Graf Öderland im Grillo-Theater Essen: Schauermärchen oder Realität?

»Graf Öderland geht mit der Axt in der Hand, Graf Öderland geht um die Welt.« so lautet der muntere Kinderreim, der in Max Frischs Stück „Graf Öderland“ das Gleichgewicht zwischen Recht und Unrecht durcheinander zu bringen scheint. Alles beginnt mit einem Mord ohne Motiv: Ein bisher tadelloser Bankangestellter erschlägt den Hauswart der Bank-Union mit einer Axt.

Jan Pröhl, Sven Seeburg, Laura Kiehne (Foto: Thilo Beu)

Rastlos schreitet der Staatsanwalt (Jan Pröhl) nachts im Bademantel umher, der Fall lässt ihm keine Ruhe – Nicht weil er ihn nicht versteht, sondern weil er ihn zu gut versteht. Und so braucht es nur einen Funken, ausgelöst von dem unschuldigen und feenhaften Dienstmädchen Hilde, bis die Akten brennen und der Staatsanwalt aus seiner Alltagsstarre befreit wird. Wenig später greift er selbst zur Axt und wird vom Verbrecher, zum Vorbild und schließlich zum Rebellenführer, dessen Revolution sich verselbstständigt.

Max Frischs Schauermärchen ist komplex: In 12 Bildern setzt sich die Hauptgeschichte aus vielen kleinen Einzelschicksalen und Nebensträngen zusammen, oft wurde es sogar als unspielbar bezeichnet. Tatsächlich muss das Grillo-Theater einiges auffahren, um Graf Öderland zum Leben zu erwecken: 14 SchauspielerInnen, also fast das gesamte feste Ensemble, spielen die mehr als doppelt so vielen Charaktere des Stücks. Besonders stark ist an diesem Abend Laura Kiehne, die nahezu alle weiblichen Hauptrollen übernimmt, vom märchenhaften Dienstmädchen zur rebellischen linken Ikone bis zur kühlen Machtfrau. Auch das Bühnenbild (Kathrin Frosch) steckt voller Symbolkraft: Das Gesicht des Mörders prangert wie ein Phantombild im Hintergrund, er war nur Auslöser, eine Idee. Eine riesige Schneefläche, glatt poliert wie Marmor, bedeckt die gesamte Bühne und unterstreicht die Kälte und Festigkeit der Macht. Die kurzen Feuer der Rebellion können sie nicht endgültig zum Schmelzen bringen. Musikalisch hingegen versetzt einen das Stück in eine Art fabelhafte Welt der Amélie und kontrastiert so die kalte und aussichtslose Gesamtatmosphäre.

Mit dieser Inszenierung zeigt das Grillo-Theater, dass es trotz Sparzwang noch aufwendige und große Inszenierungen auf die Bühne bringen kann. Den Zuschauenden wird ein intelligentes Schauspiel geboten, das zur Reflexion über Justiz, Macht und die eigene Lebensplanung anregt.

Lisa Sänger

Graf Öderland Termine

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