Berührende Kunst oder die Kunst zu berühren – The Irrepressibles im zakk

The Irrepressibles in Worte zu fassen ist wahrlich kein leichtes Unterfangen. Das Londoner Art-Pop-Kollektiv ist weniger Band als vielmehr konzeptuelles Projekt, zwittergleich irgendwo zwischen Musik, Mode und Performance-Kunst einzuordnen. So verwunderte es auch nicht, die Halle des Düsseldorfer zakk am vergangenen Mittwoch bestuhlt vorzufinden. Mag sein, dass dies in erster Linie der leider äußerst überschaubaren Menge an Besuchern geschuldet war, doch ließ es auch auf ein eher ungewöhnliches Konzerterlebnis schließen.

Foto: zakk

Das Licht erlosch und neun Musiker in ausgefallenen Gewändern betraten die Bühne. Blas- und Tasteninstrumente zur Linken, Streich- und Schlaginstrumente zur Rechten. Über ihnen eine Diskokugel und einzeln baumelnde Glühbirnen, hinter ihnen eine imposante Spiegelwand. Die ersten Töne erklingen und das Orchester gerät in Bewegung. Exaltiert, aufeinander abgestimmt, Marionetten gleich. Die Assoziationen schlagen Purzelbäume: Travestie. Burlesque. Cabaret.

Inmitten von Oboe, Keyboard, Cello, Bass und Geige, perfekt gerahmt und leicht erhöht, erstrahlt jedoch vor allem Songschreiber, Sänger und Mastermind Jamie McDermott wie ein extravaganter Zeremonienmeister irgendwo zwischen Liberace und David Bowie in tiefster Stardust-Phase. Wenn er nicht gerade mit der Akustik-Gitarre seinen instrumentalen Beitrag zum Barock’schen Pop-Entwurf leistet, schwingt er seine Arme mit großer Geste und badet sich in Theatralik. Seine Erscheinung gleicht bisweilen der einer Operetten-Diva, doch ist es vor allem sein Gesang, der ihm eine ungeheure Präsenz verleiht. Da vermengt sich das schmerzliche Pathos von Antony & The Johnsons mit einer ungewöhnlich verführerischen Extravaganz und besonders aufgeladenen Emotionen, die hie und da fast schon in Schwulst auszuufern drohen – natürlich stets mit voller Inbrunst vorgetragen. Zu Beginn ringt McDermott in den wirklich hohen Passagen sogar die Lautsprecher nieder, ihm reißt eine Saite und aus der Küche des Hauses dringt gar das Klappern des Geschirrs. Aus dem hypnotisierenden Kosmos des Kollektivs wird dennoch niemand herausgerissen.

Auf Ansagen wird mit Ausnahme eines experimentell in die Stücke integrierten “Silence is sexy” und “We’re in love with Germany” vollkommen verzichtet. Stattdessen setzt es einen Schmatzer am Ende von “Splish! Splash! Sploo!” und die „Unbezähmbaren“ wildern weiter in ihrem überbordenden Fundus aus Chanson und Cabaret. Nach gut einer Stunde krönen sie ihr vornehm sinnliches Live-Kunstwerk mit den zwei stärksten Songs ihres Albums MIRROR MIRROR. “The Tide” vergleicht den Verlust eines geliebten Menschen mit den Gezeiten des Meeres, während sich die Beleuchtung zu “In This Shirt” in einen künstlichen Sternenhimmel wandelt. Gänsehaut. Stehende Ovationen. Eine solch theatralische Überzeichnung mag so mancher schnell belächeln, doch The Irrepressibles sind vielmehr der Beweis, dass etwas derart Artifizielles Tiefe besitzen und tatsächlich berühren kann. Eine Kunst für sich.

Text: Benjamin Doum

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