Das Rochus-Rezept: The Legend of the Hamburger Happen

| Familie Styrnol

Schaut man sich im Dschungel der heutigen Fast-Food-Angebote um, so überschwemmen neben amerikanischen Burgern jede Menge Pizza-, Pasta- und Döner-Flyer die Briefkästen. Auf der anderen Seite steht die Currywurst, die es bis zur Vertonung durch Herbert Grönemeyer und zu einem wahren Streit um „die Entdeckung der ersten Currywurst“ gebracht hat. Und dann war da noch die Legende vom Hamburger Happen.

Und diese ganz besondere Geschichte, die sozusagen direkt vor der Haustür in Duisburg-Neudorf ihren Anfang nahm, rankt sich um den Duisburger Rochus Styrnol, seines Zeichens Erfinder und Namensgeber der Hamburger Happen mit Rochus-Sauce.

Rochus wurde 1917 in Oppeln (im heutigen Polen) geboren. Nach einer Lehre zum Metzger und Koch musste er zum Militär; kurz darauf begann der Zweite Weltkrieg, den er vom ersten bis zum letzten Tag (einschließlich Verlängerung – also russischer Gefangenschaft) miterlebte. Zur Versorgung der Kompanie wurde eines seiner Talente schon hier besonders gefordert und gefördert: „Aus Nix watt Leckeres machen!“ Eine Begabung, die dann auch im Nachkriegsdeutschland nicht zu unterschätzen war. So entschloss sich die Familie Styrnol 1964 einen kleinen Imbiss auf dem Sternbuschweg 154 in Duisburg-Neudorf zu pachten.

Bereits ein Jahr später erfand Rochus hier den Hamburger mit jener ganz speziellen Sauce – wobei die Kreation aus einer Mischung aus frittiertem Schweine- und Rindfleisch – das in seiner Konsistenz mit Leberkäse vergleichbar ist – und der Rochus-Sauce erst nur Hamburger hieß, 1966 aber in Hamburger Happen umgetauft wurde, um Verwechselungen mit dem klassischen Frikadellen-Brötchen zu vermeiden. Gedacht waren die Happen als Spezialität, die der Konkurrenz (die zweite Pommesbude in Duisburg-Marxloh: „Peter Pomm“) etwas entgegensetzen sollte. Und tatsächlich bildeten sich schon bald lange Schlangen hungriger Duisburger vor der Tür und der Imbiss entwickelte sich zum Zentrum Neudorfs. Ob es Sportler waren, die nach dem Training noch Kohldampf hatten, oder Polizisten, die bei Schichtwechsel für sich und die Kollegen was zum Verkasematuckeln holten. Jeder traf jeden, jeder kannte jeden.

Mit ausschließlich frischen Gewürzen und Zutaten wurden jeden Tag zwischen fünfzig und siebzig Liter der Sauce hergestellt. „Viele kamen von weit her und nahmen dann in eigenen Behältern direkt mehrere Liter Sauce inklusive Hamburger mit“, berichtet Rainer Styrnol, einer der beiden Söhne der Familie. Und Bruder Dietmar ergänzt: „Die Zeit auf dem Sternbuschweg war wunderbar. Unsere Mutter, die im Laden stand, hatte die Gabe, sich alle Namen, Gesichter und Geschichten merken zu können. Ich glaube, dass das die Voraussetzung dafür war, dass sich bei uns so eine Art Treffpunkt entwickelt hat. Bei uns landeten alle Neuigkeiten, ob Heirat, Todesfall oder durchzechte Nächte des Nachbarn“.

Gertrud Styrnol, oder besser bekannt unter dem Namen „Frau Rochus“, brotschelte alles frisch zu, und hatte für alles und jeden ein offenes Ohr. Zudem wurden die Portionen der Hamburger Happen stets großzügig bemessen. Ein Teilnehmer eines Internetforums dazu: „Ich selber habe schon 1966 beim Rochus, noch auf dem Sternbuschweg, gegessen. Der kleine Mann war ein lieber Kerl, der bei Kritik an seinen Speisen immer was draufgelegt hat. Da haben wir natürlich des Öfteren gemeckert.“

1978 stand der Umzug des Imbisses an: vom Sternbuschweg zur Graben-Ecke Liliencronstraße; 1979 verstarb Rochus Styrnol. Hinterlassen hat er nicht nur seinen Namen für die Neudorfer Spezialität, sondern auch die Rezeptur jener Happen mit der unvergleichlichen Sauce – ein gut gehütetes Geheimnis. 1988 wurde das Rätsel der Rezeptur von der Metzgerei Tannhof in die Hände von Metzger Friedel Hösl gelegt. „Anfangs hat Frau Styrnol 600 Portionen Hamburger Happen am Tag verkauft“, berichtet der Metzger heute. „Dazu kamen noch die Bestellungen derjenigen, die gleich größere Mengen mitgenommen haben.“

„Frau Rochus“ hat den beliebten Imbiss bis ins Jahr 1996 weitergeführt und nicht nur die Duisburger Mäuler gestopft, sondern wöchentlich etwa hundert Liter Sauce in andere Regionen Deutschlands verkauft. Selbst in Hamburg oder Berlin wollte man nicht auf die unverwechselbare Kreation verzichten. Im Alter von siebzig Jahren begab sich „Frau Rochus“ dann wohlverdient in den Ruhestand. Mit ihr gingen allerdings nicht gleichzeitig auch die Hamburger Happen in Pension. Zunächst folgten zwei griechische Landsleute, die das Rezept der Sauce von „Frau Rochus“ bekamen und den Imbiss mit Hamburger Happen im Angebot weiterführten. Zwischen den Pächtern wurden Preise bis zu 10 000 DM für das Rezept der Sauce verlangt. „An den dritten Pächter, ich glaube der war auch Grieche, erinnere ich mich gut. Sein Name war Edi“, berichtet Friedel Hösl, der noch heute in seiner Metzgerei auf dem Sternbuschweg die Fleischstücke nach Rochus-Orginalrezept herstellt. „Edi hat damals Frau Styrnol auf das Rezept angesprochen. Er wollte wohl so Geld sparen.“ Bis ins Jahr 2007 wurde der Imbiss von Edi weitergeführt. Seitdem steht das Ladenlokal Graben-Ecke Liliencronstraße leer. Lediglich 150 m entfernt, Graben-Ecke Oststraße, geht die Neudorfer Geschichte allerdings im Antalya-Grill weiter. Neben bekannten türkischen Gerichten bietet Dogan Uzuner heute mit seinem Team den Klassiker „Hamburger Happen nach Rochus Art“ wieder an. Dogan dazu: „Unsere Gäste haben mich seinerzeit angesprochen und gefragt, warum ich sie nicht in mein Angebot nehme. So kam ich zum Metzger Hösl und der großen Herausforderung, die Sauce möglichst orginal anzubieten. Und Gäste, die regelmäßig aus Moers, Rheinberg und sogar Düsseldorf kommen, bestätigen, dass die Happen wie früher schmecken.“

Einen Stadtteil weiter, in Bissingheim, wird das Kultgericht in der „Happen-Stube“, Hermann-Grothe-Str./Ecke Märchenweg anscheinend ebenfalls nach Orginalrezept angeboten. „Na ja, Orginalrezept“, sagt Metzger Hösl mit hochgezogenen Augenbrauen, „das hat Frau Styrnol letztes Jahr mit ins Grab genommen. Die Bissingheimer haben Edis Rezept – das ist richtig. Nur hat Frau Styrnol dem Edi ausschließlich die Zutaten, nicht aber die Mengenangabe und die Art, wie die Sauce zubereitet wird, gegeben. Außerdem sind einige Zutaten des Orginals heute nicht mehr zu bekommen.“ Und das sagt jemand, der es wissen muss. Schließlich lieferte er seit 1988 täglich den Fleischanteil in den Imbiss und hat oft bei der Zubereitung der Sauce zugeschaut. „Mit den Augen darf man klauen“, meint der Metzger zwinkernd dazu. „Aber auch ich bin nicht in der Lage die Sauce im Orginal nachzukochen. Im Laufe der Jahre haben mir große Supermarktketten viel Geld für das Rezept der Hamburger Happen geboten. Nur leider habe ich lediglich die Rezeptur der Fleischmischung. Das einzige was ich tun kann, ist bei der geschmacklichen Abstimmung der Sauce in Neudorf zu helfen. Und das mache ich gerne!“

Letztendlich ist’s wie immer im Leben, ob Neudorf oder Bissingheim: Über Geschmack lässt sich nicht streiten. Das Wichtigste ist, dass beim Biss in den Happen auch heute noch strahlende Gesichter zu beobachten sind. Und wenn der Großvater seinem Enkel von seiner ersten Portion Hamburger Happen am Sternbuschweg erzählt, denkt man so bei sich: Ach, guck mal, wir sind schon bei der dritten Generation. Und wieder trifft man sich am Tisch im Imbiss, tratscht und amüsiert sich, bei alten Geschichten über den Rochus.

Stefan Pelzer