Duesseldorf Photo: Der Pizza-Effekt

Uffe Isolotto, Pixxa Splice, 2013 | Foto: Uffe Isolotto / NRW-Forum

Bernd und Hilla Becher begründeten in den 1970er Jahren die Düsseldorfer Fotoschule. Diese hallt in ihrer Sachlichkeit bis heute nach – nicht zuletzt dank Schülern wie Gursky, Hütte oder Höfer. Um den bildhaften Diskurs wieder anzukurbeln, startet im Februar das jährliche und international ausgerichtete Festival Duesseldorf Photo. Im Interview mit Nadine Beneke verriet Leiter und NRW-Forum-Chef Alain Bieber, warum die Streitereien im Vorfeld für ihn keine Rolle spielen, wie er unterschiedlichste Leute zusammenbringen möchte und was seine ersten Düsseldorf-Erfahrungen mit übermäßigem Pizzakonsum zu tun haben.

Die Entstehung des Festivals gestaltete sich eher stressig: Es war im Gespräch, die Veranstaltungen Duesseldorf Photo Weekend und Duesseldorf Photo zusammenzulegen. Clara Maria Sels ließ sich die Rechte am Weekend sichern und wollte die Gesamtleitung übernehmen. Die Stadt wollte dich als Leiter. Wie ist der Stand der Dinge?
Der Stand der Dinge ist, jetzt gibt es zwei Veranstaltungen. Es ist ein kollegiales Miteinander. Und auch überhaupt kein Problem. In Basel gibt es die Art Basel und zahlreiche weitere Kunstmessen. Am Ende ist es doch super, wenn mehr Programm stattfindet und mehr Leute motiviert sind, tolle Dinge zu machen. Und es gibt ja auch Unterscheidungen:  Wir wollen ein großes internationales Festival aufbauen und auch über die Landesgrenzen hinaus strahlen. Das Photo Weekend ist eher ein lokaler Galerienrundgang. Wir haben alles, was ein Festival braucht: tolle Ausstellungen, gemeinsame Veranstaltungen, Öffnungszeiten und einen Festivalpass; dazu Diskursprogramm, Vermittlung, Buchmesse und fast ein eigenes Foto-Filmfestival. Und zahlreiche prominente Gäste: Alec Soth, der US-Künstler, Kuratoren und Fotografie-Experten aus ganz Deutschland.

Also ist Duesseldorf Photo per se größer gedacht?
Größer, diverser und für unterschiedlichste Zielgruppen. Von ganz normalen Fotografiebegeisterten bis hin zu Experten, Kuratoren und die ganze Family. Es werden 50 Ausstellungen und über 100 Künstler an zehn Tagen zu sehen sein. Da ist auf jeden Fall für jeden etwas dabei.

In einem Interview hast du einmal gesagt, die DNA des NRW-Forums bestehe aus Fotografie, Popkultur und digitaler Kultur. Wie würdest du die DNA des Festivals beschreiben?
Düsseldorf und die Fotografie halten das Festival zusammen. Das Besondere kann sein, dass es einen Düsseldorfer Spirit gibt. Es ist ja bekannt, dass Düsseldorf ein Image-Problem hat. Dabei ist die Stadt viel cooler und hipper, als man in Berlin und Hamburg denkt. Was das Stadt-Marketing ja ganz bewusst angeht. Ich glaube, wir können es schaffen, ein weltoffenes Fotografie-Festival aufzubauen, mit dem sich Düsseldorf von seiner besten Seite präsentiert. Dadurch, dass es einerseits Teilnehmer gibt, Institutionen, Galerien, Projekträume, und dazu einen kuratierten Teil, gibt es nicht einen roten Faden, sondern ganz viele. Natürlich spielt digitalisierte Fotografie eine Rolle. Signe Pierce und Andy Kassier beispielsweise sind zwei junge Künstler, die vor allem Instagram als ihr Medium begreifen und dort Performances machen. Wie sich der Begriff der Fotografie wandelt, ist auf jeden Fall auch ein Thema. Ich fände es spannend, wenn sich die DNA des Festivals in einer ständigen Mutation befände.

Was sind deine Highlights?
Natürlich im NRW-Forum. Da zeigen wir gleich drei Ausstellungen, mit Louise Dahl-Wolfe, eine klassische Modefotografie-Ausstellung, dann Herlinde Koelbl und „Pizza is God“. Pizza ist jetzt Unesco-Weltkulturerbe. Das wird eine sehr zeitgenössische Popkultur-Ausstellung. Ich freue mich auf die Nachwuchswerkschau in der Alten Kämmerei am Rathaus. Da werden 22 Studierende aus dem Seminar von Mischa Kuball von der Kunsthochschule für Medien Köln ausstellen. Die Studierenden der Düsseldorfer Kunstakademie zeigen an verschiedenen Orten Werke und haben zum Beispiel eine kleine Gruppenaussstellung in einer Privatwohnung in der Ackerstraße 39 organisiert. Dass Jan Dibbets in der Akademie-Galerie noch einmal eine so große Ausstellung macht, ist sehr besonders. Er war lange Jahre Professor an der Kunstakademie und ist schon ein bisschen älter. Und etwas Besonderes, weil ich Kunst im öffentlichen Raum gut finde: Die „2 min ago“-Panels. Es wird verschiedene Fotografie-Kunst auf Werbeplakaten zu sehen sein. Was natürlich der demokratischste Zugang zur Fotografie ist. Und weil ich Fotobücher liebe, freue ich mich auch sehr auf den Fotobuchsalon mit zahlreichen internationalen Verlagen auf dem Campus der Hochschule Düsseldorf.

Wie gehst du generell konzeptionell vor? Wie kuratierst du für das Festival und das NRW-Forum?
Beim Festival organisiere ich vor allem, da kuratieren die meisten Teilnehmer die Ausstellungen selbst. Im NRW-Forum entwickele ich viele Ideen selbst, und arbeite auch oft mit freien Kuratoren zusammen. Es gibt ja sehr viele geniale Ideen da draußen. Deshalb sind Gespräche das Wichtigste, in denen man unterschiedliche Leute kennenlernt. Und sich darüber austaucht, an was man gerade arbeitet. Was mir im NRW-Forum bisher ganz gut gelungen ist, sind Ausstellungen und Veranstaltungen zu aktuellen Themen und Trends zu kuratieren. Wir waren oft die ersten, die zu einem Phänomen eine Ausstellung aus einer kunst- und kulturhistorischen Sicht gebracht haben. Mit „Ego Update“ und dem Selfie-Thema waren wir sehr weit vorne. Wir wussten auch von dem Unesco-Weltkulturerbe-Antrag, wussten aber natürlich nicht, ob es klappt und haben die Daumen gedrückt, dass es die Pizza schafft. Und noch wissen nicht alle, dass neben Katzen die Pizza im Netz das große Thema ist. Wie ich gerade gesehen habe, ist das Unwort des Jahres 2017 „alternative Fakten“ geworden. Und auch dazu arbeiten wir bereits im Herbst an einer Ausstellung zum Thema Fake News und Weltverschwörungstheorien.

Ist die Zielgruppe dann auch eher jünger?
Wir wollen niemanden vergraulen. Wir machen eine Kombination aus Klassischem und Zeitgenössischem. Vielleicht gelingt uns das auch mit Louise Dahl-Wolfe und der Pizza-Ausstellung. Leute, die viel gesehen haben, freuen sich, wenn sie mal was Neues entdecken. Auch bei Hochschulrundgängen entdecke ich immer etwas. Aber es gibt natürlich Leute, die wollen immer nur essen, was sie kennen. Wie im Urlaub. Sind in Südafrika und wollen ein Schnitzel.

NRW-Forum-Chef Alain Bieber | Foto: Ondro Ovesny

Apropos Essen: Wie stehst du zu Pizza? Und welche ist deine Lieblingspizza?
Als ich hier in Düsseldorf angekommen bin, habe ich auch sehr viel gearbeitet und mich vor allem von Pizza ernährt. Meine damalige Unterkunft hatte eine ganz leckere Pizzeria in der Nähe. Irgendwann hat mich mein Arzt auf die Cholesterinwerte aufmerksam gemacht. Dann habe ich meine Ernährung umgeworfen. Ansonsten ist es ein Thema, das einen begleitet. Auch ich war ein Student mit wenig Geld und habe mich von Pizza und Pasta ernährt. Auch ich war ein Nerd, der viel vorm Computer abhing. Meine Lieblingspizza ist die Diabolo, scharf und fettig.

Was ist zur Pizza-Ausstellung alles geplant?
Wir machen den ersten wissenschaftlichen Reader zum Thema Pizza. Das wird ein richtig großer Wälzer. Es gibt Politikwissenschaftler, die über den Pizza-Effekt sprechen. Darüber, wie sich die Pizza verändert, wenn italienische Auswanderer aus den USA wieder nach Italien zurückkehren. Pizza-Akrobatik und eine Pizza-Weltmeisterschaft finden im NRW-Forum statt. Die besten Pizzabäcker der Welt müssen aus außergewöhnlichen Zutaten Pizzen machen. Es gibt eine Fachjury und das Publikum darf auch verköstigen. Und es gibt rund 25 großartige Künstler in der Ausstellung, von Martin Kippenberger bis John Baldessari, die sich künstlerisch mit der Pizza beschäftigt haben.

Du bist nun seit drei Jahren in Düsseldorf. Wie sieht deine Bilanz aus?
Die Zeit ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen. Ich fühle mich wirklich wie angekommen. Ich mag die Mentalität, ich habe tolle Orte, tolle Menschen gefunden. Ich habe ja auch ein Privatleben und zwei kleine Kinder. Es ist eine super Stadt für Kinder. Wichtig finde ich auch, dass hier kulturell so viel passiert. In den Städten, in denen ich davor war, habe ich mich eher gelangweilt und dachte, da passiert zu wenig. Ich habe lange in Straßburg gewohnt. Da gab es nur ein Museum. Ich würde hier sehr gerne noch ein paar Jahre weiter wirken.

Wie würdest du die Stadt in Sachen Offenheit beurteilen?
Die Frage ist immer, wie man den Menschen begegnet. Und in welcher Rolle man sich befindet. Wir als Kultureinrichtung haben den Luxus, dass wir keinen Gewinn erwirtschaften müssen. Die Logik von Kunsthändlern oder Galeristen ist eine andere. In dem demokratischen Kulturverständnis, in dem ich aufgewachsen bin, ist es wichtig, dass man Wissen und kulturelles Kapital an die größtmögliche Zahl an Menschen verbreitet.

Wie kann man sich eigentlich eine klassische Arbeitswoche von dir vorstellen?
Es findet vor allem der Dialog mit Kollegen, Künstlern, Kreativen statt. Aus dem entsteht eigentlich ziemlich automatisch das nächste Projekt. Ich habe das Gefühl, die Dinge erreichen mich. Aus einem ergibt sich das andere. Da wächst eine Struktur. Das versuchen wir ja auch mit ADA, der Akademie der Avantgarde. Wir laden jemanden ein und irgendwann rekrutieren sich daraus neue Experten. Vor allem ist es also Kommunikation. E-Mails, Telefonieren, Leute treffen, Planung.

Wie sehr verknüpfst du Alltag und Arbeit miteinander?
Es ist ein Luxusproblem, wenn man seinen Job so sehr liebt, dass man nicht sieht, dass man nur noch arbeitet. Man muss aber schaffen, abzuschalten. Nur dann schafft man es auch, wieder frische Ideen zu entwickeln.

Hast du besondere Strategien, um abzuschalten?
Tatsächlich ist es so, dass ich versuche, Digitalgeräte zu reduzieren. Das ist eine sehr hilfreiche Strategie. Was super gut funktioniert, ist ab einem bestimmten Zeitraum kein Tablet, keinen Laptop und kein Smartphone mehr zu benutzen. Und erst wieder um 8, 9 Uhr. Es gibt Leute, die sind permanent auf Abruf. Das stört den gedanklichen Arbeitsrhythmus. Wenn man über ein Thema länger nachdenken muss oder ein Konzept entwirft und man ist die ganze Zeit mit WhatsApp beschäftigt, ist das nicht unbedingt förderlich. Eine andere gute Strategie ist, alle Sachen, die man als unangenehm empfindet, als erstes zu machen. Und es ist wichtig, den Leuten zu sagen, dass man nicht immer erreichbar ist. Ich habe ja auch trotz allem ein Privatleben.

coolibri verlost 5x2 Festivaltickets auf coolibri.de