E-Learning: Lernen 2.0

Der Mensch 2.0 lernt inzwischen per Internet, Webinar und E-Learning-Umgebung. Ist das neue Lernen mit elektronischen Hilfsmitteln, das E-Learning, ein Licht am Bildungshorizont – oder ein Irrlicht?

Die Kaulitz-Brüder Tom und Bill (Tokio Hotel) zum Beispiel haben an der Bochumer Web Individualschule ihren Realschulabschluss gemacht, ohne einmal im Klassenzimmer gesessen zu haben. Sie lernten zwei Jahre lang zwischen Tourbus, Hotel, Bühne und Aufnahmestudio, bis sie dann wie jeder andere Schüler auch ihre Klausuren unter Aufsicht schrieben – Note 1,8. Beide. Gerade Fernschulen, Internet-Seminare („Webinare“) und andere Lernmöglichkeiten per Computer bieten sich an, nicht nur um vielleicht verpasste Chancen aufzuholen.

Alles online?

E-Learning gibt es schon seit Ende der 90er Jahre, und inzwischen kommt das Konzept langsam aus den Kinderschuhen raus. Erprobte, funktionierende Angebote haben sich gegen schnellen Heckmeck mit den Wurzeln in der Dotcom-Blase durchgesetzt. „E-Learning sollte man keine Sonderstellung mehr zugestehen“, behauptet der Bildungsforscher Michael Härtel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesinstitut für Berufsbildung in Bonn (BIBB), „Das ist nichts Neues mehr.“ So hat das Konzept auch die meisten Kinderkrankheiten überwunden und wird vom Professor, Heizungsinstallateur und der Frisörin genutzt: „Nach wie vor einer der beliebtesten Berufe von Mädchen“, sagt Härtel, „Fachwissen über die Farbenlehre beim Haarefärben oder über Chemie und Allergien gibt es jetzt visualisiert online. Denn violette Haare bei der Kundin sind die Katastrophe für jeden Frisör.“

Die Wissensgesellschaft nimmt ihre Bildung selbst in die Hand. Das Internet zeigt unzählige Videos, wie man mit Photoshop Personen freistellt oder wie man eine alte Nintendo-Spielekonsole in einen Toaster einbauen kann, so dass sie hinterher auch noch funktioniert („Nintoaster“). Autoschrauber liefern detaillierte Anleitungen, um Wasserpumpen oder ähnliches auszutauschen.

Bildungsmarkt

Neben diesen unzähligen Hobby-Doityourselfs schälen sich kommerzielle Anbieter aus dem Nebel der Suchmaschinentreffer, die Abitur oder Hochschulabschlüsse bewerben. Der Markt wird immer breiter. Die Weltwirtschaftskrise habe die Fernlern-Branche verschont, informiert der Branchenverband DistancE-Learning. Laut diesem haben im Jahr 2009 über 383 000 Menschen in Deutschland einen Fernlehrgang oder ein Fernstudium belegt, und die Zahlen steigen. Im selben Jahr gab es 316 im Verband organisierte Anbieter mit 2 363 staatlich zugelassenen Fernlehrgängen. Dazu kommen Unternehmen wie die bekannten Hausaufgaben-Internetseiten. Sie verlangen für einen Zugang zu ihrer Seite Geld, gezeigt werden dann Videos oder Dokumente, die etwa Schulstoff oder Grundlagen für die Uni erklären.

Online-Dschungel

Der Selbst-, Fern- und Computerlernmarkt ist unübersichtlich wie der Dschungel. Doch es lohnt sich, zur Machete zu greifen, findet der Wissenschaftler Michael Härtel: „Der Schüler ist unabhängig von Ort und Zeit, er kann seinen ihm eigenen Lerntypus bedienen. Einige wollen zuerst Filmchen sehen, andere lesen, wieder andere wollen direkt einen Test machen.“ Ob ein Anbieter seriös ist oder zu den schwarzen Schafen gehört, lässt sich laut Härtel mit einer Faustregel bewerten. Die Kernfrage sei, ob das Bildungsunternehmen „bekannt ist und zum Beispiel mit der Handwerkskammer zusammenarbeitet, etwa bei Prüfungen“. Darüber hinaus empfiehlt Härtel die Tests der Stiftung Warentest, bereits bekannte Firmen wie die Studiengemeinschaft Darmstadt oder die Informationen aus der Datenbank „Eldoc“ des BIBB, die E-Learning-Angebote sammelt.

Härtel legt auch Wert darauf, dass nicht das ganze Bildungsangebot per Internet stattfindet. „Es lässt sich nicht alles komplett durchdigitalisieren“, die Maurerkelle will halt immer noch selbst in die Hand genommen werden. Ähnlich sieht es bei sozialen Berufen aus wie etwa Seniorenbetreuung. Ohne Praxiserfahrung hat ein Bewerber schlechte Karten, egal, wie gut die Noten sind, die auf dem Zertifikat des Fernlehr-Instituts stehen.

PC-Kenntnisse

Anders sehe das aus beim Europäischen Computer-Führerschein, die „European Computer Driving Licence“, auch unter der Abkürzung ECDL bekannt. Den kann man komplett online erwerben: Tabellenkalkulation, Serienbrief, grundlegende Computerkenntnisse. „Die haben die meisten nicht“, ist Härtel besorgt, „und die sind durchaus bewerbungsrelevant.“ Ähnlich grundlegende Kenntnisse vermittelt zum Beispiel auch die Lernbörse der Bundesagentur für Arbeit, allerdings vorrangig an ihre Kunden und an Empfänger der Grundsicherung. Mit dieser Lernbörse kann man Zehn-Finger-Schreibtechniken erlernen, ebenso wie Grundlagen der Business-Etikette, Geschäftssprachen Englisch oder Französisch, Office, Zeitmanagement oder auch interkulturelle Kompetenz. „Das Angebot wird gut angenommen“, sagt Aneta Schikora, Sprecherin der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit, „im Jahr 2010 haben 45 000 Personen die Programme genutzt. Auch die Rückmeldung bei einer Online-Befragung war sehr, sehr gut.“

Wer seine Zukunft also selbst in die Hand nehmen will, hat mehr und vor allem komfortablere Lernmöglichkeiten als je zuvor. Arbeit bleibt Bildung aber nach wie vor: „Es gibt kein Knopfdruckwissen“, sagt Härtel, „Lernen bleibt Lernen.“

Tim Müßle

E-Learning-Links

Lernbörse: arbeitsagentur.de/lernboerse

Weiterbildungsdatenbank des Bundesinstituts für Berufsbildung: eldoc.info

Europäischer Computerführerschein: ecdl.de

Studiengemeinschaft Darmstadt: sgd.de

Abitur online: westfalenkolleg-dortmund.de

Bafög: meister-bafoeg.info

Fernstudium: fernuni-hagen.de

Kommentar hinzufügen

* Pflichtfeld