W. Sophie Reich // Im Theater

Das Bochumer Schauspielhaus. Mal aus ganz anderer Perspektive.

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Fotos: Roland W. Waniek

Frauen ab 70 gesucht, die chorisch sprechen können, hatte in der Zeitung gestanden: Das Schauspielhaus sucht Statisten! Klar, dass ich mich bewerbe, meine Liebe zum Theater ist ungebrochen! 10 Frauen erscheinen zum Casting, 5 werden gebraucht. Die finnische Regisseurin erklärt, worum es geht. Wäscherinnen sollen wir spielen, Schauplatz ist ein spanisches Dorf, Geschehnisse um „Yerma“, tragisches Gedicht in drei Akten von F.G. Lorca. Zwei Stunden würden wir auf der Bühne – in wechselnden Kostümen – präsent sein. Der Bühnenboden sei stark abgeschrägt, nicht leicht, darauf barfuß längere Zeit stillzustehen, wer also ein Rücken – oder Fußleiden habe, sei ungeeignet, das würde kein Honiglecken, und „ob wir etwas gegen Nacktheit hätten?“ Unsicher schauen wir uns an: Wie, nackt? In unserem Alter? Wer das ablehne, bekäme nur 30.-€ pro Auftritt, statt der üblichen 50.-€. Sie setzt uns die Pistole auf die Brust: Drei Frauen stehen sofort auf und gehen. Ich bleibe. Nach 14 Tagen bekomme ich Post vom Theater: Mein Statisten- Vertrag!

Während der Probenzeit erhalten wir einfache Baumwollkittel und Kopftücher aus dem Fundus. Leinenkleider und fein gefältelte Hauben werden uns später auf den Leib geschneidert. Die Kostümierung hilft, sich in die Rolle hineinzudenken. Müde, mit gebeugtem Oberkörper, geschafft von schwerer Arbeit knien wir am Waschtrog. Die Anweisungen der Regisseurin sind detailgenau, jede falsche Handbewegung, jedes unpassende Kopfdrehen wird bemerkt und sofort kritisiert. In englischer Sprache ruft sie ihren Unmut zur Bühne hinauf, schwer, es ihr recht zu machen. Die Sprachbarriere – ihr starker Akzent – sorgt für Missverständnisse. Die Wäschestücke müssen beim jeweiligen Stichwort des agierenden Schauspielers synchron ins Wasser getaucht, auf Kommando hochgehalten, ausgewrungen und erneut ins Wasser geklatscht werden: Gnade uns, das geschieht nicht bei allen Waschfrauen zeitgleich! Ein Wischtücher-Ballett, im Takt der eingespielten Musik. Diese Choreographie ist der Regisseurin äußerst wichtig und erbarmungslos lässt sie uns wiederholen „once again“… das dauert Stunden und die anfängliche Begeisterung, Statist zu sein, verschwindet, löst sich auf in Unmut, schmerzenden Knien, Müdigkeit!

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Statist sein heißt warten lernen. Es gibt einen Probenplan, der am schwarzen Brett aushängt: Wenn wir Glück haben, bleibt es bei den anberaumten Zeiten, regelmäßig aber wird geändert, manchmal gehen wir unverrichteter Dinge wieder heim, schade um die Zeit. Marionetten sind wir, hilflos an Fäden hängend, und selbst die Schauspieler beugen sich diesem Ablauf, weil sie es müssen. Die wahren Könige im Theater sind Regisseure, ausgestattet mit grenzenloser Macht! Wir verstehen jetzt, was Elmar Goerden in seiner Abschiedsrede als scheidender Intendant über Theaterarbeit sagte: „Schauspielerei, das ist ein gnadenloser Beruf. Es ist Fallenstellerei. Ein Regisseur ohne Schauspieler ist ein armes Schwein. Ein Schauspieler ohne Regisseur ist immer noch ein Schauspieler“.

Im dunklen, engen Gang hinter der Bühne warten wir auf unser Zeichen: Premiere! Jede Unebenheit im Fußboden, jede Treppenstufe ist mit weißen Bändern markiert: Ja nicht stolpern, leise, leise…kein Wispern ist erlaubt und wir bangen, wenn jemand von uns Husten-oder Niesreiz unterdrücken muss! Fast nackt sind wir in einer der letzten Szenen: Der bodenlange, an einer Brautkrone befestigte, sehr sehr durchsichtige Schleier entblößt unsere alternden Körper, statt ihn gnädig zu verhüllen. Hängende Brüste, schlaffe Schenkel und als sei das nicht genug, werden in der Maskenbilderei unsere vorhandenen Gesichtsfalten mit schwarzer Mascara vertieft. Nein, schön sind wir nicht, alte Weiber unterm Brautschleier, groteske Kostümierung, in der wir anfangs befangen sind, inzwischen aber unsere Scham mit den Alltagskleidern in der Garderobe zurückzulassen. Warum im modernen Regie-Theater so häufig nackte Körper, Sex-Szenen gezeigt werden, bleibt fragwürdig: In unserer tabulosen Zeit wendet sich das Theaterpublikum eher gelangweilt ab und die Frage steht im Raum, wann Regisseure sich auf das besinnen, was alle Dramatiker, was Shakespeare, Lessing, Schiller, Kafka, Brecht, oder in unserem Fall Lorca, in wunderbar zeitloser Sprache und Thematik erzählen? Lorca’s Text – anfangs 80 Seiten umfassend -, wurde im Lauf der Probenzeit auf 30 Seiten gekürzt und mit Versatzstücken heutiger Sprache aufgepeppt, Worte, die der Dichter seiner tragischen Heldin nicht in den Mund gelegt hätte!

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Die Spannung, Nervosität, die jeden Mitwirkenden einer neuen Produktion am Premierenabend erfasst, ist fühlbar, knistert im Gebälk von Bühne und Kulissen. Alle umarmen sich, „toitoitoi“- Küsschen werden gehaucht, jeder ist hochkonzentriert: Die Bühnenarbeiter, zuständig für alle Umbauten und Requisiten, die parat liegen müssen, die Beleuchter, die Tontechniker, die Inspizient- in an ihrem Pult, die Regie-Assistenten, die zusammen mit den Garderobenfrauen für reibungslose, schnelle Kostümwechsel zuständig sind, jeder weiß, was er zu tun hat…tausendmal geprobt. Eigentlich kann nichts schiefgehen und doch geht immer irgendetwas schief! Kleine Pannen werden routiniert überspielt, das Publikum bemerkt nichts davon – manchmal aber doch.

Unsere Bewunderung gilt den Schauspielern, die ihre Texte beherrschen und souverän ruhig scheinen, obwohl es im Innern brodeln muss. Adrenalin wird in Mengen ausgeschüttet, pumpt in jeder Ader und es wird klar, warum Premierenkarten beim Publikum besonders begehrt sind: Alles ist neu, das Theaterstück in dieser Inszenierung, mit diesen Schauspielern, in diesem Bühnenbild, vorher so nie gesehen und gehört: Mit Nichts vergleichbar ist diese Euphorie, die von Lampenfieber geschüttelte Energie und Spielfreude aller Akteure: Der Charme des Erstenmals!

„Die Bühne“, sagte Elmar Goerden, „ist eine Zeitschleuse und eine Ortsschwelle. Sie ist ein Tanzboden, der sich hingeben kann und der großzügigste Liebhaber, der alles verzeiht. Die Bühne ist mitunter aber auch die elendeste Einöde und das, was die Höhen-Bergsteiger die Todeszone nennen. Ein Ort ohne Gnade. Ein Resonanzraum, der sich taub stellen kann. Ein Schlachtfeld. Ein Aufschlagplatz für abstürzende Seiltänzer.“

(Nachdem „unser“ Stück ein Jahr auf dem Spielplan stand, wurde es im März 2013 abgesetzt. Aller Mühen und Anstrengungen zum Trotz: Schön, dabei gewesen zu sein!).

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Schauspielhaus Bochum ...

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Schauspielhaus Bochum ... 51.472228, 7.217481 ... von der Bühne aus gesehen

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Helga Brauneck // Eiberger Straße.

Gedicht über eine besondere Straße. In Bochum. Wo sonst?

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Foto: Ruhrpott

Ein Garten, ein uraltes Haus sollt’ es sein …
der Sommer, ein Kirschbaum! So zogen wir ein.
Die Nachbarn der Zukunft studier’n uns genau,
erklär’n ihren Namen: „Wie Käse für lau.“
Der Carlos will helfen, sägt Äste und schwitzt.
„Halt stopp!“ ruft der Erich, „bedenk’, wo Du sitzt!“
Herr H. steigt aufs Dach und zwingt Bretter in Form.
Er liebt halt die Künste und hasst jede Norm.
Das passt nicht? Von wegen. „Das wär’ doch gelacht!“
sagt Jupp, „na, dann wird es halt passend gemacht!“
Herr W. kommt mal rüber – „ein Baum fehlt hier noch!“
W i r geh’n einen kaufen. E r buddelt das Loch.
Hund Bruno, der seine Erziehung vergisst
Und Mätzchen, dem Kater, die Brocken wegfrisst,
der weiß, daß ihm nun eine Strafpredigt blüht, -
weshalb er den Briefträger gar nicht gern sieht.
Trotz Rauch und Gerüchen, mag sein, wie es will …
Es gibt soviel Gäste. Wir brauchen ’nen Grill!
Kartoffelsalat und viel Senf und viel Bier …
Wir leben in Zeiten der offenen Tür!
Der Dennis kann schaukeln, so hoch wie das Dach!
Die Mama pflanzt Blumen, der Patrick macht Krach.
Der Christopher baut sich aus Brettern ein Haus,
ein Käfer mit Punkten verzehrt eine Laus.
Libellen, die feiern am Teichrand ein Fest,
die Erdbeern erröten, die Jungen im Nest
erheben die Stimmen, sie rufen herbei
die Schwarzdrosselmutter; die kommt mit Geschrei
von oben im Sturzflug. – Die Würstchen sind gar.
Herr Karl erzählt gerne, wie’s früher mal war.
Das Starenkonsortium, es fasst den Beschluss,
dass man alle Kirschen jetzt gleich ernten muss.
Im Sonnenglast liegt sie und streckt sich die Katz
Und gähnt und betrachtet im Mausloch die Hatz.
Sie wundert sich, was dieses Mäuslein denn hat?
„Das Mehl war wohl bitter?“ vermutet sie satt.
Filippo macht Witze und Jaime, der lacht.
Das Baby hat eben ein Pfützchen gemacht,
was wieder der Oma so gar nicht gefällt.
Christinchen lernt Radfahr’n. So friedlich die Welt!
Was bleibt zu berichten: Die Lok unter Dampf –
Der VfL Bochum im Absteigerkrampf –
Die Tauben , die heimkehr’n zurück in den Schlag …
Der Abend lobt heut schon den morgigen Tag.
Ganz leise, so schleicht sich die Nacht nun heran.
Im Hause wird’s hell, denn die Sportschau fängt an.
Der Herbert im Fenster hat Träume zuhauf.
Er kann nachts nicht schlafen und passt auf uns auf.
Nur „Ane …“ weint fern noch ein türkisches Kind. –
Und wer’s mir nicht glauben will, schreib’s in den Wind:
Vergrab unterm Kirschbaum das Reisegepäck!
Wir sind hier hier zu Hause, zieh’n nie wieder weg!

Noch eins will ich sagen: Ihr „Herren“, hört zu –
Die Hunde sind nett, n i c h t ihr Schitt unterm Schuh!

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Bochum, Eiberger Straße

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Bochum, Eiberger Straße 51.430280, 7.139654 Ein Gedicht

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Streetart aus der ganzen Welt entdecken

Leider noch nicht im Projekt: StrretArt aus Bochum.

Leider noch nicht im Projekt: StrretArt aus Bochum.

Sehen und gesehen werden, das ist nicht nur das Motto der High-Society, sondern ironischerweise auch ein Schlüsselfaktor beim Sprayen, Taggen & Co. Mit seinem neusten Projekt fügt Google dem eine neue Dimension zu.

Google Street Art Project nennt sich das neue hippe Kind des Großkonzerns. Auf einer Karte können Graffiti und andere urbane Kunstformen aus der ganzen Welt entdeckt werden. Bisher beschränkt sich dieser Entdeckerspaß jedoch weitestgehend auf Metropolen wie London, Paris oder New York. Spannend ist eine derzeit über 200 Bilder umfassende Sammlung an Philippinischer Streetart. Auch in Südamerika und Nordafrika sind einige Werke verzeichnet. Deutschland ist hingegen weitestgehend ein weißer Fleck auf der StreetArt-Karte. Selbst aus Berlin sind nur zwei Bilder vermerkt, Das Ruhrgebiet, Köln oder Düsseldorf tauchen bisher gar nicht auf.

Dass liegt vor allem daran, dass das Google Street Art Project leider kein Mitmachprojekt ist, in dem jeder seine Handyshots hochladen und auf der Karte verorten kann. Stattdessen arbeitet Google im Rahmen seines Cultural Institutes mit Galerien und Museen zusammen, die ihre Sammlungen zur Verfügung stellen und auswählen. Offenkundig gibt es in NRW derzeit noch keine solcher Partnerschaften. Ein weiteres Problem dürften die strengen Urheberrechtslinien hierzulande sein: Es werden ausschließlich freigegebene Werke oder solche, bei denen das Urheberrecht bereits verjährt ist, aufgenommen.

Galerien, private Sammler, Künstler oder Museen, die gerne an dem Projekt mitarbeiten möchten, können über ein Formular Kontakt zu Google aufnehmen.

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Lisa Katarina Zimmermann // Der Lieblingsort für Fernbleibende

Der Lieblingsort in Bochum? Herz und Hirn des Bochumers selbst natürlich!

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Fotos: Tobias Drabe – Impressionen von Speed of Light im Westpark

Ein bisschen schön ist Bochum, also auch ein bisschen hässlich. Nichts besonderes im Reigen von kleineren Großstädten.

Altbau? – gibt es nicht viel, Nachkriegsbauten mahnen vor Krieg und hoffen auf Frieden (und Sanierung).

Zoo? – der von Duisburg macht mehr her, der hat Delfine, Bochums Robben hingegen ziehen keine Bötchen.

Theater? – hat eine große Zeit gehabt, glanzvoll nicht nur im äußeren Erscheinen, aber besonders und wertvoll? Auch Haußmann und Hartmann sind älter geworden.

Musik: Konzerthaus? – guckt doch über den Tellerrand liebe Bochumer, Philharmonie und Konzerthaus liegen vor euren Stadttoren.

Menschen? Ja haben wir; da gibt es 365.854 plus minus.

Einer von denen, Student, der den Nachkriegsbau nun eben mit Leben und Styroporstuck füllt. Kreuzberg muss warten.

Die Zooschülerin, die sich liebend gern um Robben kümmert, die klingen ja auch irgendwie angenehmer als Delfine.

Die Theatermalerin, hingebungsvoll für ihre Heimat und ihren Beruf, die Frickas in der Kantine sind eh die besten und Anselm nistet am Tana Schanzara Platz.

Und der Bochumer Symphoniker, der sein Orchester liebt und zu diesem Klangkörper hält, auch wenn er in einem zu groß geratenen Hörsaal spielt und in einer alten Zeche probt, immer mit der Hoffnung auf eine wahre Spielstätte mit Akustik und ohne Zugluft.

Mein Lieblingsort also? Herz und Hirn des Bochumers selbst.

Anpacken können, Solidarität mit einer Stadt und deren Bürger zeigen, auch in schwierigen Zeiten.

Stolz darauf sein können, woher man kommt und woraus man ist. Nichts schönreden müssen und auch nichts kleinreden wollen, dann ist Bochum sowieso immer mit einem, egal ob in Berlin, Hamburg oder eben auch in Düsseldorf.

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In Bochum

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In Bochum 51.481597, 7.204113 Schön sind die Menschen hier

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Hannah J. Iberer // Bochum aus Sicht der Außenwelt

Bochum liebt dich!

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Foto: Heide Brusis

„Und woher kommst du?“- „Aus Bochum.“ – „Wo liegt denn das?“ – „Im Ruhrgebiet.“ – „Ah, Köln und so, gell?“
Oder: „Ah, Bochum, kenn ich, da war ich mal.“ – „Ach echt? Wann denn?“ – „Ach, ist ewig her, war da mit meiner Familie beim Starlight Express.“
Oder: „Bochum, da wird doch die weiße Wäsche beim Aufhängen grau, gell? Ha ha ha!“

Solche und ähnliche Unterhaltungen muss man führen, wenn man außerhalb seiner Heimatstadt von seiner Heimatstadt erzählt. Bochum. Gehört hat man den Namen schon mal. Man weiß auch ungefähr, wo es liegt. Im Süden, bei Bayern oder in der Nähe vom Schwarzwald, oder eben neben Köln. Dabei konnte Herbert es doch nicht deutlicher sagen: Es liegt im Westen, „tief im Westen“ sogar! Das mit Köln könnte man, rein geographisch, ja noch fast, ganz fast, akzeptieren, aber Köln liegt definitiv nicht im Ruhrgebiet und das den Leuten klarzumachen, könnte zu einer Lebensaufgabe werden.

„Ja, in Bochum war ich auch schon mal. Also, bin da mal durchgefahren. War auf der Durchreise. Naja, nicht besonders schön. Alles grau. Und die Uni, da kriegt man ja Depressionen!“
- Naja, schön ist Bochum nicht, nicht überall, nicht objektiv gesehen, nicht, was man so allgemein als „schön“ bezeichnen würde. Dennoch, Bochum ist schön auf seine Art. Bochum ist vielseitig, hat schöne Ecken. Der Stadtpark im Winter verwandelt sich ab und zu in eine Winterzauberlandschaft. Doch selten führt es einen Durchreisenden dorthin.

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Foto: Monika Heer

Wenn man Industriekultur mag, besucht man vielleicht das Ruhrgebiet. Aber doch eher Essen oder Duisburg. Diejenigen, die sich auskennen, kommen trotzdem nach Bochum, Kulturinteressierte wissen, was die Stadt zu bieten hat. Nicht nur Industriekultur.

Vielleicht ist Bochum schön, wenn man sich drauf einlässt. Wenn man eintaucht in die Stadt, in die Mentalität ihrer Bewohner.

Wer in Bochum geboren ist, groß geworden ist, ist nicht unglücklich, dort zu sein. Wer immer schon in Bochum wohnt, will selten woanders wohnen.
Einige, die trotzdem gehen, vermissen Bochum, vermissen das Bier, vermissen die Menschen, die „normalen“ Menschen, hier, wo das Herz noch zählt.

Wer nicht in Bochum geboren ist, wer ein Zugezogener ist, muss sich vielleicht dran gewöhnen. Bochum ist nicht schön. Aber Bochum ist liebenswert. Gibt Bochum eine Chance.

Bochum liebt dich.

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Fotos: Christian Reichel: Wattenscheid

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Bochum!

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Bochum! 51.476412, 7.214756 Hier, wo das Herz noch zählt!

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