Urban Urtyp: Auf Du mit Billie Ray Martin

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Ein Kleinod der Musikkultur in Bochum geht Freitag in Runde 9. Urban Urtyp ist bekannt für seine intime Atmosphäre und das entspannte Verhältnis zwischen Künstler und Publikum. Morgen haben die Organisatoren, die sich übrigens immer über Unterstützung freuen, Billie Ray Martin eingeladen. Zur Einstimmung haben wir mit Thomas und Andreas vom Urban Urtyp-Team gesprochen.

coolibri: Nicht jeder wird eure feine Reihe kennen. Vielleicht erklärt ihr erstmal, was es mit Urban Urtyp auf sich hat.

Thomas: Im letzten Jahr, als hier alles Kulturhauptstadt war, saßen wir bei ein paar Schlegel-Urtypen zusammen und haben uns gefragt, wie eine Stadt eigentlich klingt und dass man für diesen Sound ein Format erfinden müsste. Live-Konzerte, in denen man die eigene Stadt hören kann und nicht immer nur das, was die Speicherdaten gerade hergeben. Wir haben dann festgestellt, dass es im Ruhrgebiet kaum öffentlichen Raum dafür gibt. Also Räume, wo man mal das hören kann, was man nicht kennt: urbane Musik an einem urbanen Ort und das Ganze live. Das ist die Idee: Jeden Monat einmal, jedes mal 10 Euro, jedes mal anders. Ein Blick auf das Etikett der Bierflasche, so kam der Name dazu. Die Kirche ist dafür der öffentliche Raum, die Christuskirche ist wie ein städtischer Platz mit einem Dach obendrauf.

Urbanität in Bochum, Elektronik und Pop in einer Kirche, Hipness und „urytpische“ Bodenständigkeit. Lebt das Konzept von seinen Gegensätzen?

Andreas: Es lebt von dem, was es in der Stadt gibt. Und es lebt von der Neugier, unserer eigenen und der der Besucher. Was Musik angeht, bewegen wir uns ja häufig wie auf dem Dorf, und hören immer nur dasselbe. So gesehen lebt urban urtyp von Gegensätzen, mal gibt es Elektro, mal Jazz, mal Songwriter-Pop, mal kommen die Musiker aus dem Ruhrgebiet, mal von weiter weg. Das Ganze ist aber kein Prinzip, Maßstab ist eher die Qualität.

Thomas: urban urtyp ist ja so etwas wie eine lockere Assoziation von Leuten, die Lust haben auf Live-Musik, aber ziemlich unterschiedliche Vorstellung davon, was gute Musik sei. Ab und an setzen wir uns in die Christuskirche und hören Musikvorschläge durch, und das wirklich Interessante daran ist: dass wir uns in einem Punkt alle immer sehr schnell einig sind, nämlich ob etwas urban klingt oder nicht.

Freitag Abend habt ihr Billie Ray Martin zu Gast. Was verbindet sie mit dem Thema eurer Reihe?

Thomas: Die Frau ist faszinierend, die hat sich ihre Neugier bewahrt und ist immer eigene Wege gegangen. Sie hat House-Musik gemacht, als kaum wer wusste, was das ist. Manchmal kreuzen sich diese Wege dann mit dem Mainstream wie bei ihrem Megahit "Your Loving Arms" in den 90ern, aber sie sich nie von der Musikindustrie einfangen lassen. Hat sich für ihre Projekte so unterschiedliche Leute geholt wie Stephen Mallinder von Cabaret Voltaire oder Ann Peebles, die große Soul-Stimme der 60er. Und vor allem, die Frau kann nicht nur Knöpfe bedienen, sie kann singen wie sonst keine. Ein englischer Journalist hat mal gesagt, man müsse begreifen, dass eine der größten Soul-Stimmen überhaupt "einer rotznasigen Göre aus Hamburg" gehört. Auch DJ Hell, mit dem zusammen sie "Je Regrette Everything" gemacht hat, ist da völlig ungeniert: Er hält Billie Ray Martin "für eine der besten Stimmen auf diesem Planeten".

Ihr kündigt einen persönlichen Abend an. Das kann man mit Fug und Recht als ein echtes Charaktermerkmal der Urban Urtyp-Abende ansehen. Was heißt das an diesem Abend genau, was wird sie spielen?

Andreas: Für diejenigen, die Billie Ray Martin kennen: Es wird eher ein intimes und ruhiges Programm, das auf den Ort zugeschnitten ist. Wir bauen den urban urtyp-Kubus auf, unseren 10 x 10 Meter großen Raum im Raum, und dann wird sie zusammen mit ihrem Pianisten Roy Robertson da stehen, wo sonst nur Pfarrer stehen, und wird das musikalisch sagen, was sie zu sagen hat. Und keinen Meter entfernt stehen die Leute und hören zu, so dicht, dass man dem Keyborder in die Tasten greifen könnte. Die kühle Distanz-Nummer geht da nicht, dafür ist die Atmosphäre im Kubus zu dicht, aber die kumpelhafte Nummer geht auch nicht, dafür ist der Kirchenraum zu weit. Wer sich da hinstellt, kann kein Programm runterspulen.

Thomas: Ich glaube, dass man am Ende vielleicht etwas darüber begriffen haben wird, warum jemand, die so wie sie im Leben nichts geschenkt bekommen hat, einfach die Musik macht, die sie machen will.

Mittlerweile läuft die Reihe ja schon eine Weile. Billie Ray Martin ist der neunte Gast in der aktuellen Reihe. Man muss mit dieser Frage ja nicht bis zur 10 warten: Konntet ihr schon eine urbane Lanze in Bochums Boden schlagen?

Andreas: Das Konzept ist Risiko, klar. Live-Formate haben es im ohnehin Ruhrgebiet schwer, und wenn es dann noch darum geht, nicht schon wieder das zu hören, was an jeder zweiten Ecke plärrt …

Thomas: … dann macht es das nicht leichter, aber interessanter. Man muss die ganze Stadt als Szene begreifen und die Szene als Stadt.

Dabei wünschen wir euch viel Erfolg! Habt vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Philip Stratmann

Tickets für 10€ gibt es an der Abendkasse und hier im Vorverkauf. http://www.urbanurtyp.de/kontakt/
Wer Zeit und Lust hat, sich bei Urban Urtyp einzubringen, findet dort auch alle Infos, die man braucht.