Akademie der Avantgarde: Digitale Welt, analog betrachtet

Akademie der Avantgare: Maschine und Mensch | Foto: Merlin Baum / Sebastian Kleff

Das NRW-Forum wird seinem Ruf als innovative Begegnungsstätte einmal mehr gerecht: Seit Dezember 2017 läuft dort die „Akademie der Avantgarde“, eine Reihe von Vorträgen und Workshops. Mitmachen kann jeder, die Teilnahme ist kostenlos.

Als Vermittlungsprojekt sieht das Forum die Akademie der Avantgarde, kurz  #ADA. Und der heutzutage schon vermeintlich obligatorische Hashtag weist auch die Richtung, in die es thematisch geht. Digitale und Pop- Kultur, Fotografie und modernste Technik sind Schwerpunkte in den Workshops und Vorträgen. Diese können auch von Teilnehmenden selber gehalten werden, alle sind angehalten, Part der #ADA zu werden. Irit Bahle, Pressesprecherin des NRW-Forums, dazu: „#ADA ist ein Bildungsprojekt, das zeitgemäß ist und zu unseren Themen digitale Kultur, Pop und Fotografie passt. Eine Art Club, zu dem die Besucher sich zugehörig fühlen.“ Der Spaß an digitaler Kultur ist die eine Seite, es soll aber auch darum gehen, die Entwicklungen in der medialen Welt kritisch zu betrachten. „Wir möchten mit dem Projekt einen selbstverständlichen aber auch kritischen Umgang mit modernsten Kulturtechniken und digitalen Medien fördern und zur Teilhabe an kulturellen Angeboten anregen“, so Bahle.

"Mensch, Maschine - Ärgere dich nicht!"

"Mensch, Maschine - Ärgere dich nicht!" | Foto: Merlin Baum / Sebastian Kleff

Der Workshop „Mensch-Maschine, ärgere dich nicht!“ erkundet das Verhältnis von Mensch und Maschine. Unter Anleitung der beiden Dozenten Merlin Baum, Künstler und Dozent, und Musikproduzent Sebastian Kleff wird getüftelt und erfunden. Im Interview haben sie uns verraten, was genau sie mit ihrer Arbeit erreichen wollen.

Erstmal – wer seid ihr? Was ist euer Background?
MB: Ich bin Designer, Künstler und Dozent. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und nach meinem Studium überwiegend Projekte im Kunstkontext umgesetzt. Ich arbeite Inter- und Transdisziplinär. Alles, was mit Technologie zu tun hat, begeistert mich und ist für meine Arbeit interessant. Die Frage wie Systeme miteinander Interagieren, steht im Fokus meiner Aufmerksamkeit.
SK: Ich bin Autodidakt, zunächst aus Verzweiflung gegenüber der mit meinem bescheidenen Numerus Clausus möglichen Studienkombinationen. Als ich dann den Uni-Betrieb kennenlernte, entschied ich mich bewusst dafür: Ausgestattet mit einer kindlich passionierten Neugierde erschienen mir die akademischen Massenveranstaltungen zu kalt, zu distanziert. Schon in jungen Jahren hat mich  Joseph Beuys fasziniert. Seine Art, gesellschaftlich-humanistische Themen mit naturwissenschaftlichen Themen zu kreuzen und das Ganze mit einer gepflegten Portion Humor zu würzen hat mich damals zu der Erkenntnis geführt, dass Kunst wesentlich mehr ist als eine bemalte Leinwand an der Wand und daher eine übergeordnete gesellschaftliche Relevanz haben kann.

Was wollt ihr den Teilnehmern vermitteln?
SK: Zunächst einmal geht es darum, mit recht simplen technischen Mitteln, auf dem Feld der Elektrotechnik, eine gewisse Kreativität zu entwickeln. Beispiel: Ich habe einen defekten Scanner. Kann ich damit irgendetwas anstellen, anstatt das Gerät auf den Müll zu werfen? Mögliche Antwort: Ja, aus der Lichtleiste könnte man eine Schreibtischlampe bauen und aus den Motoren, die diese Lichtleiste bewegen, könnte man durch Hinzufügen eines Sensors eine interaktive Installation bauen. So erhält man Zweierlei: erstens, einen Gebrauchsgegenstand und zweitens, eine eventuell künstlerisch wertvolle Arbeit. Im übergeordneten Rahmen würde dies in Bezug auf unseren Workshop bedeuten: Versuche etwas von der vorliegenden Technik zu verstehen und mache dir dieses Wissen, auch wenn es nur ein kleiner Ausschnitt ist, konstruktiv zu eigen. Auf dass sich aus den Trümmern der Konsumgesellschaft neue Potentiale erheben mögen.   

Wie empfindet ihr selbst das Verhältnis Mensch – Maschine?
MB: Generell begrüße ich jede Form des technologischen Fortschritts und verfolge diese Entwicklung mit großer Neugier. Ich denke, die Menschheit muss gerade in den nächsten Jahrzehnten eine gute Route definieren, um nicht blindlings der sonoren Stimme eines Navigationssystems zu folgen und ins nächste Hafenbecken abzubiegen und zu ertrinken. Meiner Meinung nach sollte der Mensch erst einmal Mensch bleiben, was er ja schon lange nicht mehr ist -  schon mit einer Brille beginnt man, sich zum Cyborg zu entwickeln. Was ich konkret meine ist, dass die Menschheit noch etwas damit warten sollte, sich einen Chip ins Gehirn zu pflanzen und somit ein Brain-to-Computer-Interface zu nutzen. Ich denke, das Wichtigste beim Verhältnis zwischen Mensch und Maschine ist es, dass wir uns gegenseitig gut behandeln. Ein gesunder Mittelweg zwischen Technophilie und Technophobie wird wohl das Beste sein. 
SK: Eben, das Verhältnis Mensch-Maschine muss nicht anders gesehen und gehandhabt werden als das Verhältnis der Menschen untereinander. Auch da gibt es bekanntermaßen Licht und Schatten, Ängste und Hoffnungen, Lösungen und Probleme.

"Mensch, Maschine - Ärgere dich nicht!" | Foto: Merlin Baum / Sebastian Klaeff

Warum interessiert euch gerade dieses Thema?
MB: Gute Frage! Traurigerweise bekommen wir es als Menschheit nicht mal hin, eine vernünftige Lösung für Mensch-Mensch Probleme zu finden und beschäftigen uns mit dem Verhältnis zur Maschine, was natürlich etwas fragwürdig ist. Für mich ist dieses Thema in jeder Hinsicht, egal ob in Kunst, Design, Gesellschaft oder Wissenschaft, das spannendste was es zu erkunden gibt.
SK: Weil der Mensch doch eigentlich erst durch den Gebrauch von Werkzeugen zwecks Erweiterung seiner Fähigkeiten zum modernen Menschen wird. Welches Lebewesen kam denn z.B. zuvor auf die Idee, Feuer zu machen oder sich mit den Fellen anderer Tiere zu kleiden? Der Mensch sieht sich doch im Prinzip schon seit sehr langer Zeit als Mängelwesen, dass er in seiner selbstbeurteilten Unvollkommenheit zunächst mittels Werkzeug, dann per Technologie zu perfektionieren gedenkt. Sei es mit Feuerstein und Keule oder mit Fitness-Tracking-Armbändchen und Einparkassistent. Letztlich soll ja mit jeder Erfindung zunächst mal ein irgendwie geartetes Problem gelöst werden. Dass dadurch dann wiederum neue Probleme entstehen können, ist eine andere Geschichte.

Macht die ganze Entwicklung in diese Richtung das Leben leichter? Oder seht ihr auch kritisch zu betrachtende Tendenzen?
MB: Vieles ist sehr nützlich, erleichtert einiges und kann sogar unsere Umwelt schonen oder sogar wieder regenerieren und trägt zur körperlichen und geistigen Gesundheit bei. Ich denke da an schwimmende Roboter, die selbständig Plastikmüll sammeln oder an Drohnen, die Bäume pflanzen und dabei nie müde werden. Auch neueste medizinische Technologien, wie elektronische Prothesen. So kann die vom Menschen angerichtete Zerstörung in kleinen Teilen abgemildert werden. Natürlich ist das ganze kritisch zu betrachten, aber wir sollten gesellschaftlich, kreativ, gestalterisch und gemeinsam an einer Positiven Zukunft arbeiten.
SK: Na ja, wie gesagt: Erfindungen und technische Entwicklungen basieren auf dem uralten Wunsch nach Optimierung und Problemlösung. Also würde ich sagen, dass es nicht die Maschinen und Roboter per se sind, die kritische Tendenzen hervorrufen, sondern das sie umgebende System. Wobei technischer Fortschritt schon immer ein Machtinstrument war. Oft wurden technologische Meilensteine erst durch den Druck kriegerischer Auseinandersetzungen möglich.

Wie setzt ihr euch sonst mit diesem Thema auseinander?
MB: In meiner Arbeit als Künstler, versuche ich besonders das "Wie" zu bearbeiten, also wie interagiere ich mit der Maschine? Daraus resultiert meine Auseinandersetzung mit dem Thema. 
SK: Durch Sehen, Hören und Staunen.

Habt ihr schon mal „aus Versehen“ etwas erfunden? 
SK: Kann schon sein, aber was mir persönlich viel wichtiger ist: Dass ich aus Versehen etwas gelernt habe. Ich hoffe, es geht den Teilnehmern am Ende des Workshops einigermaßen ähnlich.

Akademie der Avantgarde: "Mensch, Maschine - Ärgere dich nicht!", 2.2. & 9.2., 18 - 20 Uhr, NRW-Forum, Düsseldorf

Einstieg in die analoge Fotografie

Andreas "Foto" Schiko | Foto: Foto Schiko

Im Internet, in jedem sozialen Netzwerk, werden minütlich unzählige Fotos hochgeladen. Allein bei Instagram sind es mehr als 95 Millionen Bilder. Am Tag. Retuschiert, mit Filtern überladen - jeder ist plötzlich Experte auf diesem Gebiet, ein Bild ist mehr eine Momentaufnahme.Von 18 gemachten Selfies schafft es eines in die Timeline, die anderen werden "entsorgt".  Jedes Smartphone hat eine Kamera, fast jeder Mensch hat ein Smartphone. Gleichzeitig geht der Trend wieder stark in Richtung analoge Fotografie. Der Düsseldorfer Fotokünstler Andreas Schicko, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Foto Schiko, gibt im Rahmen der #ADA Einblick in die Welt der Bilder. Uns hat er im Interview verraten, wie er die Digitalisierung seiner Arbeitswelt erlebt und ob jeder das perfekte Selfie schießen kann.

Wie bist du auf die Idee zu gerade diesem Workshop gekommen?
Das theoretische Erarbeiten eines Themas, einer Art Minireportage, die fotografische Umsetzung mit einem analogen KB-Film, der dann selber entwickelt und als Scan bearbeitet wird, ist ein Projekt, welches der Fotografie eine Bedeutung geben kann. Sicher aber ist es eine intensive Erfahrung für den Einzelnen und im besten Falle für mögliche Betrachter. Der Fotografie eine Relevanz zu geben, ist eine Reaktion auf die massenhafte Verbreitung von Fotos im Netz und den sozialen Netzwerken sowie deren Beurteilung. Die Idee zu dem Projekt hatte ich schon lange, habe sie aber erst nach einer Auseinandersetzung mit den Arbeiten von Gordon Parks konkretisiert.  Bei der #ADA und dem NRW-Forum fühlte ich mich damit gut aufgehoben, und ich freue mich über die Zusammenarbeit.

Hängst du selbst sehr an analoger Photographie?
Ja klar! Aber "hängen" ist ein komisches Wort....

Wie arbeitest du?
Wenn ich fotografiere? Alleine.

Was möchtest du den Teilnehmern  in deinem Workshop vermitteln?
Erst einmal Faszination für die Fotografie. Auch ein wenig Wissen und Technik. Leider ist dieser Kurs zu kurz, um z.B. verschiedene Techniken der Portraitfotografie zu beleuchten, oder Formen, wie die „empathische Fotografie“. Aber ein wenig Theorie wird es geben. Im besten Falle könnten die Teilnehmer etwas über Fotografie, sich selber oder das gewählte Thema erfahren. Der Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung der persönlichen oder gesellschaftlichen Relevanz der Fotografie und soll Hilfsmittel für die Produktion und Beurteilung von Fotos bereitstellen.

Phat Kat Club Unique | Foto: Foto Schiko

Wie siehst du die Digitalisierung deiner Kunstform? Was sind deiner Meinung nach die Vor – oder Nachteile?
Fettes Thema. Wie siehst denn DU die Digitalisierung deiner Welt? Ich sehe das wie Walter Benjamin. Einer technischen Entwicklung folgt immer auch eine gesellschaftliche. Wir wissen doch noch gar nicht, wie uns die Digitalisierung unserer Welt verändert, und erkennen es erst deutlich im Rückblick oder der Besinnung. Social research ist ja gerade auch ein großes Thema, und jeder redet davon, dass die Fotografie tot ist. Finde ich aber nicht. Die Fotografie lebt so, wie der/die FotografIn, der/die KuratorIn oder der/die KonsumentIn lebt. Sie lebt mit ihrer Funktion, ähnlich der Musik oder der Malerei.

In Zeiten von Instagram und sonstigen sozialen Medien – wie viel ist ein Foto noch „wert“? Wenn jeder mithilfe von Filtern und anderen Hilfsmitteln das „perfekte“ Bild machen kann.
Kann eben nicht jeder. Nicht mal „nur schön“ kann jeder, und „ganz weit weg“ reicht auch schon lange nicht mehr. Sicherlich ist es heute einfach, ein Foto in seiner Relevanz so aussehen zu lassen wie relevante Bilder aus vergangenen Zeiten. Daher müssen wir zu Fachleuten werden, um Bilder besser beurteilen zu können. Nicht nur, um gut von schlecht zu unterscheiden, sondern wahr von unwahr, relevant von unwichtig... Und das „schöne Bild“ gibt es auch nicht. Ich weiß nicht, ob buddhistische Mönche durch Meditieren den Zustand der absoluten Leere erreichen, aber dieser Zustand wäre dann das schöne Bild. Vielleicht auch nur ganz kurz.

Denkst du, deshalb geht der Trend wieder in Richtung Analog?
Analoge Fotografie erfordert in ihrem Herstellungsprozess Geld, Aufmerksamkeit, Wissen und Zeit. Sie ist damit per se geeignet, um etwas über die Fotografie zu erfahren und Fotos „aufzuladen“. Natürlich sehe ich einen Trend, definiere ihn aber lieber als Chance und als Reaktion auf zu viele Bilder. Es kommt zum Schluss nicht auf die Kameratechnik an. 

Akademie der Avantgarde: Einführung in die analoge Fotografie: 4.2. 10-18 Uhr, 17.2. 14-18 Uhr &  3.3. 14-18 Uhr, NRW-Forum, Düsseldorf