Die Sterne im Bochumer Bahnhof Langendreer: Ein Stück Ewigkeit

Mit der EP FÜR ANFÄNGER melden sich die Urgesteine der Hamburger Schule, die Sterne, 2012 zurück. Nach sage und schreibe 20-jährigem Bestehen. Dass Neuaufnahmen zeitloser Schönheiten wie „Was hat dich bloß so ruiniert“ noch frischer als im Original klingen, mag man aufgrund der gealterten Bandmitglieder kaum glauben. Den Beweis trat die Truppe um Sänger Frank Spilker vergangenen Freitag im Bahnhof Langendreer in Bochum im Rahmen ihrer vier Städte beinhaltenden Mini-Tour an.

Was gleich zu Beginn auffällt: Das Publikum gestaltete sich wie erwartet sehr heterogen, was daran liegen mag, dass der Club eine Melange von Fans erster Stunde und Fans mit dem Fluch der Spätgeborenen beherbergt. Für die Sterne dürfte dies nur eine Bestätigung der Zeitlosigkeit ihrer Perlen sein. Ohne Umschweife und Vorband, aber mit Nachdruck  präsentierten die Drei ihre Klassiker wie „Universal Tellerwäscher“ und „Nach Fest Kommt Lose“. Auf eine lokalpatriotische Version von „Big In Berlin“ musste der Ruhrpott trotz selben Anfangsbuchstabens der Stadt aber vergebens warten, denn das klänge laut Spilker einfach nicht richtig. Das Augenzwinkern bei diesem Hinweis lassen ihn wie den einst jungen, ungestümen Frank aussehen, der sich den Bandnamen schon sicherte, als er mit Jochen Distelmeyer und Blumfeld seine ersten Bühnen unsicher machte.

Die Augen der älteren Anhängerschaft beginnen indes zu leuchten: An diesem Freitagabend werden sie in ihre Jugend katapultiert, um dort noch einmal die Zeit des Selbstfindens, des Umherschweifens nachzufühlen. Mag es an Spilkers überraschenderweise sehr jugendlichen Gesang liegen oder eben an der Tatsache, dass die Songs Fragen aufwerfen, für die auch Tocotronic und Kettcar keine Antworten liefern können? Ob Jugend in Gedanken oder tatsächliche: Die Menge ließ sich gerne tragen von den psychedelischen Indiesongs, die mal grooviger, mal reduzierter durch Bochum schallten. Das sonst oft als Lieferant bloßer Begleitmelodien missbrauchte Keyboard  wurde, wie bei den Sternen üblich, als untrennbarer Bestandteil des Bandsounds anerkannt, der den Songs eine sphärische Dimension verlieh. An die Hand genommen durch eine Reise eines Kopfes voller Fragen, spielten sich die drei Hemdträger durch zahlreiche Titel („Deine Pläne“, „24/7“, „Das Bißchen Besser“ ) ihrer neun Alben. Inmitten des Konzerts streute Sänger Spilker immer wieder diese kleinen Tanzeinlagen ein, die Erinnerungen an Ian Curtis´ markanten Ausdruckstanz wachwerden ließen. „So möchte ich in 20 Jahren auch noch sein!“, denkt man sich insgeheim, wenn Attitüde, Bühnenpräsenz und Aussage derartig ineinandergreifende und natürliche Mittel  sind, die Leute zu an seine Lippen zu fesseln. Währenddessen fiel auf, dass  einem erfreulicherweise kein Meer von Handylichtern entgegen funkelte, die älteren Semester legen offenbar Wert darauf, seine Helden  lieber durch die eigenen Augen als durch  mobile Displays zu erleben.

Es sind diese kleinen sympathischen Momente, die das Konzert in guter Erinnerung halten werden. Ob das nun nach vielen Jahren ein Verspieler, der zum Abbruch führt, beim 1992er-Hit „F*ckt das System“, ist oder dass beim Merchandise-Stand „Nichts“ für 0€ feilgeboten wird  und Zeilen wie  „Tanz den Burnout, tanz das Syndrom!“ („Depressionen aus der Hölle“) zum Lächeln und Nachdenken gleichermaßen anregen. Zum großen Abschluss wurden Fans auf die Bühne gebeten, um die Band Zigaretten rauchend bei „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“ in den Abend zu entlassen. Inmitten des blauen Dunstes hoffen wir inzwischen auf weitere 20 Jahre!

Marc Braun

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