Netzwerk X: Auf der Suche nach dem Schlüssel

Vorschlag: X-PIKS für das Ruhrgebiet | Foto: Michael Blatt

Die freie Kulturszene diskutiert über Wunsch und Wirklichkeit

Eigentlich hatte Michael Reiners nicht vorgehabt, in großer Runde das Wort zu ergreifen. Nach zwei Stunden stiller Teilhabe an der Diskussionplattform zur Förderung der freien Kunst- und Kulturszene im Ruhrgebiet ergreift der Netzwerk X-Aktivist dann doch das Mikrofon. Er schildert seine Frustration über die Schwerfälligkeit Dortmunder Behörden, wenn es darum geht, Leerstände für Zwischennutzungsprojekte zu öffnen: „Niemand weiß, wer den Schlüssel hat!“

In all ihrer Konzeptlosigkeit hätten ihn Amtspersonen sogar gefragt, warum man nicht einfach die Tür eintreten würde. Was dann allerdings passiert, haben 2010 Zwischennutzungsinitiativen wie UZDO in Dortmund oder Freiraum in Essen sehr schnell zu spüren bekommen. Sie wurden geräumt!

Wie es anders geht, zeigt der Veranstaltungsort der Diskussionsrunde am Oberhausener Hauptbahnhof. Hier arbeitet der Verein kitev (Kultur im Turm) in mühsamer Kleinarbeit daran, das im Besitz der Deutschen Bahn befindende Nebengebäude wieder nutzbar zu machen. Für Apostolos Tsalastras, Kämmerer und Kulturdezernent der Stadt ein Glücksfall: „Es ist die einzige Chance, den Leerstand in den Innenstädten zu beleben und Arbeit und Leben zurückzubringen. Denn der Einzelhandel ist auf die grüne Wiese gegangen.“

Einer der zentralen Gestalter in Sachen Zwischennutzungsformate könnte das Netzwerk X sein. In ihm haben sich fast 30 freie Künstler- und Kulturgruppen aus dem Ruhrgebiet zusammengeschlossen, um mit einer Stimme zu sprechen. In Oberhausen stellt das Netzwerk sein Format PIKS (Projekte und Initiativen – Kunst und Soziales) vor und liefert damit eine Steilvorlage für die vom Regionalverband Ruhr (RVR) und dem Land NRW im Anschluss an die Kulturhauptstadt Ruhr.2010 auf den Weg gebrachte „Nachhaltigkeitsarchitektur“. U. a. will PIKS einen Leer- und Vollstandsmelder für die gesamte Region installieren, Workshops anbieten, ein Festival „Kunst und Soziales im Ruhrgebiet“ organisieren und eine „Recht auf Stadt“-Konferenz mitgestalten.

Leerstände finden und füllen

Es mangelt jedoch vor allem an Akzeptanz in den städtischen Kulturbüros und einer Partizipation an jedweden Fördertöpfen. Dass sich das ändert, dafür macht sich beim RVR Jürgen Fischer stark. Wahrscheinlich nicht ohne Gegenwind in den eigenen Reihen. Er empfiehlt während der Diskussionsrunde in Oberhausen z. B. an die Stiftung Ruhr.2010 heranzutreten, die im April über die Ausschüttung von Finanzmittel entscheiden wird. Fischer bietet dem Netzwerk X in derlei Dingen seine Unterstützung an, mahnt aber gleichfalls von Fall zu Fall genau hinzusehen. So sei etwa das Projekt „Leerstandsmelder“ bereits im Rahmen der Kreativquartier-Gestaltung des Europäischen Zentrums für Kreativwirtschaft (ecce) abgedeckt.

Damit trifft er in den kitev-Räumlichkeiten allerdings auf Widerspruch. Nicht ohne Grund, denn wirft man einen Blick auf die Webseite der ecce-Kreativquartiere, ist der Bedarf an Räumen in Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft mehr als überschaubar. Aktuell finden sich auf dem Portal gerade einmal zwei Gesuche. Eins davon ist sogar eine private Wohnungssuche einer ecce-Mitarbeiterin. Heißt, entweder gibt es keine Notwendigkeit an Arbeits- und Veranstaltungsorten, oder aber ein Kommunikationsproblem auf Seiten der Anbieter.

„Das Geld ist da. Es ist eine Frage der Prioritäten.“

Rainer Midlaszewski, freier Grafiker und Mitorganisator des Euromayday Ruhr, kommt zu dem Schluss, dass eine Idee wie PIKS allein deshalb nicht mit der Arbeit von ecce unter einen Hut zu bringen ist, da das Netzwerk X sich per se nicht als Teil der Kreativwirtschaft definiert. Er setzt sich vehement für eine unabhängige Unterstützung ein. „Das Geld ist da. Es ist eine Frage der Prioritäten.“ Eine Sichtweise, die Kämmerer Tsalastras bezogen auf seinen kommunalen Haushalt so nicht ganz mitträgt: „Das Einzige, was wir nicht haben, ist Geld.“

Und so wird am Ende der lebhaften Diskussionsrunde die Gretchenfrage in die Zukunft vertagt. Bei aller kollektiven Befürwortung der X-Initiative unter den Anwesenden, bleibt – nicht überraschend – unklar, wer am Ende den Schlüssel rausrückt und die fällige Brandschutztür finanziert. Ob es in Sachen monetärer Unterstützung letztlich die Ruhr.2010-Stiftung oder Landesfördermittel sein werden, eins sollte den Damen & Herren mit den Scheckheften klar sein: so günstig werden sie eine notwendige Belebung der freien Kulturszene im Ruhrgebiet anderswo nicht bekommen. Und ehrlich gesagt: wenn man sich einmal vor Augen führt, wo in der Vergangenheit Budgets ohne Langzeitwirkung versenkt worden sind, ist das Risiko, sein Geld ins Netzwerk X zu investieren, ohne damit positive Folgeeffekte zu erzielen, mehr als gering.

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