was ist das Ergebnis dieser Netzwerke?“

Auch im Salon der UKR macht sich nach knapp eineinhalb Stunden Dauer eine verstärkte Unruhe breit. Da können die Netzwerke ligna, Netzwerk X, Künstlerbund und Ruhrkunstmuseen noch so exemplarisch von ihrem Wirken erzählen. Immer mehr Bahnhofscenter-Gäste zieht es gedanklich in die reale Erfahrbarkeit künstlerische Interventionen, bzw. nach Hause oder an die Theke.

Der Salon wird im April an gleicher Stelle seine Fortsetzung finden, legitimiert durch das Interesse an den ersten beiden Ausgaben. Doch bleibt er letztlich in erster Linie eine Blaupause für die im Hintergrund laufenden Projekte der Urbanen Künste. Seien es die Mobilen Labore oder das erneute Engagement im Rahmen der kommenden Ruhrtriennale. Hier hatten Aßmann und ihr Team im Vorjahr mit der Pulse Park-Installation im Bochumer Westpark eine fulminante Duftmarke gesetzt und gleichzeitig die Messlatte für Folgeprojekte hochgelegt.

Ärgerliche Randnotiz: Bis zum nächsten Salon bleibt der renovierte Leerstand in Gelsenkirchen erstmal wieder ungenutzt. Aus versicherungstechnischen Gründen dürfen die Urbanen Künste Ruhr die Räumlichkeiten z. B. nicht für Aktivitäten des Netzwerk X zur Verfügung stellen. Zwischennutzung bleibt im Ruhrgebiet trotz aller Netzwerkpflege doch immer noch ein Minenfeld.

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