Düsseldorfer Kunstkommission beschlossen: Interview mit Jörg-Thomas Alvermann

Die Düsseldorfer Kunstkommission | Foto: Düsseldorfer Kunstkommission

Mitte Dezember wurde die erste Kunstkommission für Düsseldorf beschlossen. Der Zusammenschluss aus Künstlern, Politikern, Stadtplanern und Kunstwissenschaftlern ist bis 2020 ins Amt gewählt worden. Was die Kommission konkret plant und warum der Beschluss einer Zurückeroberung gleichkommt, hat Mitglied und Künstler Jörg-Thomas Alvermann Nadine Beneke im Interview verraten.

 

Wie kann man sich den Weg bis zur Kunstkommission vorstellen?

Das Ganze geht jetzt schon seit 15 Jahren. Andrea Knobloch und Markus Ambach haben bereits 2002 thematisiert, dass die Stadt eigentlich kein vernünftiges Konzept hat, wie man mit Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum umgeht. Es gab dann Modellversuche und Diskussionen. Eigentlich ließ es sich ein stimmiges Konzept aber erst mit der neuen Stadtregierung umsetzen. Die Oberbürgermeister davor Thomas Geisel haben immer eher blockiert und wenn überhaupt etwas realisiert wurde selber entschieden. In München, Zürich oder Wien gibt es schon länger gute Konzepte und Kunstkommissionen. Und das tut dem Stadtbild gut.

Woran ist es bislang gescheitert?

In Düsseldorf gibt es auf Seiten der Verwaltung immer unheimlich viele Bedenken und Ängste. Wir haben leider eine Kultur der Verhinderung und nicht der Ermöglichung. Deshalb war es in den letzten drei Jahren ein zäher Prozess. Als wir mit KUKODUS angefangen haben, war noch Gregor Bonin im Amt (Anm. d. Red.: Planungs- und Baudezernent bis November 2015), der Befürworter der Kunstkommission war. Als er wegging, wurde es schwer.

Wie hat es schließlich doch geklappt?

Die Kommission war ein wichtiges Vorhaben der Ampelkooperation aus SPD, GRÜNEN und FDP. Die Ampel-Politiker haben uns immer unterstützt. Wir haben eine Künstlerarbeitsgruppe gebildet (AG KUKODUS), die zum größten Teil praktisch die Arbeit der Verwaltung übernommen hat. Wir haben Anhörungen und Fachtagungen organisiert, federführend die Richtlinien für die Kommission verfasst und sogar die Summe der jährlichen Baukosten der Stadt ausgerechnet, weil die Verwaltung damit überfordert war.

Satzungsrodung der Kunstkommission | Foto:Kunstkommission Düsseldorf

Was sind die Anliegen der Kunstkommission?

In Düsseldorf wird sehr viel umgestaltet. Kö-Bogen I, Kö-Bogen II, Schadowstraße. Die Kunstkommission möchte, dass die Kunst in zentralen stadtplanerischen Fragen eine Rolle spielt und im Stadtbild sichtbar wird. Durch Kunst, in welcher Ausdrucksform auch immer, gewinnen wir eine andere Perspektive. Beim Kö-Bogen 1 wurde diese Chance verpasst, beim Kö-Bogen 2 und bei der Schadow Straße werden wir uns auf jeden Fall einmischen. Einmalig in Deutschland ist auch, dass Bürger oder Bezirksvertretungen die Kunstkommission be anrufen können, um sich bestimmter Themen in den Stadtteilen anzunehmen. Den ersten Fall hat die Vertretung vom Bezirk 1, also Altstadt, Pempelfort und Golzheim, angebracht. Am Reeser Platz gibt es ein Kriegerdenkmal aus den 1930er Jahren. Mit dem soll sich die Kunstkommission jetzt beschäftigen. Weil dieses Denkmal mehr oder weniger unkommentiert mit dieser seiner faschistischen Ästhetik im öffentlichen Raum steht.

Ist schon etwas Konkretes geplant?

Das wird eine sehr interessante Aufgabe. Man muss darüber nachdenken: Haben wir es überhaupt mit Kunst zu tun und reagieren wir mit Kunst auf diesen Platz? Oder entlarvt man die nationalsozialistische Erinnerungskultur vor Ort? Das Ding ist eine Fake-Gruft, aus deren Tor in der Mitte Soldaten heraus marschieren: The Walking Dead für Nazis und Militaristen. Die sollen dann angeblich in den Zweifrontenkrieg nach Osten und nach Westen marschieren. Das stimmt aber auch von der Himmelsrichtung nicht. Es gab ein Vorgänger-Denkmal, dass die Nazis 1933, noch bevor sie in Düsseldorf angefangen haben Bücher zu verbrennen, zerstört haben. Die Stadt wollte dann nach dem Krieg wiederrum das jetzige Denkmal abreißen, was meines Wissens an den Engländern gescheitert ist. So blieb es. Die Bundeswehr hat in den Siebziger und Achtziger Jahren Gedenkfeiern davor abgehalten und null reflektiert, was da eigentlich ausdrückt wird. Heute treffen sich immer noch Nazis an dem Denkmal. Der Ort hat eine komplexe Geschichte.

 

 

Die Kunstkommission bei einer Sitzung | Foto:Kunstkommission Düsseldorf

Wie sehen die konkreten Aufgaben der Kunstkommission aus?

Konkret entscheidet die Kommission über Standorte im öffentlichen Raum, an denen Kunst entstehen kann. Und über den Weg dahin: die Wettbewerbsverfahren. Es kann offene Wettbewerbe geben, oder solche, bei denen man bestimmte Künstler einlädt, denen man zutraut, eine gute Idee für eine spezielle Fragestellung zu entwickeln. Über diese Fragen entscheidet die Kommission und sie sucht am Ende auch die Arbeiten aus, die realisiert werden. Zu allen „Kunst-Geschenken“ an die Stadt für den öffentlichen Raum wird Kunstkommission eine Empfehlung über die Annahme abgeben. Alles, was die Stadt in größerem Umfang baut, wird von der Verwaltung dokumentiert und der Kunstkommission vorgestellt. Die Kommission entscheidet, ob und wie Kunst am Bau stattfinden soll. Das hätten wir gerne schon bei der Neugestaltung der Schadowstraße getan. Wilhelm von Schadow war der wichtigste Akademiedirektor im 19. Jahrhundert. Er hat maßgeblich mit seiner Akademiereform dazu beigetragen, dass Düsseldorf überhaupt so eine bedeutende Kunststadt geworden ist. Jetzt wird die Straße umgestaltet, nachdem die Straßenbahn unter der Erde fährt und Kunst spielt fast keine Rolle. So etwas darf nicht mehr passieren.

Wie kann sich das Stadtbild zum Positiven verändern? Was würden Sie sich wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass es modernere Positionen gibt, die im Stadtbild auftauchen. Wir haben so etwas wie den Uecker-Nagel am Kö-Bogen. Oder viele klassische Bronze-Skulpturen, die etwas von der Stadtgeschichte erzählen. Aber ich wünsche mir zeitgenössische Arbeiten, die nicht im Klassischen und Repräsentativen steckenbleiben. Das könnten so Arbeiten wie die Leuchtbänke von Stefan Sous im Hofgarten sein. Oder ganz andere Formate. Das ist in den letzten Jahrzehnten, mit Ausnahme der Wehrhahnlinie, in Düsseldorf zu kurz gekommen.

Kann man die Kunstkommission als Zurückeroberung der Experten über die Kunst im Stadtraum betrachten?

Genau so ein Gefühl haben wir. Wir Künstler übernehmen Verantwortung für unsere Stadt und haben einen Gestaltungsrahmen geschaffen, den es vorher nicht gab. In Zukunft gibt es transparente Verfahren, an denen sich Experten, aber auch die Bürger beteiligen können. Ich würde mir wünschen, das andere Bürger das auch mit ihren Kompetenzen für ihre Lebensbereiche machen. Man kann mitgestalten, wenn man hartnäckig ist. Und desto öfter das versucht wird, desto eher gewöhnt sich auch die Verwaltung daran.

kukodus.de