Urban Gardening: Möhre Marke Eigenanbau

Unkraut jäten und Pflanzen gießen | Foto: Tammo Ganders

Der Rebell von heute trägt Gummistiefel und Gartenschaufel. Selber Gemüse züchten bildet sich gerade als Widerstand gegen die Ordnung des Kapitalismus heraus, wie es die Soziologin Karin Werner beschreibt. Überall sprießen Gemüsegärten, auch dort, wo es nur Beton gibt. Ein Streifzug durch die Vorstadt mit Erde an den Händen!

Ausgerechnet BWL. Betriebswirtschaftslehre. Das Feindbild der grünen Szene schlechthin. Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer lernten sich während ihres BWL-Studiums kennen, und zwar so gut, dass sie im Jahr gemeinsam eine Firma gründeten: „meine ernte“. Mit ihrem Unternehmen ermöglichen Ganders und Kirchbaumer es Menschen, die keinen eigenen Garten haben, trotzdem eigenes Gemüse anzubauen. Auf Ackerflächen in Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Köln, Münster und einem ganzen Haufen weiterer Städte in Deutschland. Im Jahr 2010 startete „meine ernte“ mit sechs Standorten und 250 Kunden, inzwischen sind daraus über 2 000 Gemüsegärten an 22 Orten geworden. „Wir haben einen massiven Zulauf an Interessierten“, sagt Natalie Kirchbaumer. „meine ernte“ bietet Gemüsegärten an, in denen schon über zwanzig verschiedene Sorten gepflanzt sind – sogar Gartengeräte und Wasser zum Gießen werden gestellt. Ein Einzelerfolg? Nein: Das neue Grün sprießt inzwischen überall, Gemeinschaftsgärten oder mobile Beete sind beliebt.

Von der Lust mit den Fingern in der Erde zu wühlen

Die Möhre Marke Eigenbau schmeckt immer mehr Menschen so gut, eben weil sie selbst gezogen wurde. Das Phänomen „Urban Gardening“ greift um sich. Beispiel Dortmund: Dort gründete der Verein „Urbanisten“ erst im vergangenen Jahr einen Gemeinschaftsgarten im Unionviertel, die „UrbanOase“. In Kisten und anderen mobilen Behältern pflanzten Anwohner, Kinder, Jugendliche und andere interessierte Bürger, was das Zeug hielt. „Wir wollten Städtern wieder den Zugang zu Nahrungsmitteln aufzeigen“, sagt Yvonne Johannsen von den Urbanisten. „Die meisten Städter haben keinen Zugang zum Gärtnern, wissen nicht, wo und wie Gemüse wächst. Das ist ein allgemeines Phänomen. Deshalb haben wir uns 2012 auch mit Kindertagesstätten zusammengeschlossen.“ Gerade für Kinder ist es oft eine Lust, mit den Fingern in der Erde zu wühlen und zuzusehen, wie aus einem zartgrünen Sprössling zum Beispiel ein handfester Kürbis wird. Francois Brelinger, Umweltbildner, Gartenbaulehrer und Projektleiter der „UrbanOase“ ergänzt: „Die Oase ist interkulturelle, soziale und pädagogische Arbeit. Ein kleines Projekt mit einem großen Ziel.“ Nun suchen die Urbanisten eine Fläche im Dortmunder Unionviertel, die sie dauerhaft begrünen und beackern können.

Foto: Urbanisten

Gemeinschaftsgärten als Widerstand

„Urban Gardening“ trifft auf viele Arten den Nerv der Zeit. Zum einen bedient es den Wunsch nach „Selber machen“, nach einem Gegenpol zur immer komplexer werdenden Welt. Die Auflagenzahl der Zeitschrift „Landlust“, die das Lebensgefühl des selbstbestimmten, wildromantischen Lebens auf dem Land vermitteln will, überstieg im vierten Quartal 2012 sogar die Verkaufszahlen des „Spiegel“. Zum anderen nimmt die Möhre Marke Eigenanbau den Neoliberalismus aufs Korn, findet die Soziologin Karin Werner. Ihr gelten Gemeinschaftsgärten als „Orte des Widerstandes gegen die neoliberale Ordnung“. Und ein Schrebergarten ist für die meisten keine Alternative, denn wo sonst wird so viel reglementiert wie im Kleingartenverein? Es geht eben nicht darum, mit der zugeteilten Parzelle am Rande des Bahngleises zufrieden zu sein, sondern sich die Stadt zurückzuholen.

Do it like Michelle

„Es gibt reichlich Brachflächen in Wuppertal“, sagt Christine Nordmann, Vorstandsvorsitzende des Wuppertaler Vereins „Neue Arbeit Neue Kultur“, der auf eben so einer Brachfläche eine Art Gemeinschaftsgarten an der Luisenstraße in Wuppertal organisiert: den Wandelgarten. „Jeder, der Lust hat, kann mitmachen“, sagt Christine Nordmann, „und ich habe im ersten halben Jahr so viele Menschen kennen gelernt wie zuvor in 25 Jahren nicht.“ Der Wandelgarten geht über Blumen hinaus, denn: „Es geht darum, wie man sich in Zukunft vielleicht selbst versorgen kann. Denn die Zeiten werden nicht einfacher. Und industrielle Landwirtschaft ist auch nicht so schrecklich gut“, sagt Christine Nordmann.

Alle Gemeinschaftsgärtner und Selberpflanzer dürfen sich im Übrigen über gute Gemeinschaft freuen – sogar die Frau des US-Präsidenten Barack Obama, Michelle Obama, hat im Jahr 2009, kurz nach dem Einzug ins Weiße Haus, einen Gemüsegarten angelegt.

dieurbanisten.de, 0231-330174 01
meine-ernte.de, 0228-28617119
blog.arbeit-kultur-wtal.de

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