Alle reden vom Kneipensterben, wir leider auch.

Traurige Chronistenpflicht

Wir vermelden – in alphabetischer Reihenfolge – das Ableben von Bahia de Cochinos (Castrop-Rauxel), Ebstein (Bochum), Pretty Vacant (Düsseldorf), Underground (Wuppertal), Victor Hugo (Dinslaken).

Sie alle starben keines natürlichen Todes, binnen 3 Monaten und viel zu jung. Möglicherweise fielen die bei der Bevölkerung sehr beliebten Bars, Clubs, Gastro- und Kultur-Kneipen einem Serienkiller zum Opfer.

Wir müssen leider draußen bleiben! (Foto: dierk schaefer)

Im Fall Underground führt die Spur ins militante Nichtrauchermilieu, das tapfere Widerstandsnester des blauen Dunstes mit Schutzgeldern und Gesetzeskraft in den Selbstmord treibt; ein Abschiedsbrief liegt vor, in dem die erste Szene-Kneipe der Stadt ankündigt, über die Wupper zu gehen.

Im Fall der gerade fünfeinhalbjährigen Bahia de Cochinos sollen monatliche Geldforderungen von außen und am Ende zu wenig Gäste für eine Kostenunterdeckung in der Castroper Schweinebucht gesorgt haben; ab Ostern ist Schluss mit unabhängiger Kultur abseits des Mainstreams und der A40-Metropolen.

Ähnlich beim Ebstein. Eine Große Koalition aus kneipenfeindlichen Vermietern und Anwohnern nervte als ewige Spaßbremse; die zunehmende Verödung der Herner Straße gab dem kreativen Leuchtturm jenseits von Bermuda-Dreieck und Ehrenfeld-Viertel den Rest.

Nicht einmal zwei Jahre alt wurde Victor Hugo. Von Geburt an drangsalierten rechtsbewusste Bürger, die nur ihren eigenen Lärm leiden können, und ein hundertfünfzigprozentiges Ordnungsamt die Cafékneipe in der Innenstadt; noch bis zum 30. April bleibt Dinslaken eine Location erhalten, in der es rockt.

Immerhin 7 Jahre war der Indie- und Elektronik-Club Pretty Vacant selbsternanntes Biotop des guten Geschmacks, umzingelt von Ballermann-Konkurrenz. Nun scheint Betreiber Mr. Buzzpop den Kaffee auf zu haben. „Warum beendest du das Kapitel Pretty Vacant? – Weil es an der Zeit war, es zu beenden.“

Wenigstens das Düsseldorfer Etablissement wird von gleichgesinnten Überzeugungstätern aus Paderborn fortgesetzt und heißt ab März Club Cube. Der Verein Kulturbucht will mit der Stadt Castrop über künftige Fördermittel reden.

Flasche leer: Sieht es so bald überall aus? (Foto: Renata Avila)

Ansonsten bleibt zu hoffen, dass die Todesfälle kein Beginn einer Epidemie sind.

Erst wenn das letzte Bier getrunken, die letzte Zigarette geraucht, der letzte Ton verklungen und die letzte Kneipe geschlossen ist, werdet ihr merken, dass man von Ruhe und Ordnung nicht leben kann.“

(Weissagung der Cree des laufenden Wahnsinns)

Wir werden euch vermissen.

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