Winkelmanns Reise ins U: Das kommt jetzt aber nicht ins Protokoll!

| Adolf Winkelmann (Foto: Sven Neidig)

Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann entwickelte nicht nur das Konzept der U-Turmspitze als Leinwand, sondern verantwortet auch das dortige Filmprogramm. Nun hat er über die Wandlung des Us vom Brauereigebäude zum Kunsthaus ein unterhaltsames Buch geschrieben, das er Ende November als Regisseur auf die Theaterbühne bringt.

„Winkelmanns Reise ins U“ ist ein „erfundener Tatsachenbericht“, bei dem vermutlich die Lokal- und Verwaltungspossen rund ums U eher zu den Tatsachen und der mysteriöse Goldfund der „Magic Foils of Dortmund“ unterm U eher zu den Erfindungen gehören. Seine wunderbare Komik erhält das Buch durch die Doppelbödigkeit aus einer fast wissenschaftlichen Ausarbeitung und den absurden Geschichten um den selbstironischen Protagonisten Winkelmann und Jost Krüger als seinem Partner. Philip Stratmann erzählt, was nach dem Ende der Geschichte passiert ist:

Ein richtig schöner Herbsttag war das. Stratmann hatte sich kurzfristig noch Neidig gekrallt, um vom Termin mit Winkelmann auch ein paar schicke Fotos zu bekommen. Winkelmann sollte von seiner Flucht nach Italien zurückgekehrt sein. Das hatte sich schon abgezeichnet, nachdem Stratmann von Winkelmanns Verleger Boschmann erfahren hatte, dass jener ein Buch über die Vorgeschichte des U geschrieben hätte. Eine Kurzrecherche im Netz hatte ergeben, dass Winkelmann damit wohl auch auf die Dortmunder Theaterbühne wollte. Nachdem Stratmann die Geschichte auf Herz und Nieren geprüft hatte, wurde sie für absurd befunden und beschlossen, dass man mit ihm darüber reden müsse, was dann auch in Angriff genommen wurde.

Nun stand Stratmann aber erst mal vor dem U und instruierte Neidig, davon Fotos mit möglichst viel Baustelle zu machen und diese merkwürdig wegweisende Tonne in den Fokus zu nehmen, die mitten auf der Baustelle stand (siehe Foto 1). Auf dem Weg zum Theater sahen die beiden zum ersten Mal die unschöne Rückseite der Thier-Galerie am Hohen Wall, die nicht gerade befürchten lässt, dass das Ruhrgebiet in zehn Jahren seine einmalige Ästhetik verlieren würde. Stratmann und Neidig wurden nett von der Presseabteilung empfangen und im kuscheligen Institut hinter dem Foyer mit Kaffee und Wasser versorgt. Während der Wartezeit machte Neidig Stratmann zum Winkelmann und nervte mit Testfotos (s. Foto 2).

Winkelmann kam und machte es sich in den urigen Polstern bequem. Anstrengender als Film sei Theater nicht, aber sie seien schon verschieden. Beim Film wisse man ja, was man im Kasten hätte, aber beim Theater sei jede Inszenierung neu. Winkelmann erzählte von seiner Reise ins U, vom Anruf des Staatssekretärs, ob er eine Idee fürs U hätte. Seinerzeit hatte Winkelmann erst mal „Ja“ gesagt, eine Idee aber erst später gehabt. Die war dann nur so gut und so ausgefallen, dass sich die kommunalen Verwalter einbrachten mit Hinweisen auf technische Unmöglichkeiten der Installation oder auch mit dem Verweis auf ein sehr seltenes Falkenpärchen, das in der U-Turmspitze niste. Aus diesen Geschichten ist letztlich das Buch entstanden, zumal der meist genannte Satz bei städtischen Sitzungen „Das kommt aber jetzt nicht ins Protokoll“ gewesen sei. Dem galt es entgegenzuwirken. Die Nachfrage, ob das Falkenpärchen denn die Winkelmannsche Installation überlebt habe, wurde zur allgemeinen Freude positiv beschieden, und Winkelmann verwies auf den Nistplatz an der Ostseite, der durch einen weißen herunter laufenden Streifen gut zu erkennen sei (Prüfung steht noch aus).

Weniger lustig fand er das Gebäude der Krankenversicherung, das die erfreute Stadt westseitig vor das U bauen ließ und nun den Blick auf dessen Spitze versperrt (s. Foto 3). Stratmann und Neidig haben sich selbst überzeugt: Winkelmanns Geschenk an die Stadt ist von der Westseite her nicht zu sehen (s. Anhang 1). Seinen Hinweis, dass man Schenkungen nach dem BGB unter bestimmten Bedingungen auch wieder zurück nehmen könne (s. Anhang 2), hielten hingegen weder Stratmann noch Neidig für ernst gemeint, waren sich aber ebenso darüber einig, dass man es auch nie wissen könne, schließlich habe er einen ganz ausgefuchsten Eindruck gemacht. Seinem Hinweis, dass die Installation nicht in seinen Garten passe, wurde aber bis auf Weiteres zugestimmt. Winkelmann verwische die Grenzen zwischen wahr und falsch in dem Roman ja nun auch selbst, und deshalb, so Winkelmann, würde in dem nun kommenden Theaterstück Winkelmann auch nicht von Winkelmann gespielt. Dies könnte gleichzeitig der Grund sein, warum Winkelmann bis heute bestätigen kann, dass ihm von städtischer Seite noch niemand auf die Finger geklopft hätte. Abschließend fragte Stratmann, ob Winkelmann bei der Suche nach den „Magic Foils of Dortmund“ zufällig auch die Million gefunden hätte, die die Stadt der freien Kulturszene versprochen hatte. Winkelmann wusste aber leider auch nicht mehr zum Thema (s. Foto 4). Stratmann und Neidig mussten noch zu einem anderen Termin. Winkelmann durfte Mittag machen.

Rückfahrt: Stratmann und Neidig im Vierer-Abteil, an den Fensterplätzen Mann und Frau, vermutlich Ehepaar. Sie blickt zum U und dann zu ihrem Gatten: „Vladimir hat gesagt, da würden Millionen verschwendet. Das Geld könnte man woanders besser gebrauchen.“ Stratmann: „Das nehm’ ich mal ins Protokoll. Passt gerade so gut.“ 

Anhang 1

Zeit: 27.10.11, 14.32 Uhr. Standpunkt: Hoher Wall. Anwesende: Stratmann, Neidig. Notiz: Keine Installation zu sehen von der Westseite des Us.

Anhang 2

§ 530 BGB

Widerruf der Schenkung

(1) Eine Schenkung kann widerrufen werden, wenn sich der Beschenkte durch eine schwere Verfehlung gegen den Schenker oder einen nahen Angehörigen des Schenkers groben Undanks schuldig macht.

(2) Dem Erben des Schenkers steht das Recht des Widerrufs nur zu, wenn der Beschenkte vorsätzlich und widerrechtlich den Schenker getötet oder am Widerruf gehindert hat.

Fotos

Foto 1: Wegweisende Tonne am U (Foto: Sven Neidig)
Foto 2: Stratmann wartet auf Winkelmann (Foto: Sven Neidig)
Foto 3: U im Schatten von KK und ECCE (Foto: Sven Neidig)
Foto 4: Notizzettel Million

Winkelmanns Reise ins U

Gespielt: 26.11. (P), 4.12., 16.12., 31.12. ff. Schauspiel, Dortmund
Kritik: Winkelmanns Reise ins U: Ernsthaft komisch

Geschrieben: Verlag Henselowsky Boschmann, Bottrop, 2011, 319 S., 18,90 Euro

Gelesen: 6.12. Transfer. Bücher und Medien, An der Schlanken Mathilde 3, Dortmund-Hörde

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