Neu-Sprech für Anfänger: “xxx-Missbrauch”

Besonders auffällig in diesen Tagen ist der inflationäre Gebrauch des  Wörtchens “Missbrauch”, das sich gerne eines scheinbar harmlosen Bindestrichs bedient:
- Wir hören von vielfachem “Kindes-Missbrauch” in Gotteshäusern und Jesuitenschulen, was die Sache sprachlich durchaus trifft, als ein Kind wirklich nicht dafür da ist, notgeilen Priestern und Lehrern den Schwanz zu lutschen. Wir hören aber auch, hier liege ein “Amts-Missbrauch” der Verantwortlichen vor, was im Umkehrschluss heißt, das Befingern von Schutzbefohlenen sei dem schönen Beruf des christlichen Erziehers total wesensfremd und habe in öffentlichen Beichtstühlen bzw. Internaten nichts verloren. So dass man sich fragt, mit wem man mehr Mitleid haben soll: Mit den Opfern, für die Sex ihr Leben lang etwas Ekelhaftes bleibt? Oder mit den Tätern, denen beim Missionieren ihrer Schäfchen auch privat einer abgeht? Oder mit der Kirche und der Religion, deren guter Ruf beim Bekanntwerden solcher Entgleisungen doch arg missbraucht wird?
- Wir hören vom “Stahlträger-Missbrauch” bei der Kölner U-Bahn, was die Sache sprachlich durchaus trifft, als die Dinger eigentlich zur Abstützung von Tunneln und nicht für den freien Schrottmarkt bestimmt sind. Wir hören aber auch, hier liege ein “Amts-Missbrauch” der Verantwortlichen vor, was im Umkehrschluss heißt, “normaal” gehöre Pfusch am Bau nicht zum schönen Beruf des deutschen Bauunternehmers und müsse von den Behörden “eigentlich” streng unterbunden werden. So dass man sich fragt, über wen man sich mehr aufregen soll: Über die U-Bahn-Arbeiter, die auf solche krummen Touren ihren Lohn aufbessern? Über die Baufirmen, die Sicherheitsfragen offenbar als lästige Kostenfaktoren kalkulieren? Oder über die Politiker, deren guter Ruf als fürsorgliche Stadtväter und führungsstarke Pannenmanager doch arg leidet?
- Weitere eklatante “Missbrauchs”-Fälle: Der “Hartz-IV-Missbrauch” durch Menschen, die das Geld einfach verbrauchen statt sich eine anständige Arbeit zu suchen; der Missbrauch unschuldiger Schiedsrichterpfeifen zu sexuellen Handlungen; der Missbrauch roher Schweineleber zur vaterländischen Motivation minderjähriger Rekruten; der Missbrauch der Edelmetalle Gold, Silber und Bronze zur Dekoration von Leistungssportlern; der Missbrauch von Mikrofonen zum Stellen brunzblöder Fragen; der schier unüberschaubare Missbrauch des Wörtchens “Missbrauch”, der aber wahrscheinlich “nur die Spitze des Eisbärs” darstellt…

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