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Es ist nicht lange her, da war im Ruhrgebiet der Ruß auf den Fensterbrettern zentimeterdick – jeden Tag aufs Neue. Es waren die Hochzeiten von Zechen, Kokereien und Hochöfen. Gestört hat das keinen, solange die Geschäfte fluppten und die Steuereinnahmen flossen. Doch der Niedergang der Montanindustrie ging einher mit einem Verlust unzähliger Arbeitsplätze. Neue mussten her. Und schon begann er: der „Strukturwandel“. Hin zu Neuen Medien, Kreativwirtschaft, Dienstleistung, weg vom Image der rauchenden Schlote. Heute ist das Industriekultur, eine Zierde für jede Stadt. Spätestens mit RUHR.2010 ist dieser Wandel nun abgeschlossen – oder?
Strukturwandel?
„Ende des Strukturwandels? Das gibt es nicht. Strukturwandel ist ein permanenter Prozess. Und wird es bleiben“, entgegnet Jörg A. Linden, der Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) mittleres Ruhrgebiet. Vor allem im letzten Jahr, über all den „Hot Spots“, „Denkfabriken“, „Kreativzentren“ etc. konnte fast vergessen werden, dass die Industrie im Ruhrgebiet nach wie vor einer der größten Arbeitgeber ist. Dass der Strukturwandel die Industrie ersetzen soll, hält Linden für eine Fehlinterpretation. „Es ist nicht Ziel des Strukturwandels, einen Wandel einzuleiten – das ist unlogisch, denn es ist ein permanenter Prozess. Richtig ist: Montan- und Schwerindustrie haben ihre überragende Position der Vergangenheit verloren. Die wirtschaftliche Basis des Ruhrgebiets ist breiter geworden, ganze neue Facetten, an die vor Jahrzehnten keiner dachte, sind hinzugekommen.“
Wobei von Strukturwandel auf tatsächlichen Wandel zu schließen eigentlich recht nahe liegt. Seine Auswirkungen sind jedenfalls nicht zu bestreiten. „Ganz klar: Man muss nur durchs Ruhrgebiet gehen, um zu sehen, dass Strukturwandel keine Utopie ist, sondern sichtbar.“ Die Sorge, dass der sekundäre Sektor, also das produzierende Gewerbe auf Grund globaler Konkurrenz eh nicht lange in Deutschland zu halten sei, teilt Linden nicht. „Wir können nicht erkennen, dass der sekundäre Sektor keine Zukunftschancen hat. Er muss sich nur zukunftsfähig machen.“
Blick in den Betrieb
Ein großes Problem für produzierende Unternehmen sind die offenen Stellen. Es gibt keine Bewerber, zumindest keine geeigneten. „Die Anzahl selbst ist okay. Das liegt aber auch daran, weil wir nur ein bis zwei Auszubildende pro Jahr je Beruf haben. Wenn wir fünf pro Jahr bräuchten, wäre die Menge der Bewerber nicht mehr ausreichend“, so Michael Kawalleck, Ausbildungsleiter der Getriebewerke Jahnel-Kestermann mit Sitz in Bochum. Ausgebildet werden hier Zerspanungs- und Industriemechaniker, Technische Zeichner und Industriekaufleute. Dabei hakt es an mehreren Enden. „Ein Problem sind die unentschuldigten Fehlstunden. Das ist bei uns ein No-go. Jeder kann krank sein, aber dann wird das entschuldigt. Unentschuldigt heißt schlicht kein Bock. Auch die Qualität der schulischen Ausbildung ist ein Problem. Viele Bewerber haben Schwierigkeiten mit den Grundrechenarten, die für uns elementar sind. Von Arithmetik oder Winkelberechnung will ich gar nicht erst anfangen.“
Eine Lösung kann sich der Ausbilder nur vorstellen, wenn sich alle Beteiligten mal zusammensetzen. „Es müsste eine Gesprächsrunde mit der Industrie, den berufs- und allgemein bildenden Schulen geben, um einen Konsens zu finden. Ich will zwar nicht sagen, früher war alles besser, war es bestimmt nicht, aber zumindest elementare Grundrechenarten konnte, soweit mir bekannt, jeder Hauptschüler. Die Schüler trifft keine Schuld, aber es sind teilweise schon schlimme Lücken, auch bei der Rechtschreibung.“ Für Kawalleck ist die soziale Kompetenz mittlerweile fast wichtiger geworden als das Fachwissen. „Heute ist der Ausbilder gleichzeitig Mutter, Vater, Bruder, Schwester, Onkel, Tante und Therapeut für die Auszubildenden.“
Dienstleistende Industrie
Im Unternehmen selbst, das es seit 1910 gibt, hat sich in den letzten Jahren auf die wechselnden Anforderungen des Weltmarkts eingestellt. „Wir sind heute mehr im Dienstleistungssektor tätig: So bauen wir nicht mehr einfach nur Getriebe. Derjenige, der sie bezieht, erwartet Service, Begleitung und Wartung. Heute werden unsere Produkte stärker durch Dienstleistungen unterstützt“, so der Ja-Ke-Geschäftsführer Horst Wawro. Es fand also einen Strukturwandel im Unternehmen statt. „Bis in die 80er-Jahre haben wir den Bergbau mit Produkten beliefert. Wir haben Glück gehabt und den Schritt in Innovationen, regenerative Energien, also Wind- und Wasserkraft, vorangetrieben. Mitte der 80er waren wir damit noch Pioniere und haben den Wandel von Kohle zu Wind glücklicherweise kompensiert.“
Ingenieure gesucht
Auch hier gibt es das Problem unbesetzter Stellen. Es fehlen Ingenieure, wobei der Geschäftsführer die Branche selbst gefordert sieht. „Die Industrie hat eine Zeitlang geschlampt, nicht mehr so gefördert wie noch in den 70ern. Jetzt ist der Aufschrei da, aber wir haben auch nichts getan.“ Dabei ist der Bedarf vielfältig. „Wir brauchen Ingenieure in Konstruktion, Anwendung und Berechnung. Insbesondere bei der Windkraft gibt es einen erheblichen Bedarf an Konstrukteuren.“
Einschränkungen gibt es kaum, so dass das Unternehmen von der Öffnung des EU-Arbeitsmarktes profitieren könnte. „Einschränkung ist nur Deutsch, weil Kommunikationssprache im Unternehmen, ansonsten ist bei uns jeder Ingenieur willkommen, solange der Bedarf unserer Anforderungen abgedeckt wird. Wir haben einige, wobei ich jetzt ihre Staatsbürgerschaft nicht genau kenne, die hervorragende Fachleute sind und auch hervorragend deutsch sprechen.“
Ein Endes des Industriegebiets Ruhr, was würde das für ein Unternehmen wie Jahnel-Kestermann bedeuten? „Wir wären nicht mehr auf dem Markt. Beschäftigte müssten in den tertiären, den Dienstleistungssektor wechseln, die intellektuell für praktische Arbeiten viel talentierter wären und vielleicht nicht in der Lage sind zu theoretischer Arbeit im tertiären Sektor. Sollen wir Naherholungs-, Verwaltungs- oder Tourismusregion oder Denkfabrik werden? Das Ruhrgebiet ist geprägt durch praktische Leute, man würde deren Kapital nicht nutzen und könnte es auch nicht in anspruchsvolle Dienstleistungen umsetzen.“
Paul Tschierske
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