Puff Daddys – Ein Buch erinnert an Kölner Rotlicht-Größen aus längst vergangenen Zeiten

In den 1960er und 1970er Jahren genoss Köln in der gesamten Republik einen legendär schlechten Ruf. Als Sündenpfuhl war die Domstadt seinerzeit verschrieen, das Boulevardblatt Express schrieb sie gar zum „Chicago am Rhein“ rauf – oder runter, je nach Sichtweise. Neben Hamburg und Berlin galt Kölle als die Hochburg des Verbrechens im Land. Rotlicht- und Sittlichkeitsdelikte waren ebenso an der Tagesordnung wie Glücksspiel, aber auch Diebstahl, Hehlerei, Raub und Einbruch. Jene, die das mit zu verantworten hatten, hören auf so klangvolle Namen wie Dummse Tünn, Schäfers Nas oder Frischse Pitter – und wurden gefürchtet, übten aber gleichzeitig auch eine nicht zu leugnende Faszination auf das ottonormale Bürgertum aus. Natürlich waren die Granden der Kölner Unterwelt brutal und böse, eiskalt und abgebrüht, aber auch naiv, unverwechselbar und vor allem authentisch. Dass das Bedürfnis nach Authentizität ein großes ist und das Interesse an den „Königen vom Ring“ bis heute nicht erloschen ist, bewies der 2011 produzierte Film „Wir waren das Miljö“ von Peter F. Müller.

http://www.youtube.com/watch?v=em_QzNA0qTs

Nach dem überwältigenden Erfolg des 105 Minuten langen Machwerks, das auf DVD zu erwerben ist, liegen die Geschichten über die Puff Daddys aus der Karnevalshochburg mittlerweile auch in Buchform vor. „Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu“ (Kiepenheuer & Witsch) entführt in eine Zeit, in der der Champagner in Strömen floss (Koks hielt erst später Einzug in die Szene) und Mann, wenn er denn in bestimmten Lokalen verkehrte, mir nichts dir nichts, so jedenfalls schildert es das Buch, zum Zuhälter emporkommen konnte. Beispiel Peter Frisch, besser bekannt als Frischse Pitter. Dem steckt auf einer fünftägigen Besäufnistour eine Dame plötzlich Geld zu und übernimmt seine Getränkerechnung. Da zählt er gerade mal 16 zarte Lenze – und versteht zunächst die Welt nicht mehr. „Nimm an un halt dat Muul“ rät ihm ein Begleiter, der mit den Gepflogenheiten des Milieus bereits vertraut ist. Und Pitter lernt schnell. „Et kann och ohne Arbeid Jeld jevve!“ Und „Jeld“ verdient er in den kommenden Jahren reichlich – gibt allerdings, und das ist eine Parallele zu allen seiner Kollegen aus der Zeit, auch alles mit vollen Händen wieder aus. Rolex und dicke Goldkette waren im Milieu ebenso Pflicht wie die einschlägigen PKW (Porsche, Mercedes, Geländewagen). Und auch in die Garderobe wurde kräftig investiert – die der Damen sowieso, aber auch die eigene.

 

In ganzer Pracht: Frischse Pitter

Den Vogel der modischen Verfehlungen schießt in dem mit vielen Fotos bebilderten Buch Frischse Pitter ab. Der hatte im Sommerurlaub auf Gran Canaria von Rotlichtgrößen aus Frankfurt und Hamburg gehört, was man als Lude von Welt so trägt, nämlich Lederanzug. Einen ebensolchen ließ er sich gleich nach seiner Rückkehr bei einem Edelschneider auf der Ehrenstraße maßanfertigen. Das braune Modell mit den Fransen sollte nicht das letzte seiner Art in Pitters Kleiderschrank bleiben: Nur wenig später erwarb er ein Exemplar aus weißem Antilopenleder – passend zum weißen Corvette Cabrio. Er kommentiert das so: „Die Corvette wor wieß, der Kerl dadrin wor wieß un brung jebrannt. Ich jefiel mir su!“ Leider ist das beschriebene Outfit nicht im Bild festgehalten worden, sondern nur die braune Fransen-Variante. Die aber bildet zweifelsohne den optischen Höhepunkt des Buchs.

Mit Adiletten zum Fuppes: Ludenfußballturnier

Natürlich brachte der Job im Rotlichtigen nicht nur Vorteile mit sich. Die meisten Protagonisten von „Chicago am Rhein“ haben mindestens einmal den Klingelpütz, das legendäre Gefängnis am Gereonswall, von innen gesehen. Und natürlich ging es – auch wenn die Branche damals nach Angaben der Buch-Autoren noch ohne Schusswaffen auskam – nicht ohne körperliche Gewalt. Regelmäßig ließen die Könige vom Ring die Fäuste sprechen – auch gegenüber den Damen, die für sie das Geld erwirtschaften. Über letzteres allerdings wird heutzutage nicht mehr gern gesprochen – eine gewisse Verklärung ist nicht von der Hand zu weisen. Und die ist nicht nur auf Seiten der Protagonisten vorhanden – auch die Allgemeinheit scheint die ehemaligen Rotlicht Kings bis heute für eigentlich gute Kerle zu halten. Zu einer Stadt, in der Klüngel nach wie vor zum Alltag gehört, passt das natürlich perfekt. Die reichen Männer von einst, zumindest jene, die noch nicht das Zeitliche gesegnet haben, führen im Hier und Jetzt übrigens ausnahmslos wieder ein sehr bescheidenes Leben. Der Lange Tünn beispielsweise verdingt sich als Aushilskellner und Garderobier, dazu bezieht er Harz IV. Ins Wettbüro zieht es ihn dennoch regelmäßig. Der Einsatz allerdings hat sich seit den „goldenen Zeiten“ doch ziemlich verändert: Er beträgt 50 Cent.

Peter F. Müller & Michael Müller: Chicago am Rhein – Geschichten aus dem kölschen Milieu, Kiepenheuer & Witsch

Lesungen: 24.1., 19:30 Uhr, Adolph’s Brauhaus, Neusser Str. 515, Köln; 12.3., 19 Uhr; Petersberger Hof, Petersbergstr. 41, Köln

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