Düsseldorf nimmt Abschied vom Tausendfüßler

| Foto: Johann H. Addicks, veröffentlicht unter Creative Commons BY-SA 3.0

Liebeslieder für eine Hochstraße

Die, die ihn behalten wollten, haben alles versucht. Proteste. Unterschriftenlisten. Sogar eine Initiative wurde gegründet, um den Abriss des Düsseldorfer Tausendfüßlers zu verhindern. Ohne Erfolg. Alles. Einmal mehr hat der scheinbar allmächtige Düsseldorfer Oberbürgermeister die Oberhand behalten. Sein wahnwitziger Plan vom Kö-Bogen nimmt rasend schnell Gestalt an. Woche um Woche wird den Düsseldorfern klarer, wie das, was man ihnen einst in Modell-Form als städtebaulichen Fortschritt verkauft hat, wirklich aussieht: schrecklich nämlich.

Auch das Etikett „Denkmalschutz“ scheint keine fünf Cent wert zu sein. Und der Tunnel, der in Zukunft die Anfang der 1960er Jahren erbaute Hochstraße ersetzen wird, wurde bereits von der Dienstlimousine des OB entjungfert.

Bis Samstag ist der Tausendfüßler noch zu befahren. Und obwohl oder weil seine Tage gezählt sind, gärt das Thema in der Stadt. Von Autofahren hört man dieser Tage häufiger, dass sie eigens Umwege in Kauf nehmen, um über ein letztes Mal die maximal 536 Meter lange Hochstraße zu befahren, was gerade bei Dunkelheit ein außerordentliches Vergnügen ist. Wenn man an dem rund um die Uhr beleuchteten P&C-Gebäude vorbei gleitet, um wahlweise an der Johanneskirche (Berliner Allee) oder auf der Immermannstraße wieder festen Boden unter den Rädern zu haben, beschleicht einen stille Euphorie. Der Tausendfüßler ist vermutlich die einzige Stelle, an der Düsseldorf, das Leichtgewicht unter den Großstädten, wie eine Metropole anmutet.

Entsprechend groß sind die Gefühle. Das weiß man auch auf Seiten der Stadt und hatte, schlau wie man sich fühlte, den Düsseldorfern eine Abschiedsfeier versprochen. Ein Versprechen, das nun, wo „das Programm“ steht, wirkt wie das Schwimmbad, das der verstorbene OB Erwin den Bürgern für die umstrittenen Düsseldorf Arcaden in Aussicht stellte, und das sich, als es fertig war, als Pfütze entpuppte. Dreieinhalb Stunden gönnt man den Bürgern, um sich vom Tausendfüßler zu verabschieden - am kommenden Sonntag zwischen 13 und 16:30 Uhr. Auf dem Martin-Luther-Platz wird eine Würstchenbude aufgestellt, auch an Getränken soll es nicht mangeln. Dazu spielt die Peter-Weisheit-Band. Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Düsseldorf keine Metropole ist, dann ist er mit diesem provinziell-lieblosen „Programm“ erbracht.

Gut, dass auch die hiesige Kreativszene nicht untätig ist. Künstler aus dem Umfeld des Vereins WP8 sammeln sich am Sonntag zwischen 13:30 und 14 Uhr am Mack-Brunnen (Berliner Allee), um zu einem Trauerzug formiert über den Tausendfüßler zu schreiten. Musikalische Begleitung ist geplant. Um stilvolle Kleidung (schwarz!) wird gebeten. Im Anschluss findet im WP8 eine kleine Trauerfeier mit Kaffee, Tee und Kuchen statt. Andere haben ihre Gefühle für das von Y-förmigen Stützen getragene Bauwerk bereits in Musik umgesetzt. Das Düsseldorfer Duo I AM SCHNEIDER hat dabei etwas zu tief in die Pathos-Kiste gegriffen. „Das ist der Tausendfüßler/der macht, dass ich in dieser Stadt so glücklich bin“ heißt es in der nur von Piano begleiteten Komposition. Elektronischer geht es hingegen bei Bettina Köster zu. Ihr Song „Schöner Tausendfüßler“, der bereits im vergangenen Jahr in einem Kölner Studio aufgenommen wurde, gemahnt nicht ohne Grund an den veritablen Indie-Hit „Kaltes klares Wasser“, schließlich war Frau Köster einst ein Drittel des Trios Malaria!. 

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