
Der verlorene Drache - Foto: Diana Küster
Tanztheater- unter diesem Begriff sich etwas Konkretes vorzustellen fällt zunächst ein wenig schwer. Einige denken vielleicht an Pina Bausch und ihr Tanztheater in Wuppertal. Das war dann aber wohl zunächst einmal alles. Wie man jedoch ein Publikum vom Tanz als Möglichkeit des Ausdrucks begeistert, zeigt die Gruppe um die Regisseurin und Choreografin Malou Airaudo, die selbst Tänzerin im Pina Bausch-Theater war. Jedes Jahr verwirklicht das Schauspielhaus Bochum in Kooperation mit Pottporus e.V., einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge KünstlerInnen egal welchen Bereiches zu unterstützen, das Projekt „Renegade in Residence“ in den Kammerspielen.
Insgesamt sieben junge Menschen aus unterschiedlichen Tanzstilen tanzen in dieser Spielsaison für das Stück „Der verlorene Drache“. Es geht um den Menschen – um menschliche Beziehungen an sich und Emotionen. Von Wut über Trauer, Freude oder Albernheiten, bis hin zur Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Erstarrtheit.
Sieben weiße Türen vor einigen hohen Metallstangen und eine Menge rieselnder Sand konstruieren einen minimalistischen Hintergrund für das Geschehen. Der Sand, als verstreichende Zeit, als Sekunden, Minuten und Stunden, die uns durch die Hände rinnen. Die Türen, die sich öffnen und schließen im Sinne von vertanen Möglichkeit oder neuen Chancen. All dies schließt sich zusammen zu einem nahezu perfekt unperfektem Bild der Gefühlswelt eines Menschen. Modern Dance, Break-Dance und mechanische, wie unter Strom zuckende Körper beim Popping, einer Stilrichtung des Break-Dances, zeigen dem Publikum die unterschiedlichsten Möglichkeiten den eigenen Körper als Ausdrucksmittel für Gefühle zu nutzen und fördern gleichzeitig die Spannung.
Die Musik, von klassisch bis elektronisch, unterstreicht dabei immer das Geschehen und wird sogar teilweise von den Tänzern beeinflusst. Als jemand, die aus Sand geformte Schallplatte scratcht, waren einige Lacher zu hören. Doch manchmal ist es auch einfach nur still und man kann die TänzerInnen beinahe atmen hören.
Bei aller Traurigkeit und Nachdenklichkeit, die die Bilder produzieren, ist jedoch immer die Ästhetik der Bewegungen gegenwärtig. Die verzweifelten Drehungen und Sprüngen oder gleichförmigen Gruppenchoreografien lassen trotzdem noch Bilder voller leiser, verzweifelter Schönheit entstehen. Der Mensch, ein Wesen hin und her gerissen zwischen Höhen und Tiefen, allzu oft gefangen in sich selbst, ist auf der Suche nach Hoffnung und Liebe, nach emotionalen Grundbedürfnissen eines jeden von uns. Ob der verlorene Drache dabei der Mensch an sich ist oder eine Metapher, bleibt der subjektiven Interpretation überlassen. Objektiv lässt sich jedoch die Begeisterung des Publikums erkennen und erklären. Da ist es ein paar jungen Tänzern und Tänzerinnen mit ihrer ambitionierten Choreografin gelungen, ihre Zuschauer nur durch ihre Bewegungen und ihre mit dem Körper gezeichneten Bilder, zu erreichen und zu berühren. Und dafür war der lang anhaltende Applaus mehr als verdient.
Zum Programm des Schauspielhaus Bochum
Norma Heimel