„Ich krieche gerne in den hintersten Winkel“

| J. Schramm

Eines Tages war einer der zahlreichen bepflanzten Betonkübel in der Düsseldorfer Innenstadt über Nacht verschwunden. An seiner Stelle stand ein Schild. Aufschrift: „Bin im Urlaub“. Der Kübel war zwecks Naherholung in den Garten von Markus Ambach transportiert worden – 1 000 Quadratmeter Wildwuchs hinter dem Atelierhaus Further Straße, in unmittelbarer Nähe des Neusser Hauptbahnhofs. Die stellte der 47-Jährige zwischen 2002 und 2004 zahlreichen Künstlern zur Verfügung, die darin schalten und walten konnten, wie sie wollten. Alles war erlaubt, Vorgaben gab es keine. Bis heute erinnern sich Besucher und Beteiligte an „wildlife“, in dessen Rahmen auch die Musikerin Barbara Morgenstern einen Besuch bei Gärtner Ambach absolvierte. Dessen Projekte sind mittlerweile wesentlich größer geworden. Für die RUHR.2010 ersann der gebürtige Darmstädter, der seit vielen Jahren im landeshauptstädtischen Flingern lebt, einen Aufsehen erregenden Programmpunkt: „B1/A40 – Die Schönheit der großen Straße“. Die Schau mit Kunst im öffentlichen Raum, die knapp zwei Monate dauerte, wurde zum Liebling der Besucher – und Kritiker. Von letzteren wurde sie zur „Besonderen Ausstellung 2010“ gewählt. Davon hat man in Düsseldorf nicht viel mitbekommen. Und so scheint es fast, als sei Markus Ambachs Schicksal das des Propheten im eigenen Lande. Auch sein Projektraum MAP, kurz für Markus Ambach Projekte, in Bilk firmiert eher unter „Geheimtipp“. Seit 2009 schon finden auf dem Hochplateau neben den Düsseldorf Arcaden Ausstellungen statt. Zeit, dass das endlich mehr Leute mitbekommen, befand coolibri-Redakteurin Alexandra Wehrmann und traf Markus Ambach zum Interview.

coolibri.de: Herr Ambach, wie kommt man auf die Idee im Schatten eines Einkaufszentrums Kunst zu zeigen?

Markus Ambach: Die mfi, die das Areal rund um die Düsseldorf Arcaden realisiert hat, ist an mich herangetreten und hat gefragt, ob ich etwas auf dem Gelände machen möchte. Das soll sich hier ja zu einer Art Bürgerpark entwickeln, was bisher noch nicht wirklich funktioniert. Genau das hat mich daran interessiert. Das Gelände hier ist ja eine räumliche Leerstelle, wie wir die normalerweise mit Projekträumen sowieso in der Stadt bespielen, nur meistens sind das Orte, die aus dem Fokus geraten sind, die minderbemittelt sind, die momentan gerade keine Nutzung haben. In diesem Fall handelt es sich eben um einen Raum, der neu gebaut worden ist und noch keine Nutzung hat. Der Raum sucht - das habe ich jetzt in der Zeit, in der wir hier arbeiten gemerkt - seine Klientel, er sucht sein Publikum. Da ist unser Angebot natürlich passend. Wir bieten hier diese Räumlichkeiten und übrigens auch die gesamte Außenfläche für künstlerische Aktivitäten an - und finanzieren das auch.

Das heißt, die Förderung geht in diesem Fall über das reine Zur-Verfügung-Stellen der Räume hinaus?

Genau, auch die Projekte werden gesponsert. Das war für mich natürlich sehr wichtig. Ich bin ja dafür bekannt, dass ich eher im kritischen Stadtdiskurs zuhause bin. Mir war es wichtig, dass die Künstler für die Aufwertung dieses Stadtquartiers eine adäquate Finanzierung zur Verfügung haben. Darauf konnten wir uns dann auch mit der mfi einigen. Wir haben tatsächlich eine solide Basisfinanzierung, teilweise sogar mit Künstlerhonoraren. Das ist mir natürlich ein Anliegen, dass Künstler auch was verdienen können. Gerade bei den größeren Ausstellungen stehen wir, was die Bezahlung angeht, den Museen in nichts nach. Reich werden kann man als Künstler damit natürlich dennoch nicht.

Klingt nach einer Interimsnutzung, die die Räume aufwertet, sodass sie in der Folge an jemand anderen vermietet werden können …

Das war am Anfang in der Tat so gedacht und nicht ganz unverständlich von der Seite der Investoren her. Auch mir war es recht erstmal zu sehen, ob das Projekt hier produktiv Fuß fassen kann. Mittlerweile ist der Vertrag aber verlängert worden, da sich das Projekt schon jetzt positiv auswirkt. Wir können die Räume jetzt erst mal auf unbestimmte Zeit nutzen. Wir haben verlängert auch mit der Idee, nach draußen zu gehen, also die Außenbereiche mitzunutzen – weil mich ja auch dieser Zusammenhang Kunst und öffentlicher Raum immer interessiert.

Die Kunst, die hier gezeigt wird, ist nicht unbedingt leicht zugänglich. Wie reagieren Ihre Geldgeber darauf?

Extrem gut, die sind zu den Eröffnungen regelmäßig vor Ort. Die mochten zum Beispiel die letzte Ausstellung („2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß“, die Redaktion) sehr gerne, obwohl sie kritische Positionen zur Stadtentwicklung aufgegriffen hat. Nun ist die mfi, das muss man dazu sagen, aber auch generell sehr kunstaffin. Die vergeben den höchstdotierten Kunst am Bau-Preis in Deutschland. Grundsätzlich ist es für Projekte wie MAP gerade in Zeiten, in denen sich die Städte mehr und mehr aus ihrer Verantwortung für den öffentlichen Raum zurückziehen, wichtig, sich neue Partner zu suchen. Auch wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Partnern zusammen. Im Ruhrgebiet war das zum Beispiel die RUHR.2010 oder das Planungsamt der Stadt Bochum. Wir haben hier auch mal ein kleines Projekt zum Tausendfüßler (unter Denkmalschutz stehende Hochstraße aus den 1960er Jahren, die abgerissen werden soll, die Red.) gemacht, da haben wir mit dem Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen kooperiert, Diese Zusammenarbeit mit Partnern, das ist es, was uns von vielen anderen Räumen unterscheidet. Wir verkaufen nichts, wir sind nicht im kommerziellen Sektor tätig. In gewisser Weise erweitert das, was wir machen, also den Kunstbetrieb. Wir bieten ein neues Format, das sich in der Nische zwischen Stadtgesellschaft und Kunst ansiedelt. Wo das Museum nach außen hin für normale Leute immer noch ziemlich abgeschlossen ist, werden sie mit solchen Sachen – wie hier in direkter Nähe des Centers – natürlich viel eher konfrontiert.

Trotzdem handelt es sich bei MAP ja um geschlossene Räume. Was hat Sie, der Sie ja viel im öffentlichen Raum realisiert haben, daran gereizt?

Grundsätzlich ist das Projektformat schon eher mein Ding, mit einer stark auf den Kontext bezogenen Situation zu arbeiten, wo auch viel zurück kommt und man nicht diese White Cube-Situation hat. Was mich hier interessiert hat war die städtische Situation. Ich finde das Plateau immer noch fantastisch. Mittlerweile ist der Wohnraum hier komplett vermietet, das heißt, jetzt wird es eigentlich spannend. Jetzt gibt es eine Bewohner-Klientel, es gibt Jugendliche, die sich hier aufhalten, die ein bisschen schwierig sind, teilweise auch aggressiv. Aber durchaus ansprechbar. Eine Zeitlang wurden hier zum Beispiel gerne die aufgeklebten Beschriftungen auf der Außenfassade abgeknibbelt. Das habe ich dann ein Mal angesprochen, seitdem hält es.

Die nächste Ausstellung „Deserto Rosso“ dreht sich um einen Film von Antonioni aus den 70er Jahren, der die Entfremdung der Menschen in den Städten thematisiert. Sehr düster, sehr depressiv. Auf eine charmante Weise hat dieser Film mit der Stimmung an diesem Ort zu tun, der noch so melancholisch unbelebt ist.

Abgesehen vom Gelände selber finde ich auch die Vitrinen-Situation toll. Die Räume sind komplett einsehbar. Deshalb haben wir nachts immer das Licht an. Dennoch muss man auch in die Ausstellung reinkommen, weil die Arbeiten einfach teilweise so kleinteilig sind, dass man sie nur aus kurzer Distanz gut sieht. Aber man kann sich im Vorbeigehen immer schnell einen Eindruck verschaffen.

Die Aufteilung auf die drei Häuser ist natürlich auch schön. Das hat was zwischen Museum, Vitrine und Warenhaus-Display. Dadurch dass rundherum Glas ist, ist es natürlich auch irgendwie keine klassische Raum-Situation mit vier Wänden. Man sitzt quasi im Freien, im öffentlichen Raum. Und da sind wir wieder bei meinem Thema: Wo ist die Grenze zwischen öffentlichem und privatem Raum? Damit arbeiten auch viele unserer Künstler.

Dennoch ist der Monatsrhythmus für mich immer noch etwas ungewohnt – zumal die Projektarbeit parallel ja auch weitergeht.

Wie sollten die Räume eigentlich ursprünglich genutzt werden?

Das war, glaube ich, eher unklar. Als Verkaufsfläche jedenfalls bestimmt nicht, die sind ja alle gebündelt im Center. Insofern ist der Raum auch atmosphärisch natürlich komplett anders. Die Leute, die sich hier aufhalten, suchen eher Ruhe - oder wollen abseits des Verkehrs den Stadtteil durchqueren.

Sie haben es selber schon angedeutet: Der Ausstellungsraum liegt sehr versteckt. Wie viele Besucher verirren sich hierher?

Die Eröffnungen sind immer sehr gut besucht. Bei der „Sao Paulo Biennale“, die von zwei jüngeren Künstlern der hiesigen Akademie kuratiert worden ist, hatten wir 300, 400 Leute hier. Das Deck war proppenvoll. Ansonsten muss man die Besucher schon noch gezielt hierher holen, der Raum ist noch ziemlich unbekannt, obwohl es mit 450 Quadratmetern Ausstellungsfläche, verteilt auf drei Erdgeschoss-Räume, einer der luxuriösesten Kunsträume ist, die wir in der Stadt haben. Die Räume sind alle nach unseren Bedürfnissen eingerichtet worden, wir haben sie mitgestaltet.

Das Ausstellungsprojekt, das Sie seit 2009 in den Räumen realisieren, heißt „The Chain“. Was für ein Konzept steckt dahinter?

Mit „The Chain“ (Die Kette) möchten wir gerne zeigen, wie Künstler miteinander arbeiten, zusammen arbeiten, sich auch gegenseitig einladen. Das heißt jeder, der ausgestellt hat, sucht seinen Nachfolger selber aus. Das ist grundsätzlich immer noch das Prinzip. Wir haben das allerdings ein bisschen gelockert durch die letzte Ausstellung, weil man den Künstlern eigentlich nicht zumuten kann, bestimmte Formate abzudecken.

Wir wollten zum Beispiel auch mal zeigen, wie Künstler mit Stadt arbeiten, das war in der letzten Ausstellung „2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß“ der Fall. Oder wir haben auch mal Künstler selber kuratieren lassen – so geschehnen bei der schon erwähnten „Sao Paulo Biennale“. Das sind aber nur Einschübe. Das Einladungs- und Vorschlags-Prinzip wird bei der kommenden Ausstellung wieder eine Rolle spielen.

Wie schwierig ist es, sich als Vater der Idee bei der Auswahl der Künstler raus zu halten? Es könnte ja durchaus sein, dass Leute vorgeschlagen werden, die Sie als unpassend empfinden?

Wir diskutieren das natürlich miteinander. Es geht nicht nur darum, sich gegenseitig einzuladen. Es soll vielmehr ein Diskurs sein darüber, wie Künstler untereinander und miteinander arbeiten und dadurch auch Respekt für die Arbeit der Kollegen ausdrücken.

Grundsätzlich würde ich schon sagen, dass ich mich da wunderbar raushalten kann. Zumal ich ja kein Kurator bin, sondern selber Künstler. Das war für mich immer ein wichtiger Punkt in meiner Arbeit. Ich kuratiere nicht, das können andere viel besser. Ich mache einen Raum auf, oder sagen wir ein Klima, das unter anderen Bedingungen funktioniert als normale Ausstellungen – das hat viel mit den Kontexten zu tun. Am Beispiel von „B1/A40“ an der Autobahn im Ruhrgebiet kann man das sehr gut erklären. Ich gebe diesen hochgeprägten Raum vor, formuliere einige Fragestellungen und suche die Künstler aus. Was dann aber letzten Endes genau passiert und welchen Raum jeder einzelne wählt, ist völlig in der Hand der Künstler.

„B1/A40“ hat sich in Diskussionen und Gesprächen mit den Leuten vor Ort entwickelt. Wir konnten das über einen Zeitraum von fünf Jahren hinweg aufbauen – das war natürlich absoluter Luxus, beinhaltete aber auch viel strukturelle Arbeit mit den fünf beteiligen Kommunen. Die Künstler selber waren über anderthalb Jahre immer wieder vor Ort. Es ist ein gemeinsames inhaltliches Arbeiten. Ich sortiere vor, die Künstler arbeiten mit dem Raum.

Wie stoßen Sie auf ungewöhnliche Orte wie die Tankstelle an der A40, hinter der man durch eine Tür in der Lärmschutzwand in eine Schrebergarten-Kolonie kommt, in der dann auch noch Menschen von allen Kontinenten gärtnern?

Das ist meine Spezialität. Ich krieche unheimlich gerne in den hintersten Winkel und schaue, was da so los ist. Dabei interessiert mich die Frage ‚Wie organisiert sich der Mensch jenseits von politischen Strukturen sein Leben’. Die A40 war deshalb perfekt, weil da im Schatten der Autobahn ein riesiger Stadtraum in Vergessenheit gerät. Da will keiner wohnen. Da will keiner sein. Die Ordnungshüter ziehen sich auch zurück, weil sie um die Schwierigkeit des Raumes wissen. Und dann wird dieser Raum rückerobert von den Menschen. Kreuz Kaiserberg ist mein Lieblingsort, ein riesiges Autobahnkreuz. Wenn man da aussteigt, findet man ein Soziobiotop mit Fischfarm. Das ist ein beinahe schlossartiges Gelände, das hätte der Betreiber nirgendwo anders machen können – nur da, wo keiner hin will. So entwickelt sich eine Anti-Politik, ein Netzwerk von Menschen, das sich anders organisiert. Um das zu entdecken, muss man in diese Nischen reingucken. Das habe ich an der A40 exzessiv über mehrere Jahre gemacht.

Das daraus resultierende Projekt „B1/A40“ war übrigens ein Liebling der Bevölkerung. 28 000 Leute haben sich Ausstellung und Begleitprogramm angeschaut. Letzten Endes ist das Projekt zur „Besonderen Ausstellung 2010“ gekürt worden. Und die Leute führen das, was wir gemeinsam begonnen haben, bis heute fort. Genau diese Wirkung möchte ich erzielen. Letzten Endes richten sich solche Ausstellungen ja an die Leute vor Ort. Die Tuner (Leute, die ihre Autos „veredeln“, die Red.) vom Dückerweg in Bochum (einer von sechs Orten aus dem Projekt „B1/A40“, die Red.) sind jetzt alle unsere Kumpels. Die waren neulich sogar bei einer Diskussion über „Kunst im öffentlichen Raum“ in der Kunsthalle. Die kommen dann einfach vorbei.

Wie schafft man es, die Leute in ein Projekt so mit einzubinden?

Dafür wende ich unheimlich viel Zeit auf. Du musst die Leute ernst nehmen. Die müssen das Gefühl haben, dass du sie nicht nur fotografieren willst, sondern dass du wirklich Interesse an ihnen hast. Die Tuner rufen mich jetzt öfters an und fragen, ob ich mit ins Autokino komme. Oder zur Motorshow nach Essen.

Klingt äußerst liebenswert. Wie groß sind die Unterschiede zwischen dem Ruhrgebiet und Düsseldorf?

Sehr groß. Ich war früher nie ein wirklicher Ruhrie-Fan, auch Autobahn war gar nicht mein Thema – eher Parks und Gärten. Das Tolle im Ruhrgebiet ist, wie sich die Menschen ihre Welt selber neu erfinden in einer Region, die immer sehr starken Veränderungen unterlag. Die Leute im Ruhrgebiet glauben nicht mehr an diese großen Entwürfe, die man ihnen überstülpen möchte. Stichwort Strukturwandel. Mit Politik haben die nichts mehr zu tun, die sagen ‚lass die da oben reden, wir machen unsern Leben hier’. Auf diese Weise unterwandern sie komplett die Politik. Das beeindruckt mich extrem. Die Menschen im Ruhrgebiet sind gnadenlos positiv, die gehen mit allem um, mit dem sie konfrontiert werden. Für mich ist das bürgerlicher Anarchismus. Sich ständig über Gesetze hinwegsetzen. Da hat sich eine Kultur des Widerstands etabliert.

Die gibt es in Düsseldorf nicht, weil Düsseldorf großbürgerlich geprägt ist. Ich würde auch nicht sagen, dass das schlimm ist – es sind einfach zwei Paar Schuhe. Deshalb funktioniert es auch so schlecht miteinander. Bürgerschaftliches Engagement ist hier in Düsseldorf auch sehr ausgeprägt – siehe zum Beispiel Kunstverein. Das ist was Ähnliches, nur in einer großbürgerlichen Gesellschaft wie in Düsseldorf anders ausgeprägt als in einer Arbeitergesellschaft wie im Ruhrgebiet.

Nun ist Düsseldorf ja bekanntermaßen eine sehr wohlhabende Stadt. Lähmt die daraus resultierende Sattheit?

In gewisser Weise ja, das gilt auch für die Kunstszene. Beispiel Tausendfüßler. Die Künstler sind zwar alle für den Tausendfüßler, machen aber kaum was. Da würde ich mir mehr Aktivität wünschen. Bei dem Thema finde ich es übrigens gut, dass sich die unterschiedlichen Pro-Tausendfüßler-Initiativen jetzt noch mal zusammengerauft haben und versuchen noch was zu bewegen. Die Entscheidung, was mit dem Tausendfüßler passiert, ist nämlich entgegen dem, was man uns glauben zu machen versucht, noch nicht endgültig gefallen. Der Tausendfüßler steht nun mal unter Denkmalschutz – und der müsste in diesem Fall aufgehoben werden. Es ist also politisch immer noch offen.

Ist es nicht auch das Vorgehen der Stadt in der Vergangenheit, Beispiel Düsseldorf Arcaden oder auch Derendorfer Güterbahnhof, das die Leute frustriert hat? Man konnte ja durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Stadt sich über jeden bürgerlichen Widerstand hinweg setzt.

Das ist ein sehr wichtiges Thema. Ich muss gestehen, dass ich mich, was dieses Gelände hier angeht, nicht engagiert habe – weil es hier stark um diese Einzelhandelsproblematik ging. Ich hätte mich sofort für eine tolle Atelier-Siedlung oder Ähnliches stark gemacht, aber das habe ich an diesem Ort einfach nicht gesehen. Hier gab es ja keine soziale, gewachsene Struktur. Da fand ich so was wie den Derendorfer Güterbahnhof wesentlich prägnanter, weil da bereits eine Struktur gewachsen war. Nur weil wir hier ansässig sind, heißt das natürlich nicht, dass wir eine Affinität zu Einkaufscentern haben. Dennoch ist das Center nun mal da und man muss irgendwie damit klarkommen. Und da leisten wir mit unserem Raum einen Beitrag.

Auch anderer Themen sollte sich die Kunst in Düsseldorf unbedingt annehmen. Beispiel Kö-Bogen. Da wird die halbe Stadt umgekrempelt und die Kunst äußert sich nicht – das geht doch nicht. Deshalb habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen im Hofgarten mal wieder ein Kunst-Projekt zu machen – sozusagen als Nachfolger von „hell-gruen“. Ein super Projekt. Das ist aber mittlerweile auch schon zehn Jahre her. Man muss da gar nicht zwangsläufig konfrontativ zur Sache gehen – eine Ausstellung als solche wäre ja schon ein Statement.

Apropos Konfrontation. In der vergangenen MAP-Ausstellung „2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß“ gab es eine Arbeit von Jeanne van Heeswijk, die für euren Sponsor durchaus eine Horrorvision gewesen sein dürfte …

Bei „2 oder 3 Dinge, die ich von ihr weiß“ arbeiteten die Künstler auf ästhetische Weise mit Stadtentwicklung. Es ging um problematische Stadträume und darum konstruktive Lösungsansätze zu entwickeln. Die Arbeit von Jeanne van Heeswijk, die bereits auf der Biennale in Venedig gezeigt wurde, beschäftigt sich damit, was passiert, wenn in einer Art Trabantenstadt, in diesem Fall war das in den Niederlanden, das Einkaufszentrum als Herz der Community, was es dort war, verschwindet. Jeanne van Heerwijk hat dann das geschlossene Center umgebaut in ein Kulturzentrum. Das spiegelt zwar nicht die Umgebung, in der wir hier arbeiten, passt aber doch thematisch dazu. Auch diese ist momentan eine schwierige urbane Situation, aber ich als kritischer Stadtdiskursler finde, man muss sich dieser Situation stellen und mit ihr arbeiten, weil es eine städtische Realität ist. Und die wird von verschiedenen Parteien verantwortet, speziell auch von der Stadt. Das Center hat Vorteile, aber natürlich auch Nachteile – und mit denen gehen wir auch um und das tun wir im gemeinschaftlichen Verhältnis mit den Betreibern. Man sieht das Problem, man arbeitet daran.

Wäre da nicht auch die Stadt gefragt?

Das finde ich auch. Ich sehe das ja immer konstruktiv. Anklagen alleine nutzt nichts, man muss Vorschläge machen. In diesem Sinne werde ich jetzt auch nicht auf das Kulturamt, sondern auf das Stadtplanungsamt zugehen. Vielleicht kann man sie motivieren, sich an dem, was wir hier schon seit einiger Zeit tun, zu beteiligen. Das Kulturamt, muss man dazu sagen, fördert hier auch in kleinem Maßstab die Vortragsreihe mit. Die Stadtplaner finde ich in unserem Fall die noch besseren Adressaten, weil sie die Situation hier schließlich mitverantworten. So würde ich grundsätzlich auch meine Arbeitsweise beschreiben: Man kann durchaus kritisch was aufzeigen, sollte sich aber dann auch konstruktiv einbringen. Mit unserem Geldgeber funktioniert das zum Beispiel sehr gut.

Portrait von Markus Ambach auf coolibri.de

Nächste Ausstellung

„Deserto Rosso“, Vernissage: 2.7., Finissage: 10.09., mit Arbeiten von Fabian Altenried, Frauke Dannert, Sascha Hahn, Adam Harrison, Seb Koberstedt, Matthias Meyer, Martin Pfeifle, Leunora Salihu, Henning Fehr | Phillip Rühr und Markus Ambach, geöffnet Mi-Fr 11–18 Uhr

Kurzvita

Markus Ambach wurde 1963 in Darmstadt geboren. Er studierte zunächst an der „Hochschule für Gestaltung“ in Offenbach am Main, später an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor C. Megert. 1994 erhielt er den Förderpreis für bildende Kunst der Landeshauptstadt Düsseldorf. Seit 2002 betreibt er Projekte und Projekträume im öffentlichen Raum. Ambach lebt und arbeitet in Düsseldorf.