Dr. Arbeitslos: Überqualifiziert und ohne Job

Eigentlich der ideale Bewerber: Studienabschluss in Rekordzeit, Praktika, Auslandsaufenthalte in China, Frankreich und den USA, fünf Sprachen fließend, hochmotiviert, flexibel. Immer mehr Überflieger sind trotzdem arbeitslos. Begründung: Überqualifizierung. Was sagt der Begriff überqualifiziert überhaupt aus? Zu schlau? Oder einfach eine höfliche Form der Absage? Immer mehr Bewerber der Lebenslauftunergeneration fragen sich, ob sich Weiterqualifizierung noch lohnt oder ob man besser ohne Meister und Master an den Job kommt. coolibri interviewt Hans-Joachim Schade vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Wie kommt es, dass Bewerber mit der Begründung Überqualifizierung abgelehnt werden?

Für ein Unternehmen bedeutet die Suche eines neuen Mitarbeiters immer Kosten. Die Kosten sollen möglichst niedrig gehalten werden. So sucht man natürlich vor allem Bewerber, die auf die Stelle von ihrer Qualifikation gut passen und bei denen diese Tätigkeit ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht.

Wenn sich jemand bewirbt, der deutlich überqualifiziert ist, taucht bei den Personalern natürlich der Verdacht auf, dass nur eine Überbrückungslösung angestrebt ist. Da ist die Gefahr groß, dass die Person schnell weg ist, wenn sich etwas Besseres ergibt. Die Investitionen in diese Person sind dann umsonst gewesen, und das soll vermieden werden. Eine gute Perspektive für Überqualifizierte sind befristete Arbeitsstellen. Da sind die Chancen größer, da Risiken und Chancen für Arbeitgeber besser kalkulierbar sind und so eine größere Bereitschaft da ist, auch Überqualifizierte anzustellen.

Wie kann man sich gezielt weiterqualifizieren?

Als erstes muss man sich natürlich klar sein, was die Ziele sind. Will man innerbetrieblich aufsteigen? An einen bestimmten Betrieb wechseln? Oder sich etwa spezialisieren? Mit dem Hintergrund kann man sich gezielt informieren, wie ich in dem jeweiligen Unternehmen punkten kann. Auch wichtig: Die Klarheit, welche Lücken ich persönlich habe und was ich bereit bin, an Zeit, Geld und Mobilität zu investieren. Über Weiterbildungsdatenbanken wie die der Arbeitsagentur Nordrhein-Westfalen und des BIBB kann ich recherchieren, welche Weiterbildung passend und staatlich anerkannt ist.Gut ist auch immer, sich persönlich vor Ort einen Eindruck zu verschaffen. Wenn man immer noch unsicher ist, hilft ein Beratungsgespräch. Man muss eine Grundlage schaffen, dass sich die Investition auch lohnt und sich informieren!

Zahlt sich Weiterqualifizierung wirklich aus?

Das ist ein Stück weit abhängig von der Zielsetzung. Grundsätzlich geben Weiterbildungen positive Signale bei der Bewerbung: Der Bewerber ist lernwillig, lernfähig, belastbar, bereit, Freizeit zu investieren. Auszahlen kann sich Weiterbildung in Arbeitsplatzsicherung sowie finanziell. Weiterqualifizierung wird durch den Strukturwandel immer mehr treffen, die schon im Beruf sind.

Wie sieht die Arbeitsmarktsituation für Hochqualifizierte aus?

Das ist seit Jahren stabil. Die Betroffenheit von Arbeitslosigkeit hängt klar mit der Qualifikation zusammen. Höher qualifizierte haben ein geringeres Risiko, arbeitslos zu werden und bleiben, als Niedrigqualifizierte. Bisher absorbiert der Arbeitsmarkt in der Regel die Akademiker, jedoch muss man schauen, ob das auch in sechs bis sieben Jahren noch der Fall ist. Einerseits werden immer mehr Akademiker ausgebildet, andrerseits durch den prognostizierten Fachkräftemangel auch mehr benötigt.

Welchen Rat können Sie einem Bewerber geben, der sich auf einen Job bewirbt, für den er überqualifiziert ist?

Der Bewerber muss realisieren, in welchem Markt er sich bewirbt. Wenn in dem Markt händeringend Kräfte gesucht werden, stehen die Chancen immer besser, auch, wenn seine Qualifikation nicht zu der Stelle passt. Optimal wäre es natürlich, wenn ich mich auch auf Stellen bewerbe, die meiner Qualifikation entsprechen. Da sind meine Chancen am besten. Eine Gefahr bei einer Stelle, für die ich überqualifiziert bin, ist auch, dass es Probleme geben kann, danach wieder in eine „bessere“ Stelle zu wechseln. Ein pauschaler Ratschlag bei der Frage nicht möglich. Meine Tipps wären:

Erstens: In den Personaler hineinversetzen und überlegen, was dem Arbeitgeber für die Stellenbesetzung wichtig ist! Die Bewerbung dann passend gestalten.

Zweitens: Nicht verkrampft bewerben und einen Tunnelblick vermeiden! Sonst kann man schwer locker und flexibel reagieren.

Fazit: Lohnt sich Weiterbildung überhaupt?

Wild-planlose Weiterbildung kann man sich sparen! Das kostet nur Zeit und Geld und sorgt für nicht enden wollende Lebensläufe, die jeden Personaler entnerven und zu keinem Job mehr passen. Besser: Sich an den geeigneten Stellen wie der Arbeitsagentur Nordrhein-Westfalen , Weiterbildungsanbietern informieren und beraten lassen. Dann gezielt (!) weiterbilden. Und warum nicht schon vor Ende einer Weiterbildung mit ein paar Vielleicht-Arbeitgebern Kontakt aufnehmen? Mit Mut zum Plan B, ein wenig Flexibilität und der Portion Glück findet sicher auch Dr. Arbeitslos was Passendes.

taes

 

arbeitsagentur.de

ihk-weiterbildung.de

bibb.de

do-wf.de

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