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Carsten Johannisbauer ist als Sänger der Band Oiro seit vielen Jahren ein bekanntes Gesicht der Düsseldorfer Musikszene und bestens vertraut mit deren Problemen in der Stadt. Angesichts des wachsenden Unmuts über die Proberaumsituation der NRW-Kaptale, gilt sein Engagement derzeit vermehrt den „Freiräumen für Bewegung“.
Im Gespräch mit coolibri-Autor Benjamin Doum findet er deutliche Worte zu Stadt und Politik, liefert aber auch Ideen zur Besserung der Situation.
Könntest du kurz die Proberaumsituation der Stadt aus deiner Sicht beschreiben? Was läuft falsch?
Ich komme aus einer Generation von Musikern, die früher weniger Probleme mit den Proberäumen hatte. Man kennt halt viele Leute und hat sich untereinander vernetzt. Natürlich waren die Räume schon immer in einem schlechten Zustand, im Besitz privater Anbieter und völlig überteuert, aber zumindest die Suche gestaltete sich einfacher. Irgendjemanden kennt man halt immer und dann geht das schon. Mir geht es in der momentanen Diskussion aber vor allem um die jungen Leute, die Musik machen wollen, aber gar nicht wissen, wie. Das ist alles so elitär, dass man nur schwer reinkommt. Man kennt dann bereits drei andere Bands, die den Raum haben wollen und die jungen wären die letzten, die ihn kriegen, einfach weil keiner sie kennt. Ich weiß ja aus eigener Erfahrung, dass es Räume gibt, die sich gleich drei oder vier Bands teilen. Das zeigt also schon, dass da Handlungsbedarf besteht.
Und wie stehst du zu der weitverbreiteten Meinung, die Stadt müsse an Zustand und Mangel der Räume etwas ändern?
Natürlich muss man darüber diskutieren, inwieweit die Stadt etwas damit zu tun hat oder zumindest daran ändern kann. Du kennst das ja selbst, dass man eigentlich nur im letzten Zuge etwas von der Stadt haben möchte. Normalerweise ist das uncool und man organisiert lieber selbst, nimmt keine Sponsorengelder und so weiter. Aber da die Stadt sich der Problematik nun bewusst ist, sollte man die Gelder auch richtig investieren.
Bisher scheinen Gelder ja eher in irgendwelche Wettbewerbe zu fließen.
Das stimmt. Aber die Frage ist doch vielmehr, wer wird da überhaupt gefördert? Ich hätte früher mit meiner Band niemals irgendetwas beantragt oder mich Wettbewerben ausgesetzt. Ich will aber trotzdem einen Proberaum haben, der bezahlbar ist. Die meisten Musiker haben keinen Bock auf Wettbewerbe. Die haben auch keinen Bock auf die Fördergelder der Stadt. Die haben aber Bock auf Auftrittsmöglichkeiten – nur eben nicht unter der Sparkassenfahne oder für das Kulturamt Düsseldorf. Warum sollte man das auch machen? Man will sich ja ein bisschen Subkultur erhalten, gerade als Künstler und Musiker.
Aber wie fördert man richtig?
Ich habe viel mit der Stadt und den Leuten im Musikausschuss gesprochen und überlegt, was man machen kann. Meiner Meinung nach geht es darum, Grundlagen zu schaffen, Situationen, in denen man proben kann. Das heißt, man schaut sich die Räume der privaten Anbieter an und überlegt gemeinsam, was fehlt, was saniert werden muss und wie hoch die Quadratmeterpreise sein sollten. Natürlich können sie privaten Anbietern kein Geld geben. Ist vielleicht auch nicht Sinn und Zweck. Aber es ist so, dass du in den Dingern eigentlich nicht proben kannst. Du zahlst ein Vermögen, haust in einem Kellerloch voller Schimmel und ruinierst dir die Gesundheit. Ich verstehe schon, dass es oft das einfachste ist, Gelder an einzelne Künstler zu geben, aber man müsste mal schauen, ob es nicht besser wäre, eine Gruppe zu unterstützen, die Ideen hat, wie man neue Proberäume und Veranstaltungsmöglichkeiten schaffen kann.
Hast du denn Ideen?
Ich habe oft mit den Verantwortlichen über sogenannte Proberaum-Container gesprochen. Das sind isolierte Baucontainer. Die stehen auf Stelzen und sehen total cool aus, besitzen sogar Internetzugang. Darin kannst du proben und störst keinen. Die stellt man halt auf ein Brachgelände. Wenn dort was gebaut werden soll, packt man sie wieder ein und baut sie anderswo erneut auf. Aber die Stadt beschäftigt sich nicht damit. Die waren noch nie in einem Proberaum, sollen aber die Problematik lösen. Für die gibt es die Toten Hosen und Kraftwerk, aber keine anderen Bands. Das ist auch okay, völlig egal. Aber sie sollten sich an Leute aus der Szene wenden, die mit der Situation vertraut sind und gezielt beraten können. Außerdem hat die Stadt ja auch Druckmittel, Brandschutzmaßnahmen, Auflagen und so weiter, die sie nutzen kann. Das erscheint zunächst rabiat, aber es könnte was bei den Privatanbietern bewirken. Die können sich den Mietausfall aller Räume nämlich nicht leisten.
Wie hast du denn das Hearing während der „New Düsseldorf Pop“ empfunden? Schließlich gab es erstmals so etwas wie einen offenen Dialog zwischen Musikern und der Verwaltung.
Ich fand die Veranstaltung gut. Ich fand sie sogar super. Viele Leute waren da und die waren durchweg unzufrieden, aus verschiedenen persönlichen Situationen heraus. Das war interessant zu hören. Und man hat gesehen, dass die da oben keine Ahnung haben. Und sie haben vor allem selbst gemerkt, dass sie keine Ahnung haben. So entsteht Kommunikation. Wir haben ein Problem, aber keine Ahnung wie man es lösen soll. Was machen wir jetzt? Seither stagniert es nur leider. Zumindest scheint es so. Ich hätte mir gewünscht, dass sich vielleicht auch über die „Freiräume“ Leute zusammenfinden und Ideen bündeln. Das ist leider nicht passiert.
Treten Bands denn auch mit gezielten Problemen an die „Freiräume“ heran?
Ja. Und deshalb waren die Proberäume auch so ein Thema für uns, weil es ganz viele Bands gab, die schon früh damit an uns herangetreten sind. Aber auch Künstler, die kein Atelier finden können. Es geht aber nicht nur um die Bands, die keinen Raum haben, sondern auch um die, die einen haben, aber ein Vermögen für ein Kellerloch bezahlen. Ich bin seit 20 Jahren in Proberäumen und hatte noch nie einen überirdischen Raum. Und wenn du es professioneller angehen möchtest, mit täglichen Proben und vielleicht sogar Aufnahmen, dann kannst du das sicherlich nicht im schimmeligen Keller machen. Aber an der Situation kannst du nur etwas ändern, wenn du es schon geschafft hast. Und ins Private ausweichen ist auch nicht jedem einfach so möglich.
Aber die Zustände sind doch seit Jahren ein offenes Geheimnis. Düsseldorf scheint nicht der ideale Ort für Musiker zu sein. Was stimmt denn nicht mit der Landeshauptstadt?
Man muss nur nach Köln blicken. Da geht musikalisch einfach so viel mehr. Ich unterrichte an der Fachhochschule und keiner meiner Studenten wohnt in Düsseldorf. Die ziehen alle nach Köln und pendeln lieber hierhin. Bands wie Mouse On Mars gehen weg, ein Label wie Combination Records gibt es nicht mehr und das „Open Source Festival“ bekommt einfach keine Haushaltsstelle, sondern muss jedes Jahr aufs Neue kämpfen. Das Festival ist meist Ende Juli und die Zusage für 50.000 Euro, die nur dafür da sind, Verluste aufzufangen, und nicht um Gehälter zu zahlen, erhältst du erst im März. Versuch dann mal ein vernünftiges Booking für ein Festival hinzubekommen. Da müsste der Musikausschuss ansetzen, wenn er wirklich Einzelförderung machen möchte. Keine Gelder verteilen, sondern so etwas durchsetzen, damit beispielsweise das „Open Source Festival“ für die nächsten fünf Jahre gedeckt ist. Oder im kleineren Rahmen gedacht: Man könnte sich dafür einsetzen, dass die Bands, die sich geäußert haben in der Umfrage zum Zustand der Proberäume, einmal vortragen können, also eine Begehung machen mit dem Vermieter und einem Vertreter des Ausschusses. Vielleicht ist ja noch jemand von der Presse dabei und dann stöbert man gemeinsam die Mängel auf und überlegt sich Lösungen. Aber Politiker handeln ja meist, wie sie immer handeln. Es geht um Wählerstimmen. Nach der Wahl mangelt es an Engagement.
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