Phoenix See: Flachwasser-See ohne Stöpsel

| Foto 1: PHOENIXSee Entwicklungsgesellschaft, Fotos 2-4: Sven Neidig

Der Bauzaun ist weg – Dortmunds Prestigeprojekt Phoenixsee für das Publikum freigegeben. Marc Burger hat sich vor Ort umgesehen, Gespräche geführt, Fakten & Hintergründe sowie Stimmen & Stimmungen von A bis Z zusammengetragen. 

Aller Anfang ist schwer. Für „ziemlich bekloppt“ hält man den Stadtplaner Norbert Kelzenberg, als er 1999 den Entwurf eines Stadtsees genau an dem Platz vorlegt, wo Thyssen Krupp damals noch Stahl kochen lässt. „Das Ende der Montanindustrie an diesem Ort war absehbar, dennoch dachte keiner an eine solche Möglichkeit“, sagt der Architekt im Interview zwölf Jahre später. „Rückgewinnung von Wohnqualität, besonders von Städten, die am Wasser liegen“, nennt das der Experte und verweist auf Vorbilder in London oder Hamburg. „Am Wasser?“ Sehr witzig. Doch als Studien ergeben, dass die Region über hoch stehendes Grundwasser verfügt und auch Ingenieure die Idee gar nicht so bekloppt finden, da ist der Traum nicht mehr stoppen: „Köln hat den Dom, Dortmund den Phoenixsee!“ Es gibt aber auch eine schlechte Nachricht:

Baden verboten! „Das Wasser ist absolut sauber, als Freibad für 600 000 Einwohner trotzdem ungeeignet.“ Tanja Vock, Pressereferentin der PHOENIX See Entwicklungsgesellschaft, erläutert: „Bei täglich Tausenden mit Sonnenöl eingecremten Menschen kippt ein See schnell um.“ Selbst ohne Badespaß aber ist der Phoenix-See ein Experiment: Ein „ganzheitliches Großprojekt“, das anstelle unrentabel gewordener Arbeitsplätze Raum für Wohnen und Freizeit schaffen soll! Doch ohne Geld läuft nichts, auch kein Wasser: Erst nachdem der damalige Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer das Konzept zur Chefsache erklärt, gilt es nicht nur technisch, sondern auch politisch als „machbar“. Die Stadt Dortmund erwirbt das 2001 stillgelegte Gelände, akquiriert Millionen an Fördermitteln beim Land sowie der EU und setzt auf „Gegenfinanzierung“ durch Käufer, die mal ein Haus am See besitzen wollen. Nach erfolgreicher Demontage und Verschiffung des Stahlwerks Phoenix-Ost und Hochofens Phoenix-West ins kapitalistisch aufstrebende China kann der Erdaushub beginnen! „Altlasten waren vergleichsweise harmlos“, spielt der Stadtplaner auf frühere Umweltskandale in Neubausiedlungen an (Dorstfeld!), „da haben wir viel Glück gehabt, aber auch einiges gelernt“. Diesmal „wurde der Boden gründlichst untersucht, kontaminierte Erde kam auf die Sondermüll-Deponie“ (Vock), die übrigen Kubikmeter reichen zur Landschaftsmodellierung inklusive Aussichtsberg. 

Unvermutete Beton-Fundamente sowie die Statik des alten Bergbaugebiets, auch manches Gezerre um das liebe Geld, verzögern die Fertigstellung, doch am 1. Oktober 2010 ist es soweit: Über 55 000 Besucher kommen zum Großen Flutungs-Wochenende mit Amy Mcdonald und Atze Schröder. Wasser marsch für 600 000 m³ Füllung in ein Loch, das mit 27 Hektar (1,3 km lang, 310 m breit, 3 m tief) ein echter „See“ ist; wissenschaftlich exakt handelt es sich um einem „künstlichen Flachwasser-See“. Für Freunde des Vergleichs: Das Gesamtareal umfasst 96 ha (etwa 150 Fußballfelder); der Phoenixsee ist größer als Hamburgs Binnenalster, aber kleiner als der Kemnader Ruhrstausee; dafür soll das Wasser eher meeresblau als algengrün schimmern. Entsprechend gewachsen ist auch der Bedarf an Gaumenfreuden und Kultur: Bewährte Einrichtungen wie das Cabaret Queue oder die Delicatesseria von Rolf und Anna Kozuch (Pioniere der Auster in Hörde!) hoffen auf eine Menge neuer Kundschaft, das baustellengeplagte Treppchen kriegt eine Seeterrasse, daneben werden sich zahlreiche Investoren im Hafenquartier niederlassen. Gastronomie- und Bürogebäude mit klingenden Namen wie „Dock 1“ oder „S.E.A.House“ stehen kurz vor Baubeginn, im Frühjahr 2012 eröffnet nach einer Idee des HNO-Arztes Dr. Peter Gorba das Facharztzentrum FAPS, weitere innovative Unternehmer sind beim Umbau Hördes zum post-hoeschianischen Dienstleistungszentrum willkommen. Damit soll zugleich ein Teil der Investitionen von 200 Millionen Euro zurückverdient werden, die DSW 21, Stadt und Emschergenossenschaft vorgeschossen haben. Ob die Rechnung aufgeht, entscheidet wie immer der Markt. Öffentliche Kritik gilt vor allem dieser Frage: Wird „eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas“ (WAZ) den Wirtschafts-Standort Dortmund in der harten Konkurrenz der europäischen Regionen nach oben bringen? Oder wird das „Leuchtturm-Projekt“ letztlich doch zu wenig Glanz auf die „Metropole Ruhr“ werfen? Egal: Die Besucher haben sich längst entschieden und den See zu ihrer angesagten Location erkoren. 

Seit 9. Mai ist die 3,2 km lange, zweispurige Runde werktags wie wochenends bevölkert: Jogger und Spaziergänger auf Sand & Kies, Radfahrer und Skater auf Asphalt; beide Wege sind nachts beleuchtet. „Im Ranking der Dortmunder Attraktionen steht der See ganz oben“, bilanziert Frau Vock, wünscht sich im Namen aller Gäste jedoch mehr Rücksicht aufeinander: „Die Meldung über Vandalismus war zwar eine Ente“, der hinterlassene Müll der fleißig feiernden Jugend aber real. Damit Freiluft-Partys weiter unfallfrei stattfinden, bleibt das Grillen verboten, die Cleansmänner von der EDG fahren mehr Schichten, für größere Abfallkörbe ist gesorgt: „Da passen auch Verpackungen von XXL-Pizzas rein.“ Und wie steht es um die berühmte Nachhaltigkeit? Bleibt der See voll und die Wasserqualität gut? Um böse Überraschungen zu vermeiden, ist der Phoenixsee selbstverständlich „keine Badewanne, bei der einer den Stöpsel rausziehen kann“ (Kelzenberg); die Zufuhr speist sich aus Grundwasser und Niederschlägen. Der Boden ist mit nützlichen „Armleuchter-Algen“ bepflanzt; nicht nur für Angler, auch fürs ökologische Gleichgewicht werden Bachforellen ausgesetzt und Weißfische erwartet; und für den Notfall ist am Ufer eine Phosphat-Eliminations-Anlage (PEA) mit Grünfilter in Betrieb. Zudem ist der See eingebunden in das Großprojekt Renaturierung der Emscher, die als „Köttelbecke“ durch ein Rohr unter der Hermannshütte floss, hier aber fertig in einen „naturnäheren Zustand“ versetzt ist; der grünste Fleck am Ufer sind die satten Emscher-Auen. 

Unterm Strich: Ein weiteres Kapitel Strukturwandel, den kritische Stimmen als Auftakt zur „Gentrifizierung“ bezeichnen, der Vertreibung einer „sozial schwachen“ Mehrheit durch besserverdienende Neuankömmlinge. Doch gehen leere Klingelschilder in Hörde-City eher aufs Konto von Massenentlassung und Werksschließung als eines höheres Mietniveaus; und manch Alt-Hoeschianer hat das seltene „Glück, dass sein Häuschen plötzlich was wert ist“ (Kelzenberg). „Insgesamt gewinnt das ehemalige Arbeiterviertel an Wohnqualität und Kaufkraft“, sagt auch Frau Vock. Heute erinnern nur noch die auf der Kultur-Insel dekorierte Thomas-Birne und ein freigelegtes Stück des Hoeschkanals an das Leben im Schatten der Hochöfen. Die Vermarktung der privaten Grundstücke ist für die erste Welle fast abgeschlossen, weitere Interessenten stehen Schlange. Kein Zweifel, die nächsten vier Jahre wird hier nicht nur gejoggt und gechillt, sondern auch gebohrt und gehämmert: Wohnqualität der Anlieger und Erholungswert für Gäste sind also durchaus steigerbar. Sind die Baukräne verschwunden, die Bäume gewachsen, die Boote in Betrieb und die Biergärten voll: Dann hat die Zukunft des Phoenixsees heute begonnen! Der Pate des Gesamtkunstwerks ist bisher jedenfalls „weitgehend zufrieden: Aus einer logistisch komplizierten Herausforderung, die europaweit ihresgleichen sucht, ist ein schöner Ort geworden, wo viele Leute sich wohl fühlen“ (Kelzenberg). Was abschließend die Frage der Schönheit betrifft, passt ein Zitat von Herbert Knebel: „Geschmack is’ Bandbreite!“

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