„Das Geld ist versprochen“

Eine Million Euro soll die freie Kulturszene in Dortmund ab 2012 bekommen. Das hatte Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau im März dieses Jahres versprochen, und dafür musste er sich von den Grünen während einer Sitzung des Stadtrates noch das Sprüchlein von „Papas Spendierhosen“ gefallen lassen. Allein: Das Jahr ist bald zu Ende, der neue Haushalt noch nicht beschlossen, und im Entwurf für diesen Einnahmen- und Ausgabenplan für 2012 steht die Million noch nicht. Ganz im Gegenteil, Dortmund senkt den Kulturetat von rund 77 Millionen im Jahr 2011 auf gut 75 Millionen 2012.

Die Million „ist noch kein fester Posten im Haushalt“, sagt Stadt-Sprecher Michael Meinders, aber sie rückt näher: Geplant sei eine „Vorlage für die Dezembersitzung des Finanzausschusses“, also ein Papier, das die Million dem Haushalt 2012 hinzufügen soll. Mitte des Monats tagt der Finanzsauschuss und berät darüber, der Stadtrat hat dann im neuen Jahr das letzte Wort. Es wird also noch ein wenig Wasser die Ruhr hinabfließen, bevor die freie Szene wirklich zusätzliche Mittel bekommt. Die gibt sich zuversichtlich.

„Der Oberbürgermeister fühlt sich seinem Versprechen verpflichtet“, sagt Pit Schmieder, Geschäftsführer des Künstlerhauses. Auch Horst Hanke-Lindemann, Macher des freien Theaters Fletch Bizzel, ist guten Mutes: „Im Dezember wird’s beschlossen. Ich habe Anfang November mit dem Oberbürgermeister telefoniert, das Geld ist versprochen, und das wird auch verwirklicht.“ Wie der Geldsegen verteilt wird, dafür hat sich die freie Szene selbst einen Plan gegeben. Maßgeblich gestaltet haben den Verteilungsplan Hanke-Lindemann und Schmieder. Für wirklich jeden soll etwas drin sein, nicht nur für die bekannten Protagonisten der Szene: „Zum Beispiel über Projektförderung“, so Hanke-Lindemann, „Antrag stellen, Projekt vorstellen.“ Ohne die Förderung von der Stadt gäbe es die freie Kulturszene in Dortmund nicht so, wie sie zurzeit existiert. Stücke wie „Drei Männer im Schnee“ (Foto 1+2) aus der Feder von Erich Kästner, in der ein Millionär als armer Mann verkleidet die Menschen kennen lernen will (aufgeführt vom 14.–18.12. im und von Fletch Bizzel), wären gefährdet.

Dass das Geld gut angelegt ist, belegen die Zahlen, die Hanke-Lindemann vorlegt. Immerhin lockt die freie Kulturszene in Dortmund demnach rund 300 000 bis 400 000 Zuschauer pro Jahr. Eine der Initiativen verabschiedet sich zurzeit in den Winterschlaf: das „Unabhängige Zentrum Dortmund“ (UZDO), eine Gruppe Dortmunder Nachwuchskünstler. Noch im Herbst hatte die Stadt UZDO zufolge der Initiative ein Gebäude in Aussicht gestellt – es ging um eine alte Schule an der Adlerstraße. Doch die Gespräche gestalteten sich von beiden Seiten schwierig, man fand nicht recht zueinander. Der letzte Eintrag auf der UZDO-Website ist von Anfang Juli. „Die vergangenen eineinhalb Jahre waren sehr ereignisreich und sehr kräftezehrend“, heißt es aus dem Umfeld. Nun ist erst mal Pause.

Trotzdem: Dortmunds freie Szene darf sich weiterhin auf den einen oder anderen Zuschuss freuen, für ein Konzert, um ein paar Plakate zu drucken, eine Performance, für dies und das. Nicht zuletzt für die Zuschauer und die Beteiligten, die backstage mitunter mehr davon haben, als der staunende Gast ahnt: „Wir übernehmen immer mehr kommunale Aufgaben“, sagt Horst Hanke-Lindemann, „ich nenne nur das Stichwort ‚interkulturell‘. In der bunten Tüte namens Kunst ist also für jeden was drin, nicht nur für den, der sich bespaßen, sondern auch für den, der was lernen will. Auf beiden Seiten des Vorhangs.

Tim Müßle

UPDATE

Aus der Million sind 550.000 Euro geworden. In der Sitzung des Kulturausschusses wurde beschlossen, mit 450.000 Euro das Wortfestival RuhrHochDeutsch und das Musikfestival Klangvokal zu fördern. Diese Summe war allerdings von vornherein zusätzlich als Unterstützung eingeplant und wurde nun von der Million weggenommen.