Haldensaga

Haldensaga – das klingt nach Helden der Arbeit, echten Kumpels, die schwarz vom Kohlenstaub aus dem Pütt kommen. Aber, Stichwort Strukturwandel, die Arbeiterhelden sind nicht mehr. Allein ihre Hinterlassenschaften bleiben. Nicht nur Hunderte Kilometer Tunnel, die sich unter dem Ruhrgebiet winden, sondern auch der Abraum. Angehäuft zu Halden macht er aus der ehemaligen Bergwerksregion eine Berglandschaft in Miniatur. Heute sind die Halden Herausforderungen für Mountainbiker, Jogger und Wanderer mit und ohne Nordic-Walking-Stöcke. Outdoor-Sportler und Naturfreunde pilgern auf die mittlerwile ergrünten Industriehügel. Nachts können Haldenbesteiger von den Gipfeln einen Blick auf das erleuchtete Ruhrgebiet werfen.

Demnächst sogar unter Führung. Die Haldensaga ist eine Nachtwanderung für Stadtbewohner, organisiert von der RUHR.2010. Für Stadtbewohner mit Ausdauer und langem Atem. Am 23. Juli treffen sich Wandergruppen überall im Pott. In der heranbrechenden Dämmerung geht es los. Die Halde hoch. Vielleicht bei der Steinkohlezeche Prosper-Haniel in Bottrop. Hier erhebt sich die Halde Haniel 185 Meter über Normalnull. Gekrönt wird sie von 100 Totempfählen aus Bahnschwellen, eine Kunstinstallation von Augustín Ibarrola. Oder die Halde Beckstraße. Auch hier thront Kunst auf dem Bergmannsschutt. Der 60 Meter hohe Tetraeder aus Stahl und Licht. Aber egal, welche Halde der Besucher an diesem Abend erwandert: Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen die Gruppe den jeweiligen Gipfel.

Die Haldensaga mit dem Haldensender


Dann heißt es Kopfhörer auf und Radio an. Jeder Nachtwanderer hat am Anfang der Tour einen kleinen UKW-Empfänger bekommen. Das interaktive Hörspiel der Künstlergruppe LIGNA macht jeden Haldenbesteiger zum Teil eines Radioballetts. Bei der Serenade für acht Halden verabschieden die Gipfelstürmer die Sonne. Die Erde dreht sich noch ein bisschen weiter, der Horizont verdeckt die Sonne und die Metropole Ruhr versinkt im Dunkel. Die Lichter gehen an. Die Haldensaga geht weiter.

Die Tour wird zur Nachtwanderung. Im Dunkel bringen die Guides die Haldenkletterer sicher ans Ziel. Die fitten Vorwanderer kommen aus der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg oder sind Volunteers von der RUHR.2010. Im Dunkel der Nacht trifft die Gruppe auf die Nachtdozenten. Die Guides bringen die Wanderer zur Kultur, die Nachtdozenten bringen die Kultur zum Wanderer. Etwa Andreas Meyer, der in seinem Leben um die 1000 Kilo Kohle in die Keller der Ruhrstadt geschleppt hat und alles über das schwarze Gold der Tiefe erzählen kann. Oder Will Rumi, der Künstler im weißen Steigerkittel, der von Hella Sinnhuber von der Haldensaga als eines der letzten Ruhrpott-Originale bezeichnet wird. Die Nachtdozenten stehen für große und kleine Geschichten bereit.

Dem Morgenrot entgegen


Interessierte an der Haldensaga können sich eine Strecke nach ihren eigenen Fähigkeiten aussuchen. Die Tour über die Halden Beckstraße und Haniel ist von der RUHR.2010 als die leichteste ausgewiesen. Als sportliche Herausforderung zählt dagegen die Tour über die Halden Hoheward und Schurenbach in Essen und Recklinghausen/Herten. Auch bei Regen sollen die Abraumberge erklommen werden. Allein ein Gewitter könnte die Haldensaga aufhalten. Aber das soll nicht passieren. Für gutes Wetter am Haldensagawochenende sorgt ein bereits angekündigtes Azorenhoch. Sagt zumindest Jürgen Fischer, Projektleiter der Haldensaga bei der RUHR.2010 GmbH.

An dem Wochenende der Saga kommt nach Radioballett, Nachtgeschichten und Wanderung der richtige Zeitpunkt für eine Rast. Um den hoffentlich mitgebrachten Proviant zu verzehren. Um die ersten Eindrücke wirken zu lassen. Um die Füße zu entspannen, bevor es auf die nächste Halde geht. Vielleicht auf die Halde Rheinpreußen, die von einer riesigen Grubenlampe in rotes Licht getaucht wird. Oder die Halde Norddeutschland in Neukirchen-Vluyn mit ihrer erleuchteten Himmelstreppe. Welche Tour Wandersmänner und –frauen auch wählen: Auf dem Gipfel sind wieder die Radios gefragt. Die Aubade für Acht Halden erklingt. Gemeinsam mit der Künstlergruppe LIGNA begrüßen die Nachtwanderer die Sonne. Im Tageslicht klingt die Haldensaga aus. Der Bus bringt die Nachtschwärmer zum Startplatz zurück.

Fabian Mauruschat

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