Ansgar Puff und der Künstlername Gottes

| Foto: Katja Früh

Vor zwei Jahren bereits berichtete coolibri über eine Ausnahmeerscheinung in der katholischen Kirche: Ansgar Puff.

Nun ist der Mann mit dem unchristlichen Nachnamen aus Düsseldorf-Oberbilk nach Köln berufen worden - als Weihbischof. Herzlichen Glückwunsch auch von unserer Seite!

Wer die katholische Kirche in erster Linie mit Strenge, Verboten und einer gewissen Weltentrücktheit verbindet, kennt Ansgar Puff nicht. Der katholische Pfarrer, stellvertretender Stadtdechant und für insgesamt sechs Kirchengemeinden in Düsseldorf verantwortlich, arbeitete zunächst als Sozialarbeiter, lebte jahrelang in einer Kölner Obdachlosensiedlung und hielt regelmäßig offene Sprechstunden auf den Stufen vor seinem Gotteshaus ab. „Früher fand ich Kirche grässlich“, sagt er selber. Heute sieht das gänzlich anders aus. Nach langer, schwieriger Suche hat Puff Gott für sich gefunden. Alexandra Wehrmann hat den 55-Jährigen in Düsseldorf-Oberbilk getroffen.

Erfindung für Kinder und alte Leute

Auf der Einkaufsmeile Kölner Straße herrscht auch in den Mittagsstunden Hochbetrieb. Türkische Großfamilien bevölkern die breiten Bürgersteige. Tüten von kik, Kodi und Penny Markt zeugen von günstigen Einkäufen. „KIOG“ steht an der Scheibe des Haus Nummer 267, kurz für „Katholisch in Oberbilk und Gurkenland“. Im Hinterzimmer hat Ansgar Puff sein Büro.

Der Hausherr naht auf Strümpfen. Schwarz sind sie wie auch die restliche Garderobe. Puff ist eine imposante Erscheinung: Zwei Meter groß, grauer Bart, Brille. Von seinem Gesicht geht eine Mischung aus Ruhe, Offenheit und Freundlichkeit aus, die beneidenswert ist. Nicht immer war Puff so mit sich und seinem Glauben im Reinen.

In einem gutbürgerlichen Elternhaus katholisch erzogen, kamen ihm als junger Mann verstärkt Zweifel. „Damals dachte ich, Gott sei eine Erfindung für Kinder und Alte“, erinnert er sich. Puff schrieb einen Abschiedsbrief an Gott. Tenor: Ab heute sind wir geschiedene Leute.

Vom Suchen und Finden

Zurückgefunden zum „Chef“, wie er ihn nennt, hat er dann doch – in einem langen Prozess und über viele Umwege. Nach dem Abitur leistete er Zivildienst und lebte anschließend gemeinsam mit Franziskanermönchen in einer Siedlung für Obdachlose in Köln-Vingst. „Da habe ich wahnsinnig viel gelernt“, erinnert sich Puff an das für ihn damals völlig unbekannte Milieu, in dem Alkoholmissbrauch und Aggressionen an der Tagesordnung waren.

„Dennoch herrschte ein unglaublicher Zusammenhalt untereinander, da gab es noch echte Freundschaft.“ Vier Jahre blieb Puff, studierte parallel Sozialarbeit und schien seinen Weg gefunden zu haben. Dann starb sein Vater: „Das hat mich völlig ausgehebelt.“ Die Frage stand plötzlich übergroß im Raum: Welchen Sinn hat das Leben, wenn man am Ende sowieso stirbt? Die Sehnsucht nach Gott war wieder da. Puff begann ein Theologie-Studium.

Bunter Hund und echte Vierbeiner

Heute ist er überzeugt, dass er auf seinem kurvenreichen Weg von Gott gelenkt wurde. Natürlich sei jeder Mensch frei, dennoch gebe es keinen Zufall. „Zufall“, sagt Puff, „ist der Künstlername Gottes.“ Nach Stationen in Köln, Bonn und Frankfurt lebt und wirkt er nunmehr seit 15 Jahren in Düsseldorf.

In Oberbilk, wo er im Pfarrhaus von St. Joseph gemeinsam mit einem älteren Priester lebt, ist er folgerichtig bekannt wie ein bunter Hund. Als er an der backsteinernen Kirche für Fotos posiert, suchen unterschiedliche „Schäfchen“ seine Nähe. Ein Paar erzählt von den Leiden seines struppigen schwarzen Vierbeiners Muckel, der an der Pfote operiert wurde und einen dicken Verband trägt. Eine junge Dame mit Piercings begrüßt den Pastor ganz buddymäßig. Und eine Obdachlose mit Plastiktüte beobachtet die Szenerie aus gebührender Distanz.

Aber es gibt auch schwarze Schafe. In den vergangenen Monaten häuften sich die Probleme mit türkischen Jugendlichen, die an der Kirche dem Alkohol zusprechen und dann nicht selten Ärger provozieren. Nachdem die ein oder andere Scheibe zu Bruch ging, herrscht nun rund um St. Joseph Alkoholverbot. Als Puff zuletzt wieder Jugendliche mit Hochprozentigem erwischte, stellte er den Rädelsführer vor die Wahl: „Entweder du rufst die Polizei oder ich.“ Der junge Mann wählte 1-1-0, um dann die Lage wie folgt zu schildern: „Ich habe hier den Papst neben mir stehen …“

Mein Kesselchen

Die Klischees vom obersten Hirten bedient Puff nicht. Er versucht, seinen Glauben im Alltag zu leben und zu verbreiten – ohne ihn jemandem aufzudrücken. Soziale Projekte spielen dabei eine große Rolle. „Brot für den Tag“ ist eines davon, in dessen Rahmen zwei Mal pro Woche Lebensmittel an Bedürftige ausgegeben werden.

„Superbilk“ heißt eine andere von Puff initiierte gute Sache. Die Ferienzeltstadt im Südpark bietet auch 2011 wieder Aktionen, Spiele und Ausflüge für Kinder, die nicht in den Urlaub fahren. Weiß er eigentlich, dass es in Düsseldorf mal eine Band gab, die denselben Namen, also Superbilk, trug? Natürlich. „Wir haben die sogar damals gefragt, ob wir den Namen auch nutzen können. Die hatten nichts dagegen.“

Die Beichte davor

Bleibt das Problem mit der Störung der Nachtruhe. Nicht selten schlägt nämlich, wenn die meisten schlafen, Puffs Handy Alarm. „Haben Sie auch rothaarige Frauen?“, fragen dann beispielsweise die meist jugendlichen, stets männlichen Anrufer. „Nein“, entgegnet der Mann, dessen Nachname der Grund für die fehlgeleiteten Anrufe ist. „Aber bei mir können Sie jetzt schon das beichten, was Sie offenbar vorhaben.“ Dann ist Schluss mit Lüsternheit und warmen Gedanken. Und Pfarrer Ansgar Puff kann weiterschlafen.

kiog.de