Ein Innenhof in der Düsseldorfer Friedensstraße führt direkt in eine Tiefgarage und ebenda in zahlreiche Kellerräume. Wer den Klängen folgt, landet dort auch im Proberaum der Kitsch Cats. Die Damen-Combo musiziert in einem Moulin Rouge der Popmusik. Der rote Teppich an den Wänden weckt verschiedene Assoziationen zwischen gemütlich und verrucht. Ein Kellerloch zwar, aber ein sehr schönes. „Wir haben aber auch eine Menge Arbeit hierein gesteckt und müssen uns den Kellerraum trotzdem mit zwei weiteren Mietern teilen, um ihn bezahlen zu können“, sagt Nadia Creutz. Die Kosten seien so hoch wie für eine Wohnung in Unterbilk. 246 Euro für 25 Quadratmeter – ohne Heizung, Bad und vor allem Tageslicht. Und hinter dem Teppich ist es schon wieder feucht.
Immer wieder kursieren die gleichen Adressen, die gleichen Geschichten. Feuchte, gesundheitsschädigende und überteuerte Proberäume sind seit Jahren ein offenes Geheimnis in der Landeshauptstadt. Wasserschäden, Schimmel, hygienisch unhaltbare Zustände der Sanitäranlagen oder gar Mäuse, die sich im Synthesizer einnisten. Letztere Anekdote mag amüsant erscheinen, trieb die diesjährigen Förderpreisträger Stabil Elite jedoch vom Kultur-Schlachthof zurück in die privaten Räume. Im Keller des elterlichen Restaurants richteten sich Lucas Croon und seine Kollegen ihr Studio ein und sind glücklich über eine Mietersparnis von monatlich 220 Euro und Fenster zur Sonne. Auch Singer/Songwriter Adrian Pauly ist nach wiederholt überflutetem Raum im Reisholzer Band-House mit seinen Kollegen in den elterlichen Keller ausgewichen. Wie schlimm muss die ganze Situation sein, wenn man freiwillig zurück zu den Eltern geht? „Wenn es um Kosteneinsparung geht, ist das ganz egal. Da nimmt man beinahe alles in Kauf“, sagt Pauly und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er weiß um die Zustände, die Preise, und freut sich zu Recht über die familiäre Unterstützung.
Acht bis zehn Euro pro Quadratmeter seien Standard, verrät Wolfgang Schäfer, Vorstand der Hans Peter Zimmer Stiftung, die 67 sanierte Räume bietet. „Mindestens 350 000 Euro haben wir in diese Sanierungen fließen lassen“, so Schäfer. Eine stolze Summe, die guten Willen erkennen lässt. Hauptsächlich handelte es sich bei den Arbeiten auf dem ehemaligen CON-SUM-Gelände aber um notwendige, den Brandschutz betreffende Maßnahmen. Die Preise orientieren sich auch dort am sogenannten Standard. „Man bezahlt ein Vermögen und haust in einem Kellerloch“, sagt Carsten Johannisbauer, Sänger der Band Oiro, der sich zudem mit „Freiräume für Bewegung“ für eine Veränderung stark macht. Da nur den wenigsten Musikern private Räume zur Verfügung stehen, mietet die Mehrzahl aber weiterhin und spricht trotz horrender Preise von großem Glück. Denn so katastrophal bisweilen ihr Zustand, so begehrt sind die Proberäume dennoch. Der Mangel bestimmt den Preis und ist ein weiteres großes Problem für die Szene und vor allem für den Nachwuchs. Selbst die miserabelsten Räume sind meist nur über Beziehungen zu bekommen. Die gezielte Nachfrage bei den Betreibern gestaltet sich oft nervenaufreibend und ist mit Monaten Wartezeit verbunden. Für Carsten Johannisbauer hat diese Situation durchaus etwas Elitäres: „Man kennt dann bereits drei andere Bands, die den Raum haben wollen und die jungen wären die letzten, die ihn kriegen, einfach weil keiner sie kennt.“
Daher lautet die berechtigte Frage vieler Musiker: Kann sich die Stadt nicht aktiv, wie auch im Bereich der bildenden Kunst, um die Vermittlung und die Instandhaltung von Proberäumen kümmern? Vor allem die Preise lassen sich nach Meinung vieler nur dann in vernünftige Bahnen lenken, wenn die Stadt Konkurrenzräume zu denen der derzeitigen Betreiber anbietet. Förderung macht sich bisher in erster Linie in verschiedenen Band Contests bemerkbar, die merklich selten die Bandbreite der Szene repräsentieren und von vielen Musikern abgelehnt werden. „Die Frage ist doch vielmehr, wer wird da überhaupt gefördert? Ich hätte früher mit meiner Band niemals irgendetwas beantragt oder mich Wettbewerben ausgesetzt. Ich will aber trotzdem einen Proberaum haben, der bezahlbar ist“, so Johannisbauer. Während das schuldenfreie Düsseldorf Millionen gen sogenannte Hochkultur vergibt und die bildende Kunst als Instrument des Stadtmarketings längst erkannt hat, scheint Musik fernab von Klassik und Kirchenchor auch weiterhin ungeliebtes Stiefkind zu sein.
Für einen ersten konstruktiven Dialog trafen sich Musiker und Vertreter aus Politik und Verwaltung im Juli dieses Jahres im zakk. Die New Düsseldorf Pop-Messe lud zum Hearing und verdeutlichte Unzufriedenheit auf der einen, und Unwissenheit auf der anderen Seite. Erstmals scheinen beide Seiten allerdings in die gleiche Richtung zu zielen. Clara Deilmann ist Vorsitzende des Musikbeirats und überzeugt, dass etwas bewegt wurde: „Für die Verwaltung war es wichtig zu sehen, dass unheimlich viele Leute das Thema Musik interessiert und die Proberaumsituation eine gewisse Dringlichkeit besitzt. Man hat verstanden, dass man in dem Bereich etwas tun muss.“
Nach den Ergebnissen der Proberaumumfrage stünden nun aus dem Haushaltstopf für Atelierumbau 40 000 Euro zur Verfügung. „Dieses Geld“, erklärt Deilmann, „haben wir sozusagen umgewidmet, um die Proberaumsituation zu verbessern. Damit finanzieren wir nicht nur eine fortlaufende Proberaumrecherche, sondern auch die konkrete Schaffung neuer Räume.“ Ganz besonders ins Auge gefasst, hat man derzeit den Werstener Bunker, der als städtischer Raum zumindest genügend Platz bietet. „Es sind nicht die schönsten Räume, denn Fenster fehlen auch dort. Aber sie sind gepflegt“, beteuert Deilmann. „Zudem wohnt ein Ansprechpartner direkt nebenan.“
Sollte alles nach Plan laufen, wäre damit ein erster Schritt getan. Vorerst geht die Suche nach Probemöglichkeiten aber weiter. „Einige Räume sind wirklich unter der Menschenwürde“, erzählt Miguel Passarge, verantwortlich für das musikalische Programm im zakk und selbst als Musiker tätig. „Einen bildenden Künstler würdest du in einen solchen Raum jedenfalls nicht schicken. Ich habe einen Proberaumbetreiber gefragt, ob er denn auch etwas Netteres mit einem Fenster hätte. Da wurde ich ausgelacht.“ Mittlerweile probt er mit seiner Band Red Desert in Krefeld. Zentral, kostengünstig und überirdisch. Mit zwei Fenstern.
Benjamin Doum
Carsten Johannisbauer ist als Sänger der Band Oiro seit vielen Jahren ein bekanntes Gesicht der Düsseldorfer Musikszene und bestens vertraut mit deren Problemen in der Stadt. Angesichts des wachsenden Unmuts über die Proberaumsituation der NRW-Kaptale, gilt sein Engagement derzeit vermehrt den „Freiräumen für Bewegung“. Im Gespräch mit coolibri-Autor [...]
Die Kitsch Cats sind sechs Frauen, deren Electropop Tanzbein und Hirn gleichermaßen anregt. In jüngster Zeit machte die Band mit ihrer Anti-Gentrifizierungs-Hymne „Unsere Stadt” und einer spontan organisierten Protestaktion am Rande des ESC von sich reden. Sechs Frauen mit teils haarsträubenden Erfahrungen und konkreten Forderungen. Ein Gespräch mit [...]
Die Kritik an den Betreibern der großen Proberaumkomplexe Düsseldorfs scheint dieser Tage unaufhörlich zu wachsen. Viele Bands klagen über Schimmel in völlig überteuerten Räumen – auch in der Hans Peter Zimmer Stiftung. Das einstmals als CON-SUM bekannte Fabrikgelände ist Heimat vieler Bands und möchte einen offenen Ort schaffen, einen Raum zum Leben, [...]
Es ist das Jahr von Stabil Elite. Ihre „Gold“-EP erntete Kritikerlob von allen Seiten, der Titeltrack war offizielle Hymne der diesjährigen c/o pop und ihr „Sound of Young Düsseldorf“ macht sie nicht nur zum musikalischen Aushängeschild der Landeshauptstadt, sondern auch zum Träger des diesjährigen Förderpreises. coolibri-Autor Benjamin Doum traf mit Lucas [...]
Miguel Passarge ist verantwortlich für die musikalische Programmgestaltung des Düsseldorfer Kulturzentrums zakk und macht außerdem mit der Band Red Desert auch selber Musik. Passarge hat somit auf zweierlei Art mit der momentan vieldiskutierten Proberaumsituation Düsseldorfs zu tun und wünscht sich noch weit mehr für die Musikszene der Landeshauptstadt als [...]
Adrian Pauly hat seine Bandkollegen in einem Proberaum kennengelernt. Seither hat das Trio schon so manches erlebt und sich jüngst im elterlichen Keller des Singer/Songwriters eingenistet. Zwei Drittel der Band, Adrian und Schlagzeuger Joey Fulgenzi, stellten sich den Fragen von coolibri-Autor Benjamin Doum und sprachen über Freud und Leid als Musiker der [...]
Die von vielen Düsseldorfer Musikern als katastrophal empfundene Proberaumsituation wirft vermehrt die Frage nach städtischen Fördermitteln auf. Kann und sollte die Stadt eingreifen? Was kann sie überhaupt tun? Clara Deilmann ist für Bündnis 90/Die Grünen als Ratsfrau in Düsseldorf tätig. Sie ist zudem Vorsitzende des Musikbeirats und als solche sehr am [...]


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