Jochem Ahmann: Eindrücke aus Paris

Trauermarsch am 11. Januar

Künstler aus dem Ruhrgebiet hat aktuell ein Gastatelier in der französischen Hauptstadt

Als am 7. Januar zwei Terroristen in der Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo ein Blutbad anrichteten, war Jochem Ahmann, Künstler und Dozent aus Bochum, nur gut einen Kilometer entfernt.

Michael Blatt sprach mit dem Vorstandsmitglied des Westdeutschen Künstlerbundes über dessen Gefühle im Anschluss an die Terrorwelle, die insgesamt 17 Todesopfer forderte, den Umgang der französischen Künstlerszene mit der Tragödie und die aktuellen Atmosphäre in Paris.

Wie hast du vom Anschlag auf die Charlie Hebdo-Redaktion erfahren?

Ich habe am Computer gesessen und geschrieben und wunderte mich über einen immer wieder aufkommenden Sirenenalarm. Erst dachte ich, es sei eine Übung wie früher in Deutschland, doch dann hörte ich, wie immer mehr Kranken-oder Polizeiwagen unter Tatütata von allen Seiten zu hören waren.

Ich bin dann auf eine Nachrichtenseite gewechselt und musste feststellen, dass es Ernst ist. Auf dem mitdargestellten Stadtplan konnte ich unschwer ausrechnen, dass die Redaktionsräume ca. 1.000 Meter Luftlinie entfernt liegen. Da nahm alles noch eine ganz andere Dimension an.

Was waren deine ersten Gedanken, als das Ausmaß des Anschlags bekannt wurde?

Ganz einfach: Da ist man mal in Paris und dann „wrong time at wrong place“. Karikaturisten sind Künstler und ich lebe gerade in einem Gebäudekomplex zusammen mit über 300 Künstlern aus aller Welt. Als Fanal für kranke Hirne also durchaus denkbar, dass auch hier ein Anschlag verübt werden könnte.

Paris ist auch im Winter überlaufen von Touristen. Überall „lohnt“ sich ein Anschlag. Deshalb wollte ich am Tag des Terrors erst gar nicht mehr rausgehen. Nach stundenlangem Starren auf die Nachrichten musste ich aber an die Luft. Es herrschte eine seltsame Atmosphäre – shoppende Menschen, ständig hin-und her rasende Polizeiautos. In einer Situation mussten wir schnell vom Fußgängerübergang auf den Bürgersteig springen, als fast 20 Zivilfahrzeuge mit vermummten Insassen und aufgesetztem Blaulicht herangerast kamen. Wie in einem schlechten Film.

Welchen Hintergrund hat dein aktueller Aufenthalt in Paris?

Ich habe ein Gastatelier in der Cité Internationale des Arts für Januar und Februar zugesprochen bekommen. Hochspannend, aber wer hätte mit noch mehr Brisanz gerechnet. Gutes Futter für Kunst.

„Gutes Futter“ kann man auch falsch verstehen…

Natürlich ist „gut“ nicht falsch zu verstehen, sondern soll verdeutlichen, wie viel „Nahrung“ politisch denkende und arbeitende Künstler durch solch schlimme Ereignisse einfach verarbeiten müssen, um nicht verrückt zu werden und um vielleicht doch mitzuhelfen, die Dummheit zu bekämpfen

Ich hatte am Tag nach dem Terror mit anderen Künstlern Französisch-Unterricht. Punkt 12 Uhr mittags haben wir, wie alle nicht hirntoten Menschen in Paris, eine Schweigeminute eingelegt. Madam Bethseba, unsere temperamentvolle Lehrerin, erzählte uns dann unter Tränen, dass der Chefredakteur und ein weiterer Zeichner gute Freunde von ihr gewesen sind. Um diese ganze Tragik zu verstehen, reichten auch meine noch ausbaufähigen Französisch-Kenntnisse völlig aus. Da ist man dann ganz, ganz nah dran am Geschehen.

Wie verarbeitet dein Umfeld vor Ort aktuell das Geschehen auf künstlerische Art?

Direkt in den Tagen nach dem Anschlag, als immer noch nicht klar war, wo die Schweine sich aufhalten, wurde schon in der Siebdruckwerkstatt der Cité an Aufklebern in Postkartengröße gearbeitet. Diese Kollektion fand am Sonntag bei dem unglaublichen Schweigemarsch, an dem wir mit anderen Künstlern der Cité und auch mit weiteren Künstlergruppen aus Paris gemeinsam teilnahmen, reißende und begeisterte Abnahme bei den Mitmarschierenden.

In den deutschen Medien war am Wochenende die Kritik zu vernehmen, dass sich die Solidarität vor allem auf die ermordeten Karikaturisten bezieht und nur nachgeordnet das Schicksal der weiteren Todesopfer, wie das des muslimischen Polizisten und den jüdischen Supermarktkunden thematisiert wird.

Nein, die Kritik teile ich nicht. Hier wird allen Opfern gleichberechtigt gedacht und aktuell wird Lassane Bathily, der mehrere Menschen im Kühlhaus des jüdischen Supermarkts gerettet hat und selbst Muslim ist, immer mehr als Held herausgestellt und gefeiert. Das ist wohltuend.

Es heißt, Frankreich ist in der Stunde der Tragödie enger zusammengerückt, anstatt wie vermutlich von den Mördern geplant, gesellschaftlich weiter auseinanderzubrechen. Lediglich eine Momentaufnahme oder womöglich von längerer Dauer?

Das wird sich zeigen. In der Not und der Angst rücken alle schnell sehr eng zusammen. Das fiel während des Schweigemarschs sehr deutlich auf, in dessen Verlauf wirklich alle Gruppierungen und Richtungen wie jüdische oder arabische oder schwarzafrikanische Menschen, Schwulengruppen und Gäste aus aller Welt fröhlich und rücksichtsvoll zusammen gesungen oder in Wellen geklatscht haben. Es herrschte ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Wir werden sehen, wie lange es dem Alltag standhält. Direkt neben der Cité Internationale des Arts befindet sich die „Gedenkstätte der Shoa“, die jetzt verstärkt bewacht wird. Menschen, auch ich, sind zu den schwerbewaffneten Polizisten hingegangen und haben Danke gesagt, dass die Leute gut auf uns aufpassen.

Wie geht es für dich persönlich in den nächsten Wochen in Paris weiter?

Ich versuche tatsächlich erst einmal wieder Normalität hinzubekommen. Zunächst scheute ich vor Museums- und Ausstellungsbesuchen noch zurück. Doch Samstag war ich im Centre Pompidou und habe miterlebt, wie gründlich die Sicherheitsmaßnahmen sind. Das lässt hoffen, dass ich Ende Februar mit heiler Haut und einem Berg von künstlerischer Verarbeitung aller Erlebnisse nach Hause zurückkomme.

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