Susanne Blech: Robocop hätte geschossen

| Susanne Blech (Foto: Sven Neidig)

Elektro-Punk, extravagante Texte und eine verrückte Liveperformance machen Susanne Blech zu einer der interessantesten Bands aus dem Dunstkreis der Ruhrstadt. Am 20. Januar erscheint ihr neues Album TRIUMPH DER MASCHINE. Dabei sind sie Teil des Kollektivs Tengu Basement, das seit über einem Jahrzehnt vielversprechende Musiker hervorbringt. Aber – was ist das Tengu Basement eigentlich, und wer steckt dahinter?

Winter, WG und wohlige Atmosphäre

„Können wir acht Uhr sagen? Ich gebe vorher noch Schlagzeugunterricht.“ Sebastian Maier ist Vollblutmusiker durch und durch. Ob Musik für das theaterkohlenpott in Herne, pädagogische Musikprojekte an Schulen oder zuletzt die musikalische Leitung für das Street-Art-Projekt urbanatix – der Produzent ist auch außerhalb seines Studios ein gefragter Mann. Doch vor allem ist er der musikalische Kopf eines der spannendsten Musiker-Kollektive des Ruhrgebiets, des Tengu-Basements.

Danja Atari, Sola Plexus und Susanne Blech heißen die Bands, die Teil dieses Zusammenschlusses sind, dessen Hauptquartier er mittlerweile in einer stillgelegten Zeche in Essen eingerichtet hat. In einem kleinen Raum ebenerdig befinden sich der Proberaum und das Studio, über eine schmale und vor allem steile Stahltreppe gelangt man in den Besprechungsraum mit angeschlossenem Lager für die Tonträger des zugehörigen Labels Z-Music.

Jetzt, im Winter ist es in dem baufälligen Gebäude verdammt kalt. Es dauert, bis die kleinen Gasöfen die Räume einigermaßen auf Temperatur gebracht haben. Doch solche Details machen den Charme dieses Ortes, einen Steinwurf von der Ruhr entfernt aus. Er mag etwas provisorisch und spartanisch erscheinen, doch er macht es Gästen leicht, sich sofort willkommen zu fühlen, versprüht er doch den unbeschwerten und offenen Geist einer eingespielten WG. Im Sommer könne man vor dem Gebäude auch wunderbar in der Sonne sitzen oder liegen, Bier trinken und grillen, versichern die Musiker. Das zu glauben, fällt nicht schwer.

Basement, Beats und Bock auf Disco

Um den langen Tisch im Besprechungsraum hat es sich ein Großteil des Tengu Basements gemütlich gemacht. Sebastian schenkt Weißwein in Plastikbecher aus, Laptops werden aufgeklappt, soziale Netzwerke gecheckt, auf dem Tisch liegt der Vertrag einer neuen Booking-Agentur. Danja Mathari, die als Danja Atari im Frühjahr bereits erfolgreich ihr zweites Album AT THE BACK OF BEYOND SHE FOUND AN ARTICHOKE veröffentlicht hat, bereitet sich auf ein anstehendes Set als DJ vor. Die zierliche Sängerin mit tunesischen und französischen Wurzeln, in Berlin geboren, in Dortmund aufgewachsen ist die geborene Kosmopolitin. Ihr Sound klingt unbeschwert und cool, tanzbare Beats, englische und französische Texte und ein, mit Einflüssen aus aller Welt verfeinertes, elektronisches Fundament. Die Single 97 („Get Up On That Horse“) – ein veritabler Hit. Jeromes indischer Background macht sich bei seiner Band Sola Plexus, bei der er sich MC Sulal Kool nennt, dagegen wenig bemerkbar. Breakbeats, Dub, Hip-Hop und Elektro sind die Basis seines Sounds, der sich in der britischen Raveszene verwurzelt sieht. Durch seinen Auftritt bei der Abschlussveranstaltung des Kulturhauptstadtjahres hat er es sogar zu einem Feature im ZDF heute-journal gebracht.

Zusammen mit seinem heute abwesenden Bruder Jobin bildet er außerdem die Performance-Abteilung bei Susanne Blech, der hier zahlenmäßig überlegenen Band. Neben den Zwillingsbrüdern Jens und Kai, zuständig für Gitarre, Bass und Synthesizer, ist es Frontmann Timon, der die Runde komplettiert. Er ist die Stimme und das Gesicht dieser wilden wie skurrilen Elektro-Punk-Sprechgesang-Crew mit dem weiblichen Bandnamen, die mit ihrem Hit „Bock auf Disco“ so ziemlich jeden Dancefloor in Extase zu versetzen weiß. Nach dem Interview geht’s für sie gleich nach unten in den Proberaum, um die neuen Stücke des Ende Januar erscheinenden Albums auch live performen zu können. Spätestens bei der Releaseshow am 20.1. in der Bochumer Rotunde müssen die Songs von TRIUMPH DER MASCHINE sitzen.

Herne, Hip-Hop, Hamburg

Die Wurzeln des Tengu Basements liegen in Herne. Lange Zeit war es der elterliche Keller von Sebastians Eltern, der als Hauptquartier dienen musste. Der Name Tengu war der Name der Hip-Hop-Band, zu der einst auch Sebastian (als Zap) und Jerome (als Kwasi) gehörten. Ende der 90er Jahre entwickelte sich um diesen Kern die Künstler-Clique, die sich unter dem Namensbanner bis heute präsentiert. Nur die Hip-Hop-Band, die es immerhin bis zu einem Plattendeal mit Universal/Motor geschafft hatte, gibt es nicht mehr. Dafür kam Timon hinzu, der Sebastian aus gemeinsamen Fußballzeiten kannte, und der seinen Kumpel so lange bekniete, bis dieser nachgab. „Weil ich bei diesen Rappern nie mitmachen durfte“, verrät Timon.

Dadurch entstand ein erster gemeinsamer Song, der, von Chers „Believe“ inspiriert, das später durch Kanye West salonfähig gewordene Autotuning zelebrierte. „Wir haben das auch live probiert, eine Katastrophe“, lacht er heute. Immerhin konnten Sebastian und er damit die Aufmerksamkeit des Hamburger Produzenten Mathias Arfmann (Blumfeld, Die Goldenen Zitronen, Jan Delay) auf sich ziehen. Der bei ihm produzierte Track „Lass mich durch, ich muss nach Cairo“ brachte Susanne Blech einen Vertrag bei Motor Music und die Veröffentlichung auf dem Sampler LOVE FACTORY ein.

Dabei macht sich Timon, der sich als „völlig unmusikalisch“ bezeichnet, keine Illusionen über die Qualität des Stückes. „Mathias Arfmann fand es halt wahnsinnig, weil es völliger Schwachsinn war“, und Sebastian ergänzt: „Er ist eben alter Punk und offen für so verrückte Sachen.“

Widerstand und Wiedervereinigung

„Wir teilen eigentlich alle einen ziemlich obskuren Humor. Wir sind sehr unterschiedliche Charaktere, aber der Humor ist unser Kitt“, erklärt Jerome die Attitüde des Basements. Auch das neue Album von Susanne Blech weiß wieder mit verstörend-originellen Textzeilen von Timon und Songtiteln wie „Bankangestellte erzählen von Mailand“, „Robocop hätte geschossen“ oder „Alle Tiere wollen in den Zoo“ zu unterhalten. Dabei geht es Texter Timon mehr um die Wort-Ästhetik als um einen definierten Inhalt: „Jedes Wort muss so klingen, als müsse es da sein, hart und komprimiert. Was das dann am Ende bedeutet, ist mir völlig gleich, aber es muss halt wirken, als wäre es etwas.“

Neben Tengu-Kollegin Danja und den langjährigen Hamburger Gesinnungsgenossen Egotronic konnten Susanne Blech auch einen anderen Freund der Band dazu bewegen, einen Gastbeitrag für TRIUMPH DER MASCHINE zu leisten. Für das Stück Wiedervereinigung spielte Radio-Ikone und Ex-Geier-Sturzflug-Saxofonist Klaus Fiehe ein Solo ein. Sebastian ist begeistert: „Er kam vorbei, hatte ein paar wenige Versuche und es war eingespielt. Ich habe nichts geschnitten.“

Wie alle Alben des Basements erscheint auch TRIUMPH DER MASCHINE auf dem hauseigenen Label, das Sebastian führt. Die Musiker selbst sind glücklich mit der Entscheidung, gemeinsam auf dem Mini-Indielabel zu veröffentlichen. „Ich finde es schön, wenn man sich als Label einen Namen durch die vielen kleinen Bands darauf machen könnte“, erklärt Danja. „Klar, wenn ein gutes Angebot kommen würde, sollte das keiner ausschlagen, aber jetzt gerade finde ich es gut, dass wir mit allen Bands diese Anfänge zusammen beschreiten, um Z-Music zu einer guten Reputation zu helfen.“ Timon bringt seine Erwartungshaltung in gewohnt unnachahmlicher Weise auf den Punkt: „Wir widerstehen den Majorlabels so lange, bis wir ein Angebot bekommen!“

Jens Mayer

z-muzic.de

susanne-blech.de

danja-atari.com

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